EIN STREIFZUG DURCH DAS PROGRAMM

Filmfestivals für Fortgeschrittene: EXGROUND 24

EXGROUND ist eine Wortkombination aus “Experimental” und “Underground”. In den ersten Jahren bestand das Filmfestival wohl nur aus Experimental- und Untergrundfilmen. Das Publikum für so etwas ist nicht groß. In den folgenden Jahren wurde das Spektrum erweitert, eroberte sich das Festival ein wachsendes Publikum und ist im Rhein-Main-Gebiet mittlerweile eine feste Größe. Dabei ist das Filmangebot größtenteils immer noch abseits von gewöhnlicher Kinoware.

Besonders lobenswert: Das Festival ist komplett ehrenamtlich organisiert.

Seit 1994 bin ich regelmäßig dabei. Einfach ist es meistens nicht, ein Kinofestival mit Vorstellungen bis in die Nacht zu bestehen und normale Arbeitstage dazwischen durchzustehen. Immerhin hatte ich in der betreffenden Woche Urlaub.

Schauplatz ist das Wiesbadener Caligari-Kino. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorf hat vollkommen recht, wenn er das Caligari als “Juwel unter den deutschen Lichtspielhäusern” bezeichnet. Es ist jedesmal ein Genuss, dort einen Film zu sehen. Das Festival ist komplett ehrenamtlich organisiert. Kleine Pannen gehören dann auch mal dazu und machen es noch sympathischer. Beispielsweise fiel 2008 am Eröffnungsabend ein Computersystem aus, die Kassiererin musste die Eintrittskarten handschriftlich ausfüllen und wohl auch noch Strichlisten führen, um nicht mehr Karten abzugeben als Plätze vorhanden sind, und sie behielt trotzdem die Nerven. Das führte zu kleineren Wartezeiten, die unter den Bedingungen der ehrenamtlichen Organisation durchaus zu verkraften sind.

Die Preise sind mit € 7,00 pro Vorstellung immer sehr moderat, eine Zehnerkarte kostet € 50,00.

Im günstigsten Fall stehen bereits einige Wochen vor Beginn des Festivals im Internet Inhaltsangaben und weitere Informationen zu allen Filmen bereit, was eine vorläufige Planung sehr erleichtert. Dieses Jahr stand der Spielplan ganze vier Wochen vor Festivalbeginn online.

Jedes Jahr gibt es einen Länderschwerpunkt und die Retrospektive einer Regisseurin bzw. eines Regisseurs. Der Länderschwerpunkt lag diesmal auf Israel.

Das Festival wird unter Anderem von den Wiesbadener Verkehrsbetrieben gesponsort und das bedeutet für Kinobesucher/innen, dass sie eine Eintrittskarte als Kultur-Kombiticket verwenden und im gesamten Betriebsgebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbundes fünf Stunden vor Beginn der Vorstellung kostenlos anreisen und danach bis Betriebsschlus heim fahren können. Das ist wirklich großartig und ich werde dieses Angebot im weiteren Verlauf zwei mal nutzen. Allerdings ist es für Auswärtige nur bei Filmabenden ohne Spätvorstellung geeignet, da die letzte S-Bahn am Wiesbadener Hauptbahnhof auch an Wochenenden wenige Minuten nach Mitternacht abfährt.

Im weiteren Verlauf beschreibe ich kurz die gesehenen Filme – falls dies nicht ausreichend im Filmprogramm und gebe Bewertungen nach dem Schema von Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = mies).

Alle Filme laufen in Originalfassung. Nicht deutsch- bzw. englischsprachige Filme laufen in Originalfassung mit meistens englischen Untertiteln. Deutsche Untertitel gibt es nur bei Filmen, die zuvor auf einem anderen deutschen Filmfestival (meistens Berlinale) liefen. Synchronisationen bzw. deutsche Untertitel sind zu teuer für das Festival.

Freitag, 11. November
Ich setze aus und feiere meinen Geburtstag nach. Der
Eröffnungsfilm aus Israel scheint nicht uninteressant zu sein, wurde aber wohl unter sehr bescheidenen technischen Bedingungen gedreht und wird auf einer Blue-Ray vorgeführt; die Projektionsqualität ist unter solchen Bedingungen meistens alles andere als gut und ich verzichte gerne.

Samstag, 12. November

Die Anfahrt mit dem Wagen verläuft problemlos. Die Parkplatzsuche ist oft langwierig und kostet in manchen Bereichen in der Nähe zum Kino bis zu € 1,00 für 20 Minuten.

