Schauspieler kümmert sich um DDR-Bücher

Peter Sodann will sich sein Leben nicht wegwerfen lassen. Literatur gehört dazu

Peter Sodann wird sicher den meisten Leserinnen und Lesern noch als “Tatort”-Kommissar Ehrlicher in Erinnerung sein. Aber der Schauspieler ist weit mehr. Grob hingeworfen könnte man Sodann einen Macher nennen. Allerdings keiner der hauptsächlich nur großspurige Reden führt. Stets ging er selbst voran, machte und tat.

Was du nicht selbst tust…

Einer von Sodanns wohl lebenswichtigsten Leitsprüche lautet: “Was du nicht selbst tust, das tut für dich kein anderer”  (Felix Lope de Vega Carpia (1562-1635) . Zu Sodanns “Amtszeit” als Schauspieldirektor vom neuen theater (auch hier) in Halle (Saale) war dieser Satz oberste Devise des Hauses und der Menschen, welche dort ihre Arbeit taten. Egal ob auf der Bühne oder dahinter. Peter Sodann ist es wesentlich zu verdanken, dass aus einem heruntergekommenen Innenstadt-Kino Stück für Stück und Jahr für Jahr eine Schauspielstätte u.a. mit einem Hoftheater, einem Café sowie der urige Bierkneipe “Strieses Biertunnel” entstand. Der gelernte Werkzeugmacher hat nie seine Erdung verloren. Er kam aus kleinen Verhältnissen. Der Zweite Weltkrieg nahm ihm den Vater.

Politik war nicht sein Metier

Mir war es vergönnt zu erleben, wie Peter Sodann das neue theater in Halle (Saale) baute. Ja, das kann mit Fug und Recht so bezeichnet werden: Er war sozusagen Inspirator, Bauherr und Bauarbeiter zugleich. Und freilich Schauspieler und Regisseur. Will sagen: Wenn dieser Mann sich etwas in den Kopf gesetzt hat und davon überzeugt ist, macht er es auch. Da geht er durch den Kopf und anderen gehörig auf die Nerven. Eines gelang ihm nicht: Bundespräsident (Die LINKE hatte ihn 2009 als Kandidat aufgestellt) ist Peter Sodann nicht geworden. Ich finde das nicht  schlimm. Das wäre einfach nicht sein Metier gewesen. Obwohl: wenn er’s geworden wäre, er hätte agewiss auch das Land umgebaut. Was schreib ich da: umgekrempelt hätte er’s! Einschränkung: Wenn sie ihn denn gelassen hätten…

DDR-Bücher flogen tonnenweise auf den Müll

Nach der sogenannten Wende 1989 – das neue theater war mehr oder weniger auf die Spur gebracht – fiel ihm eine neue, zusätzliche, Aufgabe zu. Sie schrie förmlich danach von Peter Sodann übernommen zu werden. Nach dem die DDR ausgedient hatte, galt quasi von einem Tag auf den anderen Vieles nichts mehr, war anscheinend keinen Pfifferling mehr wert. Und die Leute hatte betreffs der üppigen Warenwelt des Westens Nachholebedarf. Dass nun so einiges in den Orkus der Geschichte wanderte mag einen ja noch durchaus verständlich erscheinen. Aber warum gerade Bücher?!

In der Zeit von 1945 entstanden in der Sowjetischen Besatzungszone und (ab 1949) in der DDR kamen in dem kleinen Land ungefähr eine Million Bücher heraus. Und es handelte sich bei vielen von ihnen nun beileibe nicht um Bücher mit marxistisch-leninistischem Inhalt oder solche, die bleiwüstenmäßig vollgepropft mit Agitation und Propaganda sind. Dennoch landeten viele von diesen Büchern aus DDR-Verlagen im Müll. Tonnenweise! Die Immobilien in denen sie aufbewahrt worden waren wechselten dagegen den Eigentümer. Büchervernichtung, in einem Lande, wo einst die Nazis öffenlich erst Bücher und dann Menschen verbrannten! Verlage, Bibliothekten, Schulen, Kulturhäuser machten tabularasa – man brauchte Platz für Neues aus dem Westen. Sodann mochte da nicht einfach zusehen.

Der heute 75-jährige Peter Sodann erinnert sich noch genau: In Müll flogen nicht nur Werke von Erwin Strittmatter, Anna Seghers und Hermann Kant, sondern (im Land der Dichter und Denker!) auch Sophokles, Goethe, Schiller oder Jules Verne, bzw. Werke zu Kunst, Literatur und wissenschaftliche Abhandlungen.

