UNRUHEN IN SYRIEN

Demokratie, Dein Name ist Öl: Wenn Syrien brennt, brennt der ganze Nahe Osten

Gern ist es der französische Staatspräsident Sarkozy, der ein härteres Vorgehen gegen die syrische Regierung fordert. Frankreich war über Jahrzehnte Kolonialmacht in Syrien und weiß, wie man mit Regierungen umgeht, die nicht so wollen wie Paris will: Mitte 1925 zerbombten die französischen Truppen einen Aufstand in Syrien, um, weil das erste Bombardement nicht erfolgreich war, 1945 erneut Bomben auf die syrische Hauptstadt Damaskus zu werfen.

Wer den offiziellen westlichen Nachrichten glaubt, der muss annehmen, es ginge in Syrien nur um freedom & democracy. (Foto: Scalino/flickr)

Wer den offiziellen westlichen Nachrichten glaubt, der muss annehmen, es ginge in Syrien nur um freedom & democracy. (Foto: Scalino/flickr)

Erst Anfang 1946 verließen die letzten französischen Truppen das Land. Wie bei den meisten arabischen Ländern, ist auch die Geschichte Syriens nicht ohne fremde Besetzung zu denken: Erst waren es die türkischen Osmanen, dann diverse europäische Mächte, die immer besser wussten was für die Syrer gut war als die Syrer selbst. Und wer genau hinsehen mag, dem fällt auf, dass es “die” Syrer gar nicht gibt. Denn Syrien gehört zu den späten Nationen, die bis heute aus verschiedenen Religionsgemeinschaften, verschiedenen Ethnien und auch widerstreitenden Clan-Interessen bestehen, die bisher keineswegs zueinander gefunden haben.

Wie im libyschen Bürgerkrieg – dessen fatale Ergebnisse zur Zeit zu besichtigen sind – geht es auch in den syrischen Kämpfen um die Neuverteilung der Macht.

Und weil in Syrien jede Menge Öl und Erdgas gefördert wird, sind nach der üblichen westlichen Lesart die syrischen Machtfragen auch Machtfragen, die in den USA und Europa gestellt werden: Seit 2009 stecken die USA mehrere Millionen Dollar in das in in London ansässige “Barada TV” der syrischen Opposition, das bisher wichtigste Instrument des syrischen Aufstandes. Die USA haben Übung darin, Oppositionelle zu unterstützen. So haben ihr Geld und ihre Waffen einst den ultrareligiösen Taliban zur Macht in Afghanistan verholfen. Auch in Syrien, das zur Zeit von der religiösen Minderheit der Alawiten beherrscht wird, geht es nächst der Öl-Frage um die Religionsfrage: Die Mehrheit der Syrer sind Sunniten, nicht wenige darf man zur orthodoxen Gruppierung des sunnitischen Islam zählen.

Wer den offiziellen westlichen Nachrichten glaubt, der muss annehmen, es ginge in Syrien nur um freedom & democracy. So hat die US-Außenamtssprecherin Victoria Nuland jüngst geäußert, der syrische Staatschef Assad könne das Land nicht “in die Demokratie führen”. Ihr assistiert der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert: “Es braucht jetzt vor allem ein klares und sehr einiges Vorgehen im UN-Sicherheitsrat.” Und der bekannte Sprachkritiker Guido Westerwelle weiß über eine Assad-Rede zu sagen: “Das war eine sehr enttäuschende Rede, und es war eine Rede der verpassten Chancen.” Man will, anders als in Libyen, den Zug der Zeit nicht verpassen. Denn ähnlich wie im Vorkriegs-Libyen sind die syrischen Öl- und Gas-Quellen noch in staatlicher Hand. Das soll sich, wie in Libyen nach dem Krieg, ändern.

Natürlich ist das Assad-Regime nicht demokratisch. Natürlich verteidigt es seine Macht mit mörderischen Mitteln.