20:00 Uhr im Murnau-Filmtheater in der Nähe des Hauptbahnhofs

ROMEOS


von Sabine Bernardi
Deutschland 2011, Digitalprojektion, 94 Min. OF

Der Film erzählt mit viel Humor, Tempo und Feingefühl die Geschichte von Lukas, der im falschen Körper geboren wurde und dank Testosteron gerade seine männliche Pubertät erlebt. Voller Tatendrang stürzt er sich mit seiner besten Freundin Ine in sein neues Großstadtpartyleben. Dabei lernt er den äußerst attraktiven Fabio kennen, der vor Selbstvertrauen und Erotik nur so strotzt. Wie aber offenbart man jemandem seine Transsexualität, für den Männlichkeit so wichtig ist?

Die erste Ernüchterung kommt, als auf der Leinwand zu lesen ist “eine Produktion von ZDF – das kleine Fernsehspiel”, die zweite, als anstatt der angekündigten 35-mm-Projektion eine Digitalprojektion in gar nicht guter Auflösung das Licht der Leinwand erblickt. Da ärgere ich mich schon, denn die Digitalprojektion eines Fernsehspiels wollte ich hier nicht sehen. Was für andere Filmfestivals gilt, das gilt auch hier für mich: Wenn anstatt einer Filmproduktion eine Digitalprojektion gezeigt wird, erwarte ich, dass dies mit Begründung angekündigt wird.
Nach diesen zwei Ernüchterungen sehe ich ein glaubwürdiges und überzeugendes Drama um einen jungen Mann, der als Mädchen geboren ist und kaum erwarten kann, die letzten weiblichen Körpermerkmale los zu werden. Komplikationen gibt es in der Person der alten Freundin aus Mädchenzeiten, die lesbisch ist und mehr verliert als die beste Freundin. Bei aller Seriösität gibt es auch komische Szenen wie die Situation, als Lukas während einer Party auf dem Klo seine Penisatrappe von einem in der Badewanne kopulierenden Paar geklaut bekommt.

Der Film überzeugt durch sehr gute schauspielerische Leistungen, einen guten Erzählfluss und eine kompetente Regie. Fachliche Unterstützung hatten die Filmemacher durch die Hilfe von Fachmedizinern und Selbsthilfegruppen. Szenen aus dem Videotagebuch hätten kürzer gehalten werden sollen, da sie den Handlungsverlauf ein wenig stören.
Insgesamt: alle Achtung. Note = 2+
Im Filmprogramm steht, dass der Film regulär im Kino starten wird. Viel Erfolg!

Es ist zwar sehr schön, kostenlos mit Eintrittskarten die Wiesbadener Busse benutzen zu können. Wenn man aber um wenige Minuten den Bus verpasst, an einem Samstagabend zu nicht unbedingt nachtschlafener Zeit eine viertel Stunde der Bushaltestelle Hauptbahnhof warten muss und dann auf einmal vier Busse in die gleiche Richtung kommen, ist das schon nervig. Zur nächsten Vorstellung komme ich, als bereits der Vorfilm zu Ende ist.

22:15 Uhr im Caligari

MAD CIRCUS – EINE BALLADE VON LIEBE UND TOD [BALADA TRISTE DE TROMPETA]


von Álex de la Iglesia
Spanien/Frankreich 2010 35 mm 105 Min. OmU

Javiers Vater war Clown und wurde von den spanischen Faschisten umgebracht. Über 40 Jahre später, während der Franco-Ära, heuert auch Javier bei einem Zirkus als trauriger Clown an. Dort trifft er auf Sergio, den Star der Manege, der eine sadistische Ader hat. Angetrieben von Wut, Verzweiflung und Begierde, kämpfen die beiden um die Liebe der schönsten Frau im Zirkus. Die bildgewaltige Groteske von Kultregisseur Álex de la Iglesia gewann beim Filmfest in Venedig 2010 die Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch.

