Bereits in der Schule habe ich eine wichtige Grundregel für das Verfassen journalistischer Texte gelernt. Man vermittelt bereits in den ersten Absätzen die wichtigsten Informationen. Alles was für den Leser oder die eigene Aussage weniger relevant ist, schreibt man weiter unten im Text. Das hat zwei Vorteile. Zum einen können solche Leser, die nicht die Mühe auf sich nehmen möchten, den kompletten Text durchzulesen, die wichtigsten Information bereits in den ersten Absätzen finden. Zum anderen geht die Grundaussage auch dann nicht verloren, wenn der Redakteur aus Platzgründen beschließt, den Text gegen Ende abzukürzen.
An diese Grundregel fühlte ich mich erinnert, als ich heute auf WELT-Online den Beitrag „Experten prophezeien Bangkoks Untergang im Meer“ gelesen habe. Der Artikel war unter „Klima und Umwelt“ gelistet, daher war jedem Leser schnell klar, dass es sich hier wohl um ein Problem handeln musste, welches durch den Klimawandel verursacht ist. Und auch die ersten beiden Absätze, offenbar extra verfasst für die Lesefaulen unter uns, bestätigen diesen Eindruck:
Die thailändische Hauptstadt Bangkok hat zusätzlich zu den verheerenden Überschwemmungen ein weiteres Problem. Experten wiesen darauf hin, dass sich die niedrig gelegene Metropole nur 30 Kilometer nördlich des thailändischen Golfs befindet, dessen Wasserstand bis 2050 um 19 bis 29 Zentimeter steigen dürfte.
Auch das Niveau des Chao-Phraya-Flusses, der bereits jetzt regelmäßig über seine Ufer tritt, dürfte weiter ansteigen. Wenn nichts zum Schutz der Stadt geschehe, werde Bangkok in 50 Jahren zum größten Teil unter dem Meeresniveau liegen, sagte der Klimaexperte Anond Snidvongs von der Chulalongkorn-Universität in Bangkok.
Diese Darstellung bestätigt das, was wir bereits so oft in den letzten Jahren gehört haben, und was wir in den nächsten Wochen als „informative Vorbereitung“ auf den diesjährigen Klimagipfel in Durban noch oft zu hören und zu lesen bekommen werden. Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Meere anschwellen und ganze Küstenregionen in den Fluten versinken werden. Dass diese Aussage bislang keine reale Grundlage hat, habe ich mehrfach dargestellt. Zuletzt hier.
Aber der WELT-Artikel hat für den Leser, der das Abenteuer wagt, auch über sie ersten beiden Absätze hinaus zu lesen, noch durchaus interessante Aspekte zu bieten. Es ist, so erfährt man, tatsächlich der Fall, dass Bangkok Gefahr läuft im Meer zu versinken. Nur die Ursache dafür ist (zumindest bislang) nicht ein steigender Meeresspiegel, sondern die übermäßige Entnahme von Grundwasser, wodurch das Land absinkt:
Für das allmähliche Absinken der Stadt wird aber auch die jahrelange aggressive Entnahme von Grundwasser (…) verantwortlich gemacht.
In den späten 70er-Jahren sank Bangkok deswegen laut einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie der Weltbank, der Asiatischen Entwicklungsbank und der Japanischen Bank für internationale Zusammenarbeit im Jahresdurchschnitt um zehn Zentimeter.
Das Wort „auch“ hätte sich der Autor durchaus sparen können, wie ein Blick auf Pegelmessungen in der Region recht eindrucksvoll darzulegen vermag. Hier eine Darstellung des Pegels in Pom Pharachun, direkt vor den Toren Bangkoks gelegen.
Von Anfang der 70er-Jahre bis etwa Mitte der 90er-Jahre ist ein Anstieg von etwa 80 cm zu beobachten. Das entspricht einer Rate von 32 cm in 10 Jahren. Oder 3,2 Metern in 100 Jahren. Eine Rate, die man völlig zurecht als bedrohlich bezeichnen kann.
Werfen wir jedoch einen Blick auf die Daten der Messstation Ko Sichang, auf einer Insel kaum 50 km von Bangkok entfernt gelegen, zeigt sich ein völlig anderes Bild.
Hier ist, wenn überhaupt, nur ein moderater Anstieg von maximal 5 cm in 60 Jahren zu beobachten. Von dem dem Text erwähnten Anstieg des Meeresspiegels im Golf von Thailand von 19 bis 29 cm in 40 Jahren also keine Spur. Und auch andere Stationen im Golf von Thailand, wie etwa die in Ko Lak, Ko Mattaphon oder Geting zeigen einen flachen Verlauf des Meeresspiegels im gleichen Zeitraum, als dieser in Bangkok so bedrohlich zugenommen hat.
Die Situation stellt sich beim Betrachten der Daten ganz anders dar, als uns der Autor des Artikels in der WELT gerne vermitteln möchte. Die „Jahrelange aggressive Entnahme von Grundwasser“ scheint nicht auch für das allmählich Absinken der Stadt verantwortlich zu sein, vielmehr sieht es so aus, als wäre das die Hauptursache.
Man kann also bei der Situation in Bangkok völlig zu recht davon sprechen, dass der beobachtete Anstieg des Meeresspiegels durch Menschen verursacht ist. Nur, mit dem Klimawandel hat das alles, im Gegensatz zum dem wie es uns die WELT gerne suggerieren möchte, ganz offensichtlich nichts zu tun.
Artikel zuerst erschienen im Science Skeptical Blog.


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