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Costa Rica: SlutWalk – Reaktionen, Religion und Frauenrechte

Bereits am Samstag, den 14. August 2011, fand der costa-ricanische SlutWalk in der Hauptstadt San Jose statt und verursachte aufgrund angeblich heftiger anti-kirchlicher Gesänge und Auftritte sowohl in den Medien als auch auf religiösem Gebiet eine heftige Gegenreaktion. Sowohl Bürger- als auch Massenmedien berichteten über die laufende Debatte, während Leute auf die costa-ricanische Version dieses weltweiten Protests reagierten.

"Jesus Liebt Schlampen" von Julia Ardón, 2011

"Jesus Liebt Schlampen" von Julia Ardón, 2011

Obwohl Reaktionen auf den SlutWalk verschieden waren, scheint sein eigentlicher Erfolg darin zu liegen, dass Menschen zum Nachdenken über geschlechtsbasierte Gewalt, Religion und Respekt angeregt werden.

"Jesus Liebt Schlampen" von Julia Ardón, 2011“Jesus Liebt Schlampen” von Julia Ardón, 2011

Anfang August hat Global Voices ein Update [en] über die Motive gepostet, die dem Marsch zugrunde liegen:

The walk comes as a response to the statements made by a Catholic Bishop and visiting Cardinal during Costa Rica’s Patron Saint ceremony on August 2nd, where they asked women to dress modestly to avoid being dehumanized or objectified, to refrain from doing manly tasks and to keep to their house and home.

Der Marsch ist eine Antwort auf die Aussagen eines katholischen Bischofs und eines besuchenden Kardinals, die während des Fests des Schutzheiligen Costa Ricas am zweiten August Frauen dazu aufforderten, sich anständig anzuziehen um zu vermeiden, entmenschlicht oder vergegenständlicht zu werden, davon abzusehen männliche Aufgaben zu erfüllen und bei sich zuhause zu bleiben.

Pablex [es] zufolge, einem Journalisten und Blogger der sich die Zeit genommen hat, die ganze Rede von Bischof Ulloa vom zweiten August durchzulesen, hat der Bischof nie den Satz verwendet, den die Landeszeitung La Nación ihm zuschreibt und der die Empörung verursachte, die den Marsch anspornte:

Ulloa no es ningún gurú y está lejísimos de ser el clérigo más inteligente del catolicismo tico. Pero en honor a la verdad, de su homilía (hacer clic para leerla completa) en ningún lado se desprende la frase tan publicada por La Nación, pidiendo recato a las mujeres para vestir, algo que en Twitter se podría “taguear” como #peladadelamarchadelasputas.

Ulloa ist kein Guru und weit davon entfernt, der klügste katholische Kleriker in Costa Rica zu sein. Aber um ehrlich zu sein, hat er in seiner Predigt (hier klicken, um den gesamten Text zu lesen) [es] an keiner Stelle behauptet, womit er in La Nación zitiert wird [es]: dass Frauen sich in Sittsamkeit üben sollen was ihre Kleidungswahl betrifft, was in Twitter vermutlich als #peladadelamarchadelasputas getaggt worden wäre [Anmerkung: Marcha de las putas ist die Spanische Übersetzung von SlutWalk. Pelada ist costa-ricanischer Slang für einen peinlichen Fehler, und der Hashtag #peladaNacion wird für gewöhnlich verwendet, um Fehler aufzuzeigen, die von der Zeitung La Nación gemacht wurden.]

Pablex weist im Weiteren darauf hin, dass die mögliche Stärke hinter der SlutWalk-Bewegung verloren ging, weil die Frauen sich auf so ein kleines Detail inmitten all der Ungerechtigkeiten konzentriert haben, die den Frauen in Costa Rica entgegen stehen, und dass es kontraproduktiv war, ihren Ärger auf so respektlose Art und Weise auf die Kirche zu richten:

Aún si Ulloa hubiese dicho que las mujeres costarricenses “deben vestir con recato”, eso no hubiera justificado jamás los insultos, las burlas, las malacrianzas y la falta de respeto que ese grupo de fanáticos y alborotadores tuvieron esa mañana de domingo frente a la Catedral Metropolitana. La tolerancia que tanto reclaman de la Iglesia les quedó corta, muy corta, tanto o más como sus enaguas putescas.