Aber wer und was sind seine Gegner? Unter ihnen sind sicher auch Demokraten. Wie in Ägypten und in Tunesien werden nicht wenige Demonstranten aus den aufgeklärten städtischen Eliten kommen. Aber die Wahlergebnisse in den genannten Ländern haben genau diese Schichten nicht an die Macht gebracht. Es sind Islamisten unterschiedlicher Grade, die bisher erfolgreich waren. Die Arabische Liga, die in Kontakt mit den USA und unter Beifall der europäischen Medien eine Beobachter-Delegation nach Syrien sendete, ist in ihrer Zusammensetzung ein Beispiel für die Heuchelei des Westens: Diktatorische Staaten wie Saudi Arabien, Kuweit, Katar oder Sudan bestimmen in der Liga den Kurs. Dem Chef der Beobachtermission, dem sudanesischen Geheimdienstchef General Mustafa al-Dabi, wird zu Recht die Beteiligung an Kriegsverbrechen in Darfur vorgeworfen, kaum eine Qualität, um über anderer Leute Unrecht zu entscheiden.

An der Grenze zu Syrien sind US- und NATO-Truppen gelandet, teilt Sibel Edmonds mit. Die ehemalige Übersetzerin beim FBI und spätere Gründerin der “National Security Whistleblowers Coalition” weiß wovon sie redet. Sarkozy steht vor Wahlen, Obama möchte die seinen im November auch gern gewinnen, da kommt ein Krieg immer recht. Von Afghanistan über Irak bis Libyen: Die USA und ihre europäischen Kombattanten haben in keinem der Konfliktländer Fortschritte befördert. Oder, wie der Autor und Nah-Ost-Kenner Jürgen Todenhöfer nach seiner Reise durch das umkämpfte Land sagte: “Wenn Syrien brennt, brennt der ganze Nahe Osten.” NATO und USA sind bestens bekannt dafür, dass sie Öl ins Feuer gießen, um Brände zu löschen. Jenes Öl, das sie so dringend ihr Eigen nennen wollen.

Kommentare

Dieser Artikel hat 11 Kommentare.

  1. Pingback: Unruhe | Weg in die Freiheit

  2. Demokratie in diesen Ländern würde auch bedeuten, das die Frauen mehr Freiheiten bekämen und das lassen diese fanatischen Islamisten nicht zu. Mehr dazu zu schreiben, das lohnt sich nicht richtig…kommt ja eh nichts zurück.
    **

    Ansonsten muss ich sagen.Es sind sehr viele neue Artikel da, sehr interssante teilweise- aber niemand schreibt.

    Diese Seite ist tot (langweilig) geworden und die Autoren kümmern sich nicht mehr, wenn sie ihren Senf niedergeschrieben haben. ( falls denn mal einer antwortet) Schade..! Schade!

    Tschüss..und Ade!

    • Ach jee…

      Natürlich wollen weder die USA noch Israel den Islamismus in den islamischen Ländern einführen. Das versteht der aber Autor nicht. Er meint nur, alles sollte so bleiben, wie es war, niemand solle sich einmischen, weil der Zusammenschluss des Proletariates nicht auch funktioniert…

      Andere Frage ist, was die Menschen in den islamischen Ländern wollen? Ich glaube nicht so sehr, dass sie den Islamismus wollen. Aber um etwas “NEUES” aufzubauen, muss man organisiert sein. Und die spontanen Proteste wurden NICHT organisiert, weil sie ja SPONTAN waren. So kommen jetzt Diejenigen zum Zug, die schon immer organisiert waren – und das sind die Religiösen mit ihrer traditionellen Organisation.

      Ja, seit der VERÄNDERUNG dieser Seite ist hier viel weniger los, als früher. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass sich MEINETWEGEN auch Einige verabschiedet haben.

      Man muss wahrscheinlich eine gewisse Anziehungskraft ausstrahlen, damit hier mehr los ist.