Filme des Spaniers Alex de la Iglesia bedeuten normalerweise eine Handlung voll absurder und kranker Komik und Irrsinn. Ich mag die meisten seiner Filme sehr. Hier sehen wir keine Komödie sondern ein Drama voller Tempo, Tragik und Bürgerkriegstrauma, wobei die Thematik Bürgerkrieg an der Grenze zur Übertreibung ist. Hierbei kommt allerdings auch der Irrsinn nicht zu kurz.
Javier, der nach einem Beinahe-Mord an Zirkus-Boss Sergio im Wald lebt, wird gefangen genommen, zum Jagdhund (!) ausgebildet und bekommt die Gelegenheit, General Franco in die Hand zu beißen (wenn ich das alles richtig verstehe). Später verpasst er sich mit ätzenden Substanzen und einem Bügeleisen ein Permanent-Makeup als bizarre Clown-Visage und es kommt zu einem dramatischen Endkampf zwischen den beiden verunstalteten Zirkuskünstlern. Javier´s Vater wird vom spanischen Kult-Schauspieler Santiago Segura gespielt, mit dem de la Iglesia bereits mehrere Filme drehte.
Der Film wird im Dezember regulär in den deutschen Kinos laufen, ist sehenswert, wird allerdings weniger geeignet für die Konsumenten herkömmlicher Hollywood-Filme sein.
Note = 2

0:00 Uhr

DAS GRAUEN KOMMT UM MITTERNACHT

Für Freunde spannungsgeladener Kinounterhaltung und Lust am Nervenkitzel hat der Verleih der KurzFilmAgentur Hamburg ein einzigartiges Kurzfilmprogramm mit Psychothrillern, Horror- und Gruselfilmen zusammengestellt. Unheimliche Filme über das Böse und Unbekannte, über Seelenkeller und Kopfgeburten spielen mit der Angst vor dem Unbewussten und erzeugen Gänsehaut im Kinosessel. Das Grauen kommt mit acht Produktionen aus den USA, Neuseeland, Australien und Europa, darunter sieben Filmen, die renommierte Publikums- und Jurypreise bei internationalen Festivals gewannen. Wer das Grauen nicht scheut, sollte dieses Programm nicht verpassen. Das Team von exground filmfest wünscht schaurige Unterhaltung und hält beruhig enden Tee oder “Härteres” für Angsthasen an der Bar im Foyer der Caligari FilmBühne bereit!

Wir sehen eine Mischung aus einigen neueren und einigen wesentlich älteren (späte 80er) Grusel-Kurzfilmen. Das Endzeit-Szenario der Zombie-Apokalypse wird aus der Pespektive von Jugendlichen gezeigt, die ohne Eltern leben und sich die Freizeit zum Teil mit Experimenten zur Zombie-Vernichtung vertreiben. Ein über 20 Jahre alter Kurzfilm aus Neuseeland zeigt in düsterem schwarz-weiß, wie eine Frau einen haarigen Klumpen aus dem Abfluss zieht, den sie in der Badewanne aufquellen lässt, rasiert und anzieht und so einen Mann bekommt, der nicht lange Freude an seinem Leben haben wird. Nicht schlecht.

Montag, 14. November


Heute komme ich mit Öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist durchaus bequem und mit einer Fahrtdauer von ca. 50 Minuten durchaus akzeptabel. Spätabends verkehren die S-Bahnen nur noch im 30-Minuten-Takt und wer etwas zu spät kommt, sitzt recht lange auf dem zugigen Bahnsteig.

17:30 Uhr

BROTHER [HERMANO]


von Marcel Rasquin
Venezuela 2010 35 mm 96 Min. OmeU

In Venezuelas Hauptstadt Caracas, einem der gefährlichsten Orte der Welt, wollen zwei Jungs aus ihrem Leben in den Slums ausbrechen. Daniel träumt davon, ein Fußballprofi zu werden. Sein Bruder Julio muss die Familie ernähren, er hat keine Zeit zum Träumen. Als sie ein Fußballtrainer einlädt, mit der besten Mannschaft der Stadt zu trainieren, wittern die bis dahin unzertrennlichen Brüder die Chance ihres Lebens. Doch sie müssen sich entscheiden, was ihnen wichtiger ist: die Familie, Rache oder ihr Lebenstraum.

Offensichtlich wurde der Film mit sehr wenig Geld hergestellt, ist aber professionell. Gute Darsteller/innen, eine flotte Bildgestaltung – zugegeben mit ein bischen Kameragewackel während der Fußballszenen – und eine glaubwürdige Handlung überzeugen. Der Film wird wahrscheinlich außer auf ein paar Festivals nie wieder das Licht einer deutschen Leinwand erblicken, was sehr schade ist.
Note = 2

19:45 Uhr

GANTZ 2


von Shinsuke Sato
Japan 2011 35 mm 141 Min. OmeU

Kei und Masaro kamen bei einem Unfall ums Leben und wurden in eine andere Dimension gebeamt, wo eine mysteriöse Metallkugel namens “Gantz” ihnen befiehlt, Aliens und andere Wesen zu töten. Während sie tagsüber scheinbar in der realen Welt weiterleben, müssen sie bei den nächtlichen Kämpfen Punkte sammeln, um wieder unter die Lebenden zurückzukehren. Das atemberaubende Action-Spektakel GANTZ 2: PERFECT ANSWER ist der zweite Teil der Realverfilmung der bekannten Comicserie “Gantz” und war 2011 einer der größten Kinohits in Japan.

