Gnade

Danke, Vaclav Havel!

Danksagung an den verstorbenen Präsidenten der tschechischen Republik Vaclav Havel.

Der tschechische Schriftsteller und Politiker Václav Havel ist an diesem Sonntagmorgen verstorben. (Foto: wikipedia.org)

Der tschechische Schriftsteller und Politiker Václav Havel ist an diesem Sonntagmorgen verstorben. (Foto: wikipedia.org)

Nach dem Einmarsch und der Okupation der CSSR (Prager Frühling) durch russische Soldaten, entführten junge tsechische Künstler und Musiker ein Flugzeug auf dem Inlandflug und zwangen es zur Landung auf westdeutschen Boden. Ein bewaffneter staatlicher Sicherheitsbeamter wurde im Handgemenge mit seiner eigenen Waffe erschossen. Der tschechische Staat verhängte die Todesstrafe für die Entführer, im Westen wurde sie zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Der tschechische Präsident hob später die Todesstrafen auf und die Männer und Frauen können heute beliebig in ihre Heimat fahren.

Ein besonderer Akt des tschechischen Präsidenten  Vaclav Havel, an den ich erinnern möchte.

Hier und Jetzt

Verlag

Obere Königstraße 4

3500 Kassel

BRD

1991

An den Staatspräsidenten der CSFR Vaclav Havel Prag

Betr.: Begnadigung der Flugzeugentführer aus der Entführung vom 8.6.72, von Marienbad nach Weiden, BRD

Beran Jiri, geb. 6.10.50 in Prag, Vochomurka Jiri, geb. 13.11.50 in Prag, Trcka Milan, geb. 13.11.50 in Prag, Cerna, Alena, geb am 21.12.50 in Prag, Hanzlik Frantisek, ge. am 2.8.51 in Prag, Dvorak, Jaromir, geb. am 2.11.52 in Lom, Kerbl, Jaromir, geb. am 10.4.53, Heinzowa, Alena, geb. am 19.7.52 in Prag, Setnicka Olga, geb. am 10.2.54 in Prag.

Sehr geehrter Herr Präsident!

Aus Gründen der Humanität bitte wir Sie um Begnadigung der obengenannten Personen.

Wenn wir für die Beteiligten sprechen, hat das verschiedene Gründe:

Beeindruckt von dem disziplinierten Widerstand eines unterdrückten Volkes, einmal, und immer noch in Erinnerung der rollenden Panzer des Warschauer Paktes, die unglaublich tiefe Spuren in den Seelen derer zurückließen, für die wir Gnade fordern, hoffen wir gerade bei Ihnen auf Verständnis und Einfühlung in die Dramaturgie dieser menschlichen Schicksale.

Es liegt nicht in unserer Absicht, die Schwere der Tat zu relativieren, geben aber zu Bedenken, nach Durchsicht der Prozessakten, dass einmal die Umstände des Prager Frühlings und die darauf folgende russische Okupation und derer unterdrückende Folgen Ursache sind, die zu der Aktion : Flug ohne Wiederkehr, geführt haben.

 

Nun kann man nicht im eigentlichen Sinne davon sprechen, dass es sich hier um  organisierte politische Täter handelt, die über den Protest hinaus Widerstand gegen eine Diktatur geleistet haben, sondern eher um solche, die als kollektive Handlung die Flucht ergriffen, im Sinne einer Emigration. Es ist eine Frage der persönlichen Reife, des intellektuellen Bildungstandes und des Alters und der Möglichkeiten, auf eine die Freiheit einschnürende politische Landschaft zu reagieren.

Alle Betroffenen scheinen uns zum Zeitpunkt der Tat Ursache und Wirkung nicht weitsichtig eingeschätzt zu haben. Selbst wenn ihre Verantwortlichkeit eingeschränkt oder gar nicht vorhanden war, wie die Wertung des Landgerichtes Weiden Oberpfalz schlussfolgert, handelt es sich hier doch zweifelsohne um politische Täter, legt man die tschechische Berichterstattung  über diese Menschen zugrunde. An ihnen wurde ein abschreckendes Exempel statuiert. Gescheitert sind sie mehr oder weniger alle. Ihr Weg in die Freiheit, der einem Menschen das Leben kostete, für das sich der Schütze selber durch Erhängen richtete, hat sie mit einem Gewissenskonflikt belegt, dem sie bis heute nicht zu entgehen vermochten. So wurde ihr Einstieg in die “Freiheit” zuallererst eine langjährige Inhaftierung und der Grundstein für eine nicht weniger mühselige Lebenssituation.

Mit der Tat gewissentlich behaftet, für immer der Heimat verlustig, mit den langen Haftstrafen in der BRD belastet, als Entführer und Ausländer stigmatisiert, werden sie doch niemals diese Freiheit erlangen, die sie fühlen würden, wäre ihnen die Gefängniszelle erspart geblieben. Unübersehbar haben sie sich durch ihre Tat selbst gerichtet. Durch ihre Handlung, Verhandlung und Verurteilung in der BRD haben sie sich in eine Außenseiterposition gebracht, in der auch Deutsche schwer fußfassen können.

So kommen wir zu der Ansicht, dass die vielschichtige und differenzierte Art der Bestrafung die sie erfahren mussten, in nahezu 2o Jahren dahin führen könnte, dass sich die Tore ihrer Heimat für sie ohne Strafangst wieder öffnen könnten, dadurch, dass die tschechischen Todesurteile und Gefängnisstrafen annulliert und die Menschen begnadigt werden.

In diesem Sinne bitte wir Sie um einen Gnadenakt.

 

Mit herzlichem Dank