Selbst wenn Ulloa gesagt hätte, dass die costa-ricanischen Frauen sich “sittsamer kleiden müssen”, hätte das in keiner Weise die Beleidigungen, den Spott und die Respektlosigkeit gerechtfertigt, die diese Gruppe von Fanatikern und Unruhestiftern an jenem Morgen vor der erzbischöflichen Kathedrale gezeigt hat. Die Toleranz, die sie so sehr von der Kirche fordern, war bei ihnen unzureichend, ebenso wenig oder in noch größerem Maße als ihre nuttigen Röcke es waren.
Wir sind nicht mehr im Mittelalter, von Julia Ardón“Wir sind nicht mehr im Mittelalter”, von Julia Ardón

Rashida Jenny Torres hat über ihre Perspektive auf den SlutWalk als Muslimin in Costa Rica geschrieben [es]. Und obwohl sie nicht demselben Glauben angehört wie die kritisierte katholische Kirche, findet sie, dass der Marsch auch muslimischen Frauen wie ihr selbst gegenüber respektlos war: manche Frauen, die an dem Marsch teilnahmen, trugen islamische Schleier als Symbol der Unterdrückung der Frauen. Für Rashida Jenny wurde der Marsch zu einer ineffektiven Vereinfachung der so komplexen Angelegenheit der Frauenrechte.

Yo, como mujer, madre, trabajadora y musulmana portadora del velo por decisión propia, sintiéndome siempre orgullosa de cómo me veo, de lo que soy y represento, siento que este tipo de manifestaciones no representa de forma alguna los derechos de las mujeres o de cualquier ser indefenso a no ser abusado tanto física como sexualmente.

A mí me han faltado el respeto cubierta por completo y en un país como este que no es islámico y en donde todos pueden vestir como quieren.

He sorprendido a varones cuando voy en el autobús hacia el trabajo, tratando de levantar mi falda disimuladamente para tratar de ver por lo menos mi tobillo.

Ich als Frau, Mutter, Arbeiterin und Muslimin, die ich den Schleier aus freiem Willen trage, immer stolz darauf bin, wie ich aussehe, wer ich bin und was ich verkörpere, finde, dass diese Art von Demonstrationen in keiner Weise die Rechte von Frauen oder von wehrlosen Wesen repräsentieren, die vor physischem und sexuellem Missbrauch beschützt werden müssen.

Ich wurde respektlos behandelt, auch als ich vollständig bedeckt war und in einem Land wie diesem, das nicht islamisch ist und in dem sich jeder anziehen kann, wie es ihm gefällt.

Im Bus auf dem Weg zur Arbeit habe ich Männer dabei erwischt, wie sie heimlich versucht haben meinen Rock anzuheben, um wenigstens einen Blick auf meine Fußgelenke zu erhaschen.

Andrea Aguilar Calderón [es] hat auch über den Marsch geschrieben und über ihre Gründe, nicht am SlutWalk teilzunehmen, obwohl sie sich selbst als Schlampe sieht. In ihrem Beitrag “Ich bin eine Schlampe, aber ich bin nicht marschiert” [es] schreibt sie darüber, wie sie stolz als Schlampe marschiert wäre, wenn der Fokus des Zorns auf einer der vielen anderen Frauen unterdrückenden Institutionen gelegen hätte und nicht notwendigerweise nur auf dem einfacheren Ziel der katholischen Kirche:

Pero, al mismo tiempo, me parece que quienes nos hacen la vida de cuadritos a las mujeres, hoy por hoy, no son los curas.
Los evangelios que nos rigen hoy son distintos, no se encuentran en la Biblia. Se encuentran en la televisión, donde las mujeres claro que van a clases, porque tienen derecho a educarse, pero usando una faldita a cuadros y dos colitas al mejor estilo RBD. O, mejor aun: se encuentran en cualquier colegio del país, donde se puede ver a docenas de niñas usando esos pantalones tan ajustados que parece que se los untan cada mañana antes de salir, listas para jugar, desde la tierna edad de trece años, a ser “ricas” porque ese es el objetivo primordial de cualquier mujer en la vida. No es la enorme y abrumadora mayoría la que presta atención al sermón del padre desde el púlpito, pero sí lo es la que mira fijamente a las chicas Pilsen bailar desde la barra y que convierte a cualquier hija de vecina de brassier inflado en “modelo”. No es el infierno lo que espanta al vulgo, si no el rechazo social, el ser la gorda, la solterona, la güeisa que no ha tenido sexo en un mes.