Die Bücher erhielten zunächst “Asyl” in Merseburg

Als Peter Sodann da und dort nach den Gründen für die fragwürdige Entsorgung (ja, das Wort trifft es wohl ganz genau: mit den Bücher sollte auch die DDR ent-sorgt werden!) erhielt der entrüstete Schauspieldirektor nicht selten die Antwort: “Die können doch weg.” Sodann heute dazu: “Ich lasse mir nicht mein Leben wegwerfen.” Peter Sodann begann die Bücher damals zu sammeln. Zunächst erhielten sie sozusagen Asyl in Räumlichkeiten des neuen theater. Nach dem Ende von Sodanns Intendanz in Halle im Jahre 2005 musste auch für die Büchersammlung ein neues Obdach gefunden werden. Es fand sich in Merseburg. Dort gründete sich am 27. Juni 2007 ein Verein als Bürgerinitiative. Mitglied sind Historiker, Literaturwissenschaftler, Bibliothekare, Buchhändler, Juristen, Verleger, ehemalige Schuldirektoren, Lehrer, Renter u.s.w. aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Hessen und Mecklenburg.

Literatur der Zeit von 1945 bis 1990 aus dem Osten Deutschlands soll erhalten werden

Als Hauptaufgabe sieht der Vereins “einer zeitlich konkreten Büchersammlung als ein historisches Kulturgut, als Teilstück jüngster deutscher Geschichte, um sie für nachfolgende Generationen dokumentarisch zu sichern. Er tritt dafür ein, dass die Vernichtung von Literatur aus der Zeit von 1945 bis 1990 aufhört und setzt sich für ihre Erhaltung, sichere Aufbewahrung ein. Diese Literatur soll einmal einer Präsenzbibliothek sowohl für jeden Vereins-Homepageinteressierten Bürger als auch für Wissenschaftler, Studierende und Schüler direkt zugänglich sein.” (Zitat Homepage Verein)

Umzug nach Staucha

Doch bald schon wollte auch Merseburgs Bürgermeister – so meint Peter Sodann – die Bücher auch nicht mehr. Der Verein musste nach einer neuen Aufbewahrungsort für die Bücher finden. Ein Video-Hilferuf via Internet fiel schließlich auf fruchtbaren Boden. Der Bürgermeister ohne Parteibuch des sächsischen Ortes Stauchitz versprach Hilfe. Im zu Stauchitz gehörenden, 400 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden, Dorf Staucha bot er der Peter-Sodann-Bibliothek (PSB) im 1600 Quadratmeter großen Dachbereich über der Markthalle eine neue Heimstatt an.

Inzwischen, genau seit November 2010 hat die Bibliothek ihren Sitz in einem einstigen Rittergut. Im Dreiseithof. Die Gemeinde half mit Geld, EU-Fördermittel wurden “angezapft”. Sodann meint der zur Verfügung stehende Platz wird für die nächsten fünf bis sechs Jahre ausreichend sein. Man glaubt es kaum: Noch heute schicken Menschen Bücher. Finden sich welche von ihnen doppelt in der Sammlung sollen sie getauscht bzw. verkauft haben, um Geld für das Projekt zu erwirtschaften. Die PSB nimmt Bücher, die zwischen dem 8. Mai 1945 und dem 3. Oktober 1990 in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR gedruckt wurden.

Lesesaal und Lesecafé für Staucha sind angedacht

Und schon wieder hegt Sodann Pläne. Es erinnert an die Vorphase und die späteren Ideen zum und rund um das neuen theater in Halle. Die Bücher sollen fleißig genutzt werden. Zu diesem Behufe schwebt dem im wahrsten Sinne des Volksmundes besonders hellen Sachsen betreffs des Stauchaer Bücherdomizils ein Lesesaal oder Lesecafé vor, das täglich geöffnet ist. Kommen können Besucher natürlich bereits heute. Jeden Tag von 9 bis 14 Uhr.

