Otto von Bismarck (Foto: wikipedia)
Was so glatt aussieht, so stringent zielbewusst, das war so einfach aber nicht zu schaffen. Deshalb sind die Einlässe des Autors in dessen Briefe, in seine nächste private Umgebung so wichtig. Und hier spielt Otto Pflanze, der sich über dreißig Jahre, so sagt er, mit diesem Thema befasste, seine ganze außerordentliche Kraft und Leidenschaft aus. -
Otto von Bismarck hatte ein Elternpaar, das wohl typisch war für die damalige Elite in Preußen. Elegante Mutter, Vater gutmütig und etwas unglücklich in der Handhabung seiner Geschäfte als pommerscher Gutsbesitzer. Und beide geben ihren kleinen Sohn Otto in ein strenges Internat. Das hört sich auf den ersten Hieb nicht gleich verwunderlich an, ist es aber, denn Otto von Bismarck, so die psychologische heutige Meinung, war zeitlebens nicht richtig oder genügend glücklich.
Seine Frau hat das zu spüren bekommen und musste immer und in jedem Fall zu ihm halten, was sie auch tat und erst in späten Jahren fand Bismarck in Bad Kissingen einen jungen bayerischen Arzt, der ihn wenigstens für die noch verbliebenen Jahre zu einem gesunden und dadurch erträglichen Leben quasi überzeugte, indem er ihn einmal zum Einschlafen brachte, einen warmen Leibwickel machte, einen (einfachen!) Schlaftrunk einflößte und wie ein Kind die Hand hielt (und zwar bis zum Erwachen am nächsten Morgen). Ein Schlüsselerlebnis, das er als Kind nie zu spüren bekam und eine Diätverordnung dieses jungen Arztes hielt er ein; früher hatte er über Ärzte keine gute Meinung. -
Zum Schießen die wörtlich wiedergegebenen Beobachtungen beim Essen im privaten Rahmen.
Bismarck war lange Zeit ein “Frustesser” und “Frust-Trinker”, der sich gerne damit brüstete und seine Rolle als Corpsstudent war aus dem Rahmen fallend (einmal lud er wohl gleich ein ganzes Corps zur Mensur ein, natürlich nacheinander fechtend!). -
Die einzelnen Stationen seiner politischen Laufbahn werden minutiös ausgebreitet. Über die Anfänge in Preußen geht es bis hin zu den innerdeutschen Vereinigungskriegen, den Krieg mit Österreich und die Reichsgründung in Versailles. Und alles wird genauestens betrachtet, gewendet und wieder betrachtet, dass es eine Freude ist in diesem ersten Teil seiner großen Bismarckbiografie, dass ich mich auf den zweiten Teil wirklich freue. Preußen und sein König, der spätere Kaiser Wilhelm I. waren seine Grundfesten, deren er sich verpflichtet fühlte und ein gefundener protestantischer Glaube ließ ihn einen Kulturkampf führen, in dem er eine Einmischung der katholischen Macht in die Politik oder eine ultramontane Gefahr witterte (wohl nicht zu Unrecht!). Das Buch über Bismarck ist auch ein Nachschlagewerk über die Eliten in Deutschland und Europa im 19. Jahrhundert und es fordert somit den Vergleich mit unseren momentanen Eliten geradezu heraus, wobei man aber sagen muss, Kriege dürften wir heutzutage nicht so einfach führen wie damals.
Das Buch vom Verlag C.H. Beck ist broschiert und die über 800 Seiten kosten 19.95 Euro.
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