Aber gleichzeitig bin ich der Meinung, dass diejenigen, die heutzutage das Leben der Frauen unmöglich machen, nicht die Priester sind.
Die Grundsätze, die uns heute bestimmen, sind andere, und sie sind nicht in der Bibel zu finden. Man findet sie im Fernsehen, wo Frauen natürlich zur Schule gehen, weil sie ein Recht darauf haben, ausgebildet zu werden, aber sie gehen in karierten Röcken und mit zwei Zöpfchen, im Stil von RDB [Anmerkung: Mexikanische Soap Opera für Jugendliche]. Oder, noch besser: man findet sie in jeder beliebigen Schule dieses Landes, wo man Dutzende Mädchen sehen kann, die so enge Hosen tragen, dass es scheint, als würden sie sie jeden Morgen aufmalen bevor sie das Haus verlassen, bereit, sich schon im zarten Alter von 13 Jahren darin zu üben “sexy” zu sein, weil das das Hauptziel einer jeden Frau in diesem Leben ist. Es ist nicht die enorme und überwältigende Mehrheit, die der Predigt des Priesters aufmerksam zuhört, sondern diejenigen, die ihre Augen nicht von den Pilsen-Mädchen lassen können die auf Bartresen tanzen, und die jedes Mädchen von nebenan mit einem ausgestopften BH zu einem “Model” machen. Es ist nicht die Hölle, die das Volk fürchtet, sondern soziale Ablehnung: die Fette sein, die alte Jungfer, die Vettel, die seit einem Monat keinen Sex hatte.
"Sagt uns nicht, wie wir uns anzuziehen haben, sagt denen, dass sie uns nicht vergewaltigen sollen" von Julia Ardón“Sagt uns nicht, wie wir uns anzuziehen haben, sagt denen, dass sie uns nicht vergewaltigen sollen” von Julia Ardón

Der Ökumenische Rat der katholischen Kirche hat erklärt, dass der SlutWalk gegen den Rechtsstaat verstößt [es], da er zu Hass und Gewalt gegen eine bestimmte Religion anstiftet. Die Organisatoren des SlutWalk Costa Rica haben eine auf Facebook verfügbare Pressemitteilung [es] herausgegeben, in der sie erklären, dass sie zu keinem Zeitpunkt zu Gewalt angestiftet haben, und dass die Veranstaltung in ihrer Form als weiträumig bekannt gemachte Aktivität, die sich durch verschiedene soziale Netzwerke verbreitet hat, eine Vielfalt an Menschen mit verschiedenen Sichtweisen angezogen hat, deren einzige Gemeinsamkeit vermutlich die Empörung über die systematische Misshandlung von Frauen durch die costa-ricanische Gesellschaft ist.

In ihrer Erklärung zitieren sie Julia Ardón [es], die beim Marsch anwesend war und deren Photos (mit ihrer Erlaubnis) diesen Beitrag illustrieren:

Cosas distintas que se vieron en la Marcha de las Putas en San José, a diferencia de las de otros países:
1-A la par del llamado al respeto y la dignidad de todas las mujeres, hubo un reclamo por la violencia de parte de la Iglesia Católica que insiste en gobernar el cuerpo femenino, y el vehemente llamado al Estado Laico ya.
2-Lo más interesante: la marcha, convocada por grupos feministas, contó con la participación de gente de todas las edades, y además; más o menos un 50% de hombres, lo que la convirtió en una Marcha bastante especial.
Muy sobrio todo, muy alegre, muy bonito y sobre todo: muy lleno de respeto y coraje. Fui muy feliz de ser parte y de encontrarme allí a tantos amigos y amigas. Hoy me sentí orgullosa de pertenecer a esta comunidad costarricense. Acá hay cosas lindas naciendo. Siento mucha esperanza