GANTZ – Teil 1 sah ich Ende April bei Nippon-Connection, dem japanischen Filmfestival. Woran ich mich erinnern kann, ist, dass die Gegner unserer untoten Superhelden zuletzt bei einem Tötungsversuch Riesenstatuen ein Museum zertrümmern ließen. Der Einstieg ist nach sieben Monaten fast so schwer wie ganz ohne Kenntnis des ersten Teils. Im Gegensatz zum ersten Teil ist kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Action-Szenen und Dialogpassagen. Die Action-Szenen erinnern an die Bildsprache der MATRIX-Filme und etwas an die Action-Coreographie eines John Woo, sind aber durchaus gelungen und dynamisch. Der Handlungsverlauf wird allerdings durch wiederholtes endlos erscheinendes Gequatsche sehr gestört. Irgendwann ist mir nicht mehr ganz klar, wer wer ist und zu wem gehört. Schade, das hätte besser und interessanter sein können.
Note = 4

Dienstag, 15. November


Erneut angenehme Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

17:30 Uhr

STADT LAND FLUSS


von Benjamin Cantu
Deutschland 2011 DCP 84 Min. OF

Eine herzerfrischend erzählte Coming-out-Story aus Brandenburg mit dokumentarischen Versatzstücken: Marco macht in der Agrargenossenschaft EG “Der Märker” (ja, die gibt es wirklich!) eine Ausbildung zum Landwirt. Er ist ein ruhiger Typ und lebt schon lange alleine. Jacob hat sein Abi gemacht und gerade seine Lehre zum Bankkaufmann geschmissen. Jetzt versucht er sich in der Agrargenossenschaft als Praktikant. Irgendwann mitten zwischen Kuhdung und Erntemaschinen kommen sich die beiden langsam näher …

Anstatt sich für das Eine oder Andere zu einscheiden, wurde eine Spielfilmhandlung mit nur zwei professionellen Nachwuchsdarstellern in eine Dokumentation über die Ausbildung milleugeschädigter Jugendlicher auf einem echten brandenburgischen Bauernhof eingefügt, in der alle anderen Auszubildenden sowie die Ausbilder und Sozialpädagogen von sich selbst gespielt werden. Eine reine Dokumentation über diesen Bauernhof hätte sehr spannend werden können. Die zunehmende Konzentration auf eine Spielfilmhandlung über das Coming-out von zwei schwulen Jugendlichen ist leider sehr öde und so interessant wie ein Kuhfladen für Stadtbewohner. Außerdem war wurde am Samstag die Messlatte für die sexuelle Selbstfindung Jugendlicher sehr hoch gelegt.
Note = 6! Nach ca. 40 Minuten gehe ich.

In der Einkaufszone gibt es ein asiatisches Restaurant, in dem abends für knappe € 10,00 ein Abendbuffet mit Salat, Sushi, acht oder zehn warmen Gerichten und gebackenen Bananen angeboten wird. Schlemmen bis zum Magendurchbruch für einen Zehner. Hier verrate ich nicht, wo es liegt, weil das Werbung sein könnte, aber die meisten Einheimischen kennen es.

20:00 Uhr

DEUTSCHER KURZFILMWETTBEWERB

2011 ist das Jahr der Veränderungen. Die Technik hat nun auch den Deutschen Kurzfilm-Wettbewerb eingeholt. Wir haben uns entschlossen, erstmals auch Videoformate zuzulassen, weil sie inzwischen eine ähnlich hohe, wenn nicht gleich gute Qualität bieten wie reine Filmformate. Positiver Nebeneffekt: Jetzt haben wir erst recht die Qual der Wahl bei der Vorauswahl für diesen Dauerbrenner und Publikumsmagneten von exground filmfest, der nunmehr in seine 19. Auflage geht! Wie immer haben wir bei der Zusammenstellung des Programms darauf geachtet, dass von allem etwas dabei ist. So präsentieren wir Ihnen Animationen, Dokumentarfilme, lustige und ernste Spielfilme sowie zwei Experimentalfilme. Wir sind sehr gespannt, wie Ihnen unser Programm gefallen wird. Neues gibt es auch von den Preisen zu vermelden. So werden wir das Preisgeld von 2.0S00 EUR für den zweiten Platz 2011 selbst vergeben. Wir hoffen natürlich, hierfür im nächsten Jahr wieder einen Preisgeber zu finden. Neu ist auch, dass uns die Firma Pille Filmgeräteverleih GmbH mit einem Sachpreis im Wert von 2.000 EUR für Video- und Filmtechnik unterstützt. Den dazu passenden Preisträger wird eine Jury der Firma Pille aus den zehn Beiträgen des Deutschen Kurzfilmwettbewerbs ermitteln.

