Mediensystem

Zu viel Geld macht blind: Jakob Augstein säubert den FREITAG

Ein “Projekt” sei die Wochen-Zeitung FREITAG bisher gewesen, jetzt wolle er endlich mal eine richtige Zeitung daraus machen, schreibt der Besitzer des FREITAG Jakob Augstein den bisherigen Herausgebern des Blattes hinterher, denen er den Stuhl vor die Redaktionstür gesetzt hat. Ein Projekt?

Keine Sorge: Enteignungen zum Wohle des Lesers werden auch im Fall Augstein nicht stattfinden. (Foto: xtranews/flickr)

Keine Sorge: Enteignungen zum Wohle des Lesers werden auch im Fall Augstein nicht stattfinden. (Foto: xtranews/flickr)

Bis zur Übernahme durch Augstein im Mai 2008 bestand der FREITAG bereits fast zwanzig Jahre, rechnet man die Vorläuferzeitungen dazu, die 1990 im FREITAG aufgegangen sind, kommt des Ost-West-Unternehmen auf 70 Jahre Existenz. Für ein Projekt eine ganz schön lange Projektion. Welchen neuen Zeitungs-Inhalten mögen die bisherigen Herausgeber, Daniela Dahn, Friedrich Schorlemmer, György Dalos und Frithjof Schmidt im Wege gestanden haben?

Der Besitzer Augstein sagt, nach dem Rauswurf der Herausgeber könne er jetzt eine “normale” Zeitung machen und die solle eher “linksliberal” als so richtig links sein.

Liberal, das bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch “freiheitlich” John Locke, ein Begründer des Liberalismus, wollte den Bürger dringlich das Eigentum des Bürgers vor staatlichem Zugriff gesichert sehen. Zum Eigentum gehört natürlich immer auch die Freiheit des Eigentümers einer Zeitung. Die Freiheit seine Meinung verbreiten zu lassen. Witterte der Verleger Augstein einen Anschlag auf sein Eigentum? Hatten sich die nun überflüssigen Vier zur Enteignung verschworen?

Alles fing im Sommer des letzten Jahres an. Daniela Dahn hatte für den FREITAG einen Artikel zum Libyen-Krieg geschrieben. Der wäre auch beinahe ins Blatt gekommen, wenn Jakob Augstein nicht in letzter Minute die verlegerische Notbremse gezogen hätte. Denn Dahn wollte dem Kriegsgeschrei, das in den Mainstream-Medien vorherrschte, die Stimme der Vernunft, ihre Sammlung redlicher Fakten entgegenhalten. Der Artikel (siehe unten) hätte dem “Meinungsmedium” FREITAG gut gestanden. Denn die “normalen” Zeitungen hatten alle irgendwie vergessen, dass die Regierungen, die nun Gaddafi wegbomben ließen, gestern noch gern Waffen an ihn geliefert, das libysche Öl gekauft und vor seinem Beduinen-Zelt Schlange gestanden hatten. Das mochte Augstein in seinem Blatt nicht lesen, diese aufklärende Gegeninformation zu veröffentlichen war ihm dann doch zu liberal, zu freiheitlich. Sein verlegerisches Aufklärungsverbot führte letztlich zum Zerwürfnis zwischen dem Verleger und den Herausgebern.

So wie Augstein in der Projekt-Frage nicht richtig rechnen kann, so verrechnet er sich auch in der Marktstrategie:

“Normale” Zeitungen hat die Bundesrepublik jede Menge. Auch liberale, wie zum Beispiel die ZEIT. Wenn man deren Leitartikel in der letzten Ausgabe zum Wulff-Komplex mit dem von Augstein im letzten FREITAG vergleicht, sind die inhaltlichen Unterschiede marginal. Beide klingen arg nach Stammtisch, beide personalisieren den Fall des Bundespräsidenten und entpolitisieren ihn so. Beide stellen mit keiner Zeile die Frage, wem denn die Sache Wulff nützt. Beide erinnern nicht daran, dass in Deutschland bei Koalitions- und Regierungswechseln gern der Bundespräsidentenwechsel vorausgingen. Beide möchten nicht darüber nachdenken, warum ausgerechnet der Springer-Konzern, der den Herrn Wulff mit Homestories hochgeschrieben hatte, ihn jetzt hochgehen lässt. Aber solche Fragen würden der Aufklärung nützen, wären links gewesen, also unnormal. So bleiben beide Blätter eher schön konform.

Jakob Augstein hat viel Geld eingesetzt, um die Auflage des FREITAG von um die 10.000 Exemplaren in drei Jahren auf kaum 14.000 zu steigern. Diese Anstrengung ging mit einem schleichenden Verzicht auf intellektuelle Substanz einher. So viel Geld und so viel Verflachung haben ziemlich wenig Auflagesteigerung zum Ergebnis. Denn so wie der FREITAG Leser hinzugewann, so verlor er durch die Entpolitisierung des Blattes auch kräftig. Dem millionenschweren SPIEGEL-Erben wird das viele Geld zum jenem Verhängnis, das fraglos die Sicht auf die Wirklichkeit so gründlich behindert, dass der Verleger seine Interessen für die der Gesellschaft hält. Keine Sorge: Enteignungen zum Wohle des Lesers werden auch im Fall Augstein nicht stattfinden.

Der inkriminierte Artikel von Daniela Dahn erschien – nach der Zensur im FREITAG – in den BLÄTTERN FÜR DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK.

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