KOMMENTAR

Die Psychologie, die Dankbarkeit und der Optimismus

Die Psychologen befassen sich mit dem Leid und der seelischen Not der Menschen. In einer Zeit, in der die Verunsicherung und Unzufriedenheit weltweit zunimmt, in der viele sich ansatzweise organisieren und endlich „zusammenrotten“ müssten, kommt uns diese Zunft – und ihre popularisierenden Medien – vermehrt mit Fragestellungen und Ergebnissen zu Themen wie Achtsamkeit, Hochsensibilität, Gelassenheit, Dankbarkeit, Glücklichsein und Optimismus. „Koryphäen“ wie Eckart von Hirschhausen sind gefragte Vortragende. Das kann doch alles kein Zufall sein!

Wir sollten nach vorn und nach Lösungen Ausschau halten.

Wir sollten nach vorn und nach Lösungen Ausschau halten.

Es ist eine Zeit, in der das Geldkapital wieder optimistisch nach lukrativeren Finanzanlagen sucht und weltweit fortgesetzt Warenschund produziert und weltumspannend exportiert wird, um den eigenen Wohlstand unendlich wachsen zu lassen. Es ist eine Zeit, in der Bedenkenträger , also Nachdenkliche, und Zögernde als Blockierer des Aufschwungs tituliert, d.h. verunglimpft werden.

Wenn ich mich in diesem Augenblick auf diese (es gibt auch andere) Psychologenerkenntnisse einlasse, warum sollte ich dann, wie könnte ich dann empört sein? Warum sollte ich öffentlich für etwas eintreten, wo die Lösung doch sowieso in der ernsthafteren „Arbeit an mir selbst“ zu liegen scheint!?

Die Frage der Positiven Psychologie (P. Seligman), was den Menschen gesund und nicht krank mache, ist hilfreich und dennoch einseitig. Weiterhin solle ich mich sensibilisieren dafür, dass ich gut zu essen habe und für andere alltägliche Dinge dankbar sein, da sie nicht selbstverständlich seien. Das stimmt auch und dennoch verschließt dieser Ansatz radikal den Zugang gerade zu dem Übel, warum so viele Menschen zu wenig zu essen haben.

Das ist moralisch nicht korrekt! – Oder wie lautet die Rechtfertigung?

Positiv denken und Optimismus sollen helfen, mit noch den allerletzten Zumutungen – die häufig Perversitäten sind – einigermaßen gut zurecht zu kommen und in ihnen gar noch das Positive zu erkennen. Das ist – neben dem innewohnenden Zynismus – ein außerordentlich geeignetes Entpolitisierungsprogramm, geschützt durch eine Portion Plausibilität und eine Schuss gesundem Menschenverstand.

Die Positive Psychologie ist die Psychologie der Gegenwart – und der näheren Zukunft. Sie – gerade und nur sie – wird gebraucht heute. Ihre therapeutisch-beraterische Anwendung liefert „geheilte Menschen“, die wieder weitermachen können, trotz der schwieriger werdenden Umstände für immer mehr Menschen. Die Kritische Psychologie(Kl. Holzkamp) ist jene der Vergangenheit. Aus der Gewordenheit der gegenwärtig handelnden Menschen zog sie noch einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und fragte, wie sich Herrschaftsverhältnisse als Handlungsbehinderungen für den Einzelnen in seinen Lebensbedingungen konkretisieren.

Dieser gesellschaftliche Bezug wird gerade in der „optimistischen“ Psychologie obigen Zuschnitts schon im Ansatz ausgeblendet. In ihren populären Ratgeberbüchern – aber das reicht, obzwar versteckter, bis hinein in die gängige, „seriöse“ ressourcen- und lösungsfixierte Systemische Therapie und die gierige Coaching-Szene natürlich – werde ich daher eher mit Weisheiten folgender Art konfrontiert: Reiche sind auch nicht automatisch glücklicher, Neid und Ungerechtigkeitsgefühle zermürben einen nur selbst, sorglose Ausgeglichenheit hilft der Gesundheit, Optimisten sind erfolgreicher und Pessimisten haben selber schuld, dass es ihnen schlecht geht, es sollte Friede mit der Vergangenheit geschlossen werden, wir sollten nach vorn und nach Lösungen Ausschau halten usw. usf..

Da sage mir noch jemand, die Wissenschaft und besonders die moderne Psychologie sei neutral und unabhängig.

Aktuell dazu: Der Spiegel Nr. 1/2012: Lebenskunst – Optimismus zwischen Zuversicht und Schönfärberei

Photo: Corinna Dumat, via pixelio.de

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.