Unterschiede zwischen dem SlutWalk in San José und denen in anderen Ländern:
1. Hand in Hand mit der Forderung nach Respekt und Würde für alle Frauen gab es eine Beschwerde über die Gewalt, die die katholische Kirche benutzt wenn sie darauf besteht, den weiblichen Körper zu beherrschen, und eine laute Forderung nach einem säkularen Staat.
2. Der interessanteste Teil: Der Marsch, der von feministischen Gruppen organisiert wurde, hatte Teilnehmer aus allen Altersgruppen und etwa 50% waren männlich, was es zu einem besonderen Marsch machte. Das Ereignis war nüchtern, fröhlich, hübsch, aber vor allem voll von Spaß und Respekt. Ich war sehr glücklich, ein Teil davon zu sein, und dort so viele Freunde zu finden. Heute fühlte ich mich stolz, dieser costa-ricanischen Gemeinschaft anzugehören. Schöne Dinge entstehen. Ich fühle mich von Hoffnung erfüllt.
Vielfalt beim Slut Walk in Costa Rica von Julia ArdónVielfalt beim SlutWalk in Costa Rica von Julia Ardón

Blogger Bryan Gonzalez [es] schrieb auch über seine Unterstützung für den SlutWalk und die künstlerischen Darbietungen, die teilweise Nacktheit zeigten und die unzüchtigen Aufführungen, die die katholische Kirche darstellten:

Respecto al performance que se realizó en la marcha, pues mi aplauso a la actriz y al actor, fueron quienes mejor representaron la violencia del machismo católico. La iglesia se indigna y afirma que dicha actuación atenta contra la moral pública (de un pueblo mojigato). Pero nada más indignante y una verdadera afrenta a la moral pública que la jerarquía de la iglesia católica encubra a acosadores y violadores. ¿Por qué no se pronuncia al respecto la conferencia episcopal? ¿Por qué si se habla de procesos judiciales contra 2 artistas y no contra pedófilos y quienes les encubren? ¿Y los actos de corrupción financiera perpetrados por la conferencia episcopal no atentan contra la moral pública?

Was die Darbietung [es] betrifft, die während des Marsches stattfand, applaudiere ich der Schauspielerin und dem Schauspieler, sie waren diejenigen, die die Gewalt des katholisch-männlichen Chauvinismus am besten dargestellt haben. Die Kirche fühlt sich gekränkt und bekräftigt, dass solche Aufführungen eine Beleidigung der Volksmoral (von prüden Leuten) sind. Aber nichts ist empörender und eine echte Beleidigung der Volksmoral als die katholische Kirche, die Sexualstraftäter und Vergewaltiger schützt. Warum spricht der Ökumenische Rat der katholischen Kirche nicht darüber? Warum sprechen sie über Strafprozesse gegen die beiden Künstler und nicht gegen Pädophile und die, die sie schützen? Und was ist mit den finanziellen Korruptionstaten des Ökumenischen Rates: sind die nicht auch ein Angriff auf die Volksmoral?

Die Reaktionen zu der erwähnten “Darbietung” können in den 105 Kommentaren unter dem Bild der Darstellerin nachgelesen werden, die schnell in einen Flame War eskalierten. Auf dem Bild [es] liegt sie, ihre Brust mit Wörtern und Ketten bedeckt, während sie in einen Rosenkranz beißt, mit einer körperlosen Faust zwischen ihren nackten Oberschenkeln.
Während manche die Äußerung als Darbietungskunst verteidigen, waren andere der Meinung, dass sie sich lediglich selbst verunglimpft und nebenbei die Kirche angreift.

Das Blog Conejos Suicidas [es] (Selbstmörderische Häschen) kommentierte ebenfalls den SlutWalk. Amorexia schreibt, dass, obwohl es viele Gesänge gab in die er nicht mit einstimmte, er der Meinung ist, dass die Aktion im Allgemeinen wundervoll war, eine stichhaltige Beschwerde die stärkender war als nötig. Er teilt auch ein Video vom SlutWalk in Costa Rica. Am Anfang des Videos hört man den Gesang “No is no, I said no. Which part didn’t you understand, the N or the O?” der Teilnehmer, die vor der erzbischöflichen Kathedrale stehen:

Obwohl die Reaktionen auf den SlutWalk unterschiedlich waren, einige positiv und andere negativ, scheint es, dass sein tatsächlicher Erfolg darin bestand, Leute dazu anzuregen, über die Bedeutung und Formen von sexueller Gewalt, Vergewaltigung und Respekt nachzudenken und ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen.

Alle Bilder, die in diesem Beitrag verwendet wurden, gehören der costa-ricanischen Fotographin und Bloggerin Julia Ardón und wurden mit ihrer Erlaubnis verwendet.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Sonderberichterstattung SlutWalks 2011. [en]

Geschrieben von Juliana Rincón Parra · Übersetzt von Charlotte Gruben

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