Beeindruckend sind ein spannender Film über einen (angeblichen, so klar ist das am Anfang nicht) Serienmörder, der einem Reporter seine Geschichte andrehen möchte und mehrere unangenehme Überraschungen auf Lager hat, die Geschichte einer jungen Schülerin, deren Mutter Pornodarstellerin ist, eine Komödie zweier Sanitäter, die sich mit der Krankenwagentechnik und einer Fliege herumplagen müssen, sowie ein eine entlarvende Kurzdokumentation über die deutsche Kleingartenkultur und Ausländer aus der Türkei und Korea, die mit ihr konfrontiert werden.

Mittwoch, 16. November

17:30 Uhr

JESS + MOSS


von Clay Jeter
USA 2011 Digital Betacam 82 Min. OF

Der traumhaft fotografierte und preisgekrönte Film atmet das Flair der Südstaaten: Die 18-jährige Jess und der 12-jährige Moss sind Cousin und Kusine. Die Tage verbringen die beiden in den weiten Tabakfeldern Kentuckys. Ohne direkte Familienangehörige und gleichaltrige Freunde sind sie aufeinander angewiesen. Im Verlauf eines Sommers lassen sich Jess und Moss auf ein Abenteuer ein, das ihnen ihre größten Geheimnisse und Wünsche ebenso bewusst macht wie ihre Ängste vor Einsamkeit und einer ungewissen Zukunft.

Bis auf sehr wenige Szenen sind Jess und Moss völlig alleine. Die Eltern tauchen als halb verlöschte Erinnerungen in einigen Rückblenden auf. Es gibt eine kurze Szene mit zwei anderen Kindern und in einem Laden ist ganz kurz ein Erwachsener zu sehen. So wirkt es, als seien die Geschwister auf der Welt, und macht den Eindruck eines sehr sanft erzählten Endzeitfilms.
Regisseur Jeter lässt seinen beiden Filmfiguren sehr viel Zeit beim Herumstromern, Wohnen in verwahrlosten Häusern, dem Spiel mit Feuerwerkskörpern und der Untersuchung von Planzen und Insektenlarven unter dem Mikroskop.
Der Regisseur Clay Jeter und die Hauptdarstellerin sind anwesend und berichten über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung und beim Dreh. So war der ursprüngliche Film knappe 40 Minuten und sie mussten entweder auf einen ¼-Stunden-Kurzfilm herunter schneiden oder Szenen für einen abendfüllenden Film nachdrehen, was sie dann auch machten. Um nach den ursprünglichen Dreharbeiten im Hochsommer nicht zu viel Zeit zu verlieren, wurde dann im sehr kühlen März gedreht, wobei die beiden Darsteller in Shorts, ärmellosen Oberteil, T-Shirt – der Junge teilweise oben ohne – sehr froren.
Ein sehr interessanter und gelungener Film. Note = 2

20:00 Uhr

A STONE’S THROWN AWAY [A TIRO DE PIEDRA]


von Sebastián Hiriart
Mexiko 2010 35 mm 118 Min. OmeU

Jacinto Medina ist ein gelangweilter Schafhirte, mitten auf dem platten Land im Norden Mexikos. Als er eines Tages einen Schlüsselanhänger findet, deutet er dies als Zeichen. Er macht sich auf die Reise, um seine Träume zu verwirklichen. Hunderte von Meilen später überschreitet er die Grenze in die USA, getrieben von der Sehn sucht, seinen Schatz zu finden. A STONE’S THROW AWAY ist ein stilles Roadmovie, das den Protagonisten auf seinem Weg in ein “Traum”-Leben mit wunderschönen Bildern von Mexiko begleitet.