      • Vielleicht hat sich der Wandel vom “Autoren-Chatroom” zum Diskussionsforum noch nicht “herumgesprochen”.
        Readers Edition wirkte auf “Gelegenheitsleser” in früheren Zeiten auch nicht sehr einladend, da die Diskussionsbeiträge für Außenstehende kaum nachvollziehbar, da sehr “persönlicher” Natur waren.Dass dies für die aktiv Beteiligten vielleicht einen besonderen Reiz hatte, der jetzt nicht mehr im Vordergrund steht, mag die einstweilige “Ruhe” erklären.
        Ihre Einschätzung,Albert Albern, dass sie mitverantwortlich für einige “Abschiede” seien,kann ich persönlich nicht teilen.
        Ihre sehr aufschlussreichen Artikel, die ja leider auch dem “großen Betriebsunfall” zum Opfer gefallen sind, waren für mich ganz besondere “Augenöffner”, auf die ich nicht hätte verzichten wollen.
        Also, ein herzliches Dankeschön an Sie und an die vielen engagierten Autoren hier im Forum.

    • Demokratie kann nur aus der Bevölkerung der arabischen Länder kommen und nicht von außen. Das gilt natürlich auch für die Rechte der Frauen. Gnaz typisch ist, dass sich nach dem westlichen Eingreifen in Libyen z. B. die Lage der Frauen verschlechtert hat: Jetzt gilt wieder die Scharia als Rechtsgrundlage der Verfasung und die Polygamie wurde wieder eingeführt.

      • In Libyen ging es meiner Erinnerung nach bei der Einmischung nicht darum, Demokratie einzuführen (die Erfahrung im Irak ist immer noch lebendig), sondern darum, aus dem Ruder geratene Diktatur zu stürzen. Was in dem frei gewordenen Raum entsteht, entzieht sich unseren Wünschen, so lange wir uns nicht einmischen, also nicht mitmachen…

        Also:
        “Demokratie kann nur aus der Bevölkerung der arabischen Länder kommen”
        Dem stimme ich zu!

        • Wer eingreift (in Libyen gegen jedes Völkerrecht) ergreift Partei. Im Libyenfall für diffuse Revolutionäre, die sich im Nachgang als eine Mischung aus Zukurzgekommen bei der Verteilung der Öl-Progite und Islamisten unterschiedlicher Coleur herausgestellt haben. Wer eingreift (im Fall des NATO-Einsatzes in Libyen auch angreift), der hat für das Ergebnis Verantwortung. Aber das hat in Libyen (und das wird in Syrien) die ausländischen Mächte nicht jucken: Man will ans Öl. Dafür ist jedes Vebrechen recht.

          • Na ja, der Weg zum Öl ist noch lange nicht frei…

            Zitat:
            “Wer eingreift (im Fall des NATO-Einsatzes in Libyen auch angreift), der hat für das Ergebnis Verantwortung.”

            Das kann von mir aus so stehen bleiben, auch wenn der Satz die Libyer entmündigt. Die “Mischung aus Zukurzgekommenen bei der Verteilung der Öl-Profite und Islamisten unterschiedlicher Couleur” trägt dann nämlich keine Verantwortung. Wohl auch dann nicht, wenn die “Zukurzgekommenen bei der Verteilung der Öl-Profite” nach dem Öl streben sollten. Aus egoistischen Gründen…

            Aber: Die NATO-Länder hätten das Öl auch weiterhin von Kadhafi beziehen können, so wie sie es immer noch aus Libyen beziehen. So gesehen kann das Öl kein ausreichender Grund für den aufwendigen NATO-Einsatz sein, und das noch dazu mitten in der Krise.

          • Mann, es ging um die Entstaatlichung des libyschen Öls. Und außerdem: Die Nummer lief schon im Irak: Unter dem, wie wir wissen verlogenen, Vorwand vom A-Waffen wurde das Land mit Krieg überzogen. Wer das nicht kapiert solte sich aus der politischen Debatte abmelden.

  3. Ich hatte den Eindruck, dass spätestens während der verwirrenden Ereignisse in Libyen herauskam, dass das libysche Öl längst privatisiert wurde – durch den Gaddafi-Clan. Herr Gaddafi und sein Clan waren der STAAT. Das weckte den Eindruck, das Öl sei verstaatlicht worden.

    Wäre die Sache wirklich so, wie Sie es sich vorstellen, @ ugellermann, dann könnte es die “Zukurzgekommenen bei der Verteilung der Öl-Profite”, von den sie schreiben, gar nicht geben und wir hätten damit nichts, worüber wir schreiben könnten…