Wer kennt nicht die Bilder von Rubens, wo sich wohlbeleibte Männer, Frauen und Kinder tummeln und die Freude am Leben nur so strahlt? Hier, in diesem Buch aber, geht Willibald Sauerländer, ausgewiesener Kenner und ehemaliger Professor der Kunstgeschichte an der Freiburger Universität, den bekanntesten Altarbildern nach und er versucht dazu noch, deren katholischen Sinn zu deuten. -
Der Autor outet sich im Vorhinein als Agnostiker, deshalb sind seine Erklärungen in Bezug auf katholisches dogmatisches Denken und Lehren besonders interessant und man meint fast, er wolle noch jetzt im Alter irgendwie die Glaubenskurve hinbekommen. -
Wie dem auch sei, dieses Buch ist voll von äußerst eindringlichen Bildern, wobei mir persönlich das Antwerpener Altarbild heraussticht. Sauerländer deutet dieses Bild der Kreuzabnahme, wo Maria als mutige Frau in leuchtend rotem Kleid bei der Abnahme des Leichnams Hilfe leistet. Maria erscheint also gleichsam als Miterlöserin und – das ist jetzt der Hammer – ließe man den Leichnam los, würde er genau in die Hände von Maria Magdalena gleiten. Als Deutung wird nun angeboten, dass der Maler (wohl im Auftrag der kath. Kirche) das Dogma der leiblichen Anwesenheit bei der sog. Eucharistie illustrieren sollte. Gleichzeitig aber oder parallel dazu wird der sündige Mensch (Magdalena) als Gottes Objekt der Zuwendung gerechtfertigt. -
Von der damals vielleicht schon angedachten besonderen Verbindung Jesu zu Maria Magdalena mal ganz abgesehen, ist das nun die dritte Deutungsmöglichkeit, die uns heute besonders gefällt, sage ich mal. -
Eine Reihe herrlicher aber auch schrecklicher Bilder, wie das des Kindermordes in Bethlehem z.B. runden das ausführlich besprochene Werk ab. -
Rubens, der Maler natürlicher Figuren in starken Leibern, er wird hier zum Deuter des aufkommenden barocken Lebensmutes im katholischen Sinn. Denn, so ist es doch: bitte keine Angst vor dem Tod, auch wenn er schrecklich sein kann, denn hier im Leben bereits erscheint (so das Dogma der Heilslehre) die Erlösung als Weg, den man/frau gehen kann. -
Natürlich ist das eine gedankliche Finesse, eine Illusion wohl, doch sie wirkte und wirkt auch heute noch. Ich selber sitze bei jedem Gottesdienst im Gerolzhofener “Steigerwald – Dom” vor einer, allerdings seitenverkehrten – Kopie der Antwerpener Kreuzabnahme und bin deshalb etwas vorbelastet, was Glauben und Hoffnung angeht und gerade deshalb aber gefallen mir Willibald Sauerländers Bezüge zu
den heidnischen Stoikern besonders gut, da wohl hier einer der Ausgangspunkte unseres Glaubens zu finden sein dürfte, z. B. bei Seneca.
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