Die Geschichte des mexikanischen Hirten und/oder Hilfsarbeiters und/oder Arbeitslosen, der das Glück in den USA sucht, ist ohne jede optische oder erzählerische Rafinesse erzählt. Dazu kommt, dass sowohl die Filmfigur als auch der Darsteller einfach nur debil wirken und die gesamte Filmhandlung mit dem gleichen Gesichtsausdruck verbringen. Leider völlig uninteressant.
Note = 5

22:15 Uhr

ANIMATION

Ein Highlight der Kurzfilmprogramme bei exground filmfest: Elf fantastische Filme aus neun Ländern zeigen die Bandbreite der Trickfilmtechniken, vom Puppentrick über klassischen Zeichentrick bis zur Computeranimation. Tiere und Tod sind dieses Jahr ein beliebtes Thema: Insekten in Finnland, Moskitos im Iran, Katzen in der Türkei und Käfer in Deutschland. Der ungarische Film TICKET von Oscar-Gewinner Ferenc Rófusz schildert in wunderbarer Weise den Kreislauf des Lebens. Mit dem Stillstand im Leben, dem lebenswichtigen Schlaf und der Suizidgefahr beschäftigen sich Filme aus Deutschland, der Schweiz und Mexiko. Amüsanter wird es bei der alten Dame, die Besuch bekommt, und in HAPPY CHEESE wird uns weisgemacht, dass am Anfang der Käse war. Und in MY WORLD lernen wir, dass es sich lohnt, auf die wahre Liebe zu warten.

Freitag, 18. November

20:00 Uhr

SENSATION


von Tom Hall
Irland/Niederlande 2010 HDCam 107 Min. engl. OF

Donal (Domhnall Gleeson) ist Mitte 20 und irischer Farmer. Er ist ungehobelt, naiv und einfältig. Als sich die männliche Jungfrau eine Dame in sein unansehnliches Heim bestellt, entwickelt er erst eine bezahlte Liebesbeziehung zu Kim – und dann eine Geschäftsbeziehung. Der naive Donal hat nämlich eine geniale Geschäftsidee: Er will einen professionellen Escort- Service auf dem Lande aufziehen. Tom Hall ist mit seiner Komödie über Liebe und Sex ein kaum abwehrbarer Angriff auf das Zwerchfell gelungen.

Angriff auf das Zwerchfell. Richtig lacht niemand und zum Schluss gibt es nicht mal Anerkennungsapplaus, was sehr unüblich ist. Bis auf das farbige Callgirl aus der Karibik gibt es eine wirklich sympathische Figur und Farmer und Puffbetreiber Donal wird unprofessionell eingeführt; nach dem Onanieren auf dem Feld findet er seinen Vater tot im Treppenlift und danach ist seine erste aktive Handlung das Ertränken von Kätzchen in der Regentonne.
Die sehr witzig und pfiffig klingende Handlung klingt sehr vielversprechend und die Briten und Iren sind Meister der Sozialkommödie. Wer einen BRASSED OFF, einen GANZ ODER GAR NICHT oder sogar einen TRAINSPOTTING erwartet, wird bitter enttäuscht.
Note = 5

22:15 Uhr

GUILTY OF ROMANCE [KOI NO TSUMI]


von Sion Sono
Japan 2011 35 mm 144 Min. OmeU

Izumi ist mit einem erfolgreichen Autor von Liebesromanen verheiratet, doch ihre Ehe ist nur noch Routine. Sie sucht sich sexuelle Erfüllung als Nacktmodell und beginnt Gefallen daran zu finden, ihren Körper an Fremde zu verkaufen. Für ihren Mann spielt sie zuhause aber weiterhin die brave Ehefrau. Eines Tages wird in Tokios Lovehotel-Viertel eine brutal zugerichtete Leiche gefunden. GUILTY OF ROMANCE ist der dritte Teil der “Hass”-Trilogie von Enfant-terrible Sion Sono, Regisseur von LOVE EXPOSURE und COLD FISH.

Der Film wird auf DVD herauskommen, allerdings wird außerhalb von Japan eine gekürzte Version von 112 oder 115 Minuten laufen. Wir haben hier also die einzigartige Gelegenheit, die Version des Regisseurs zu sehen. Das Ergebnis ist ein äußerst künstlerisches, komplexes und auch sehr anstrengendes Film-Kunstwerk.
Note = 2

Damit endet das Festival für mich. Es war nicht unbedingt der allerbeste Jahrgang, an den ich mich erinnere, trotzdem sehenswert und besser als Manches, was auf anderen Festivals oder im regulären Kinobetrieb zu sehen ist. Danke.

Photo: Valerie Hammerbacher, via pixelio.de

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