Hundertausende Bücher müssen gesichtet und katalogisiert werden

Noch immer ist man dabei die Literatur zu katalogisieren. Zirka 230 000 Bücher sind offenbar inzwischen schon in via Computer erfasst. Arbeit gibt es indes genug. Hundertausende Bücher müssen gesichtet werden. Herausgegeben einst im Leseland DDR. Von über 200 Verlagen. Darunter der Insel- und Aufbau- Verlag, der Greifenverlag, Reclam Leipzig und Neues Leben. Viel Arbeit auch für Literaturwissenschaftler und Historiker. Es gilt noch einiges zu erforschen. Was indes nicht so einfach ist: Viele der DDR-Verlage sind abgewickelt.

Vielleicht ein Theater und ein Hotel noch dazu

Und auch darin erkennt man, den “alten” Sodann aus den 1980er-Jahren von Halle vor und während des Baues “seines” Kulturtempels, der “Kulturinsel” mit dem neuen theater als Mittelpunkt: Der Schauspieler  soll ein Theater am Bibliothekssitz in Stauchau planen und womöglich auch noch ein Hotel (was Sodann auch damals schon für “sein” Theater in Halle vorschwebte: “Pension Schöller” sollte es übrigens heissen [sic!]). Das Gelände bietet offenbar reichlich Platz für so etwas.  Woran es mangelt ist natürlich – wie so oft – auch hier das “liebe” Geld. Miete und Strom wollen bezahlt sein und die Heizung braucht “Futter”.

Spendenaufruf per Video: Jeder soll wenigstens einen Euro einzahlen

Mit einem Video-Aufruf wirbt Peter Sodann auf der Homepage des Vereins zur Förderung, Erhaltung und Erweiterung einer Sammlung von 1945 bis 1990 im Osten Deutschlands erschienener Literatur e.V. in Staucha, für sein Herzens-Projekt. Sodann: “Wenn jeder aus dem ehemaligen Land der Dichter und Denker nur einen Euro spendet, wäre das mehr als genug Geld, um den Erhalt der Bücher zu finanzieren.”

Wie ich Peter Sodann kenne, wird er auch diese Sache zu wuppen verstehen. Denn er ist ein Macher. Und kein bloßer Wind-Macher wie so Viele heutzutage in der Politik und den Medien. Einen Euro sollte jeder übrig haben, für ein nützliches Unternehmen in Sachen Kultur und Erinnnerung. Wie lautet doch das Zitat von Ernst A. Hauska, das auf der Vereinshomepage zu finden ist:

“Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt.

Lieber ein querdenkender kritischer Staatsbürger in Staucha, als ein “Grüßaugust” in Berlin

Eigentlich ist es ganz gut, dass der Schauspieler und Regisseur Peter Sodann nicht Bundespräsident geworden ist. Zwar gibt es möglicherweise bald wieder eine Vakanz im Schloß Bellevue? Doch ein nach wie vor so mutig gegen den Mainstream anschwimmenden, wenn es sein muss  dabei auch mit dem Kopf krachend durch die Wand gehender, für humanistische und kulturelle Belange sich engagierender, ein andere Menschen, zugegeben manchmal durchaus ruppig mitziehender, Kämpfer und “Macher” Peter Sodann in Staucha ist mir als unbequemer, kritischer, querdenkender Staatsbürger wahrlich lieber, als ein “Grüßaugust” mit Sitz in Berlin. Pfusch mag Peter Sodann nicht. Deshalb zieht er auch durch, was er sich ausdenkt.

Für dessen Mitwelt ist das nicht immer unproblematisch. Aber von nichts, kommt eben nichts. Das, so würde er sicher jetzt sagen, habe er als Werkzeugmacher gelernt. Da kam es auf Präzision und Sauberkeit an. Den Rest mag ihn das Leben gelehrt haben. Dursetzungsfähigkeit und Mut zum Risiko – wenn’s um eine gute Sache geht – mögen nur zwei Dinge davon sein.  In Halle hielt er früher schon einmal kurzerhand einen Kohle-LKW an, wenn “sein” Theater mangels Kohle, die den Namen damals kaum verdiente, kalt gefallen war. Sodann machte den Kohlen-Männern damals schon klar, wohin sie ihre Fuhre zu bringen hatten. Manchmal musste selbst die so anscheinend damals so mächtige SED vor Sodann kapitulieren…

Die Bibliothek finden Sie hier:

Thomas-Müntzer-Platz 1, in Staucha (Sachsen)

Spendenkonto: Peter-Sodann-Bibliothek e.V.

Konto-Nr.: 31 5000 5000, BLZ: 850 550 00 bei der Sparkasse Meißen

 

 

 

 

 

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