ANALYSE

Auf den Spuren der Literatur, Teil 40

William Blake war seinerzeit gar nicht so beachtet, wie es ihm zustand, erst Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts wurde er von den Präraffaeliten entdeckt und kam zu Geltung.

William Blake wurde von seinen Zeitgenossen mit Kopfschütteln betrachtet.

William Blake wurde von seinen Zeitgenossen mit Kopfschütteln betrachtet.

William Blake

An den Abendstern

Du Engel mit dem hellen Haar am Abend,
Nun, da die Sonne ruhet auf den Bergen, zünde
Dein Fackellicht der Liebe – deine Krone
Leg an! Die glänzt, scheint überm Abendlager
Und lächle unserm liebsten Wunsch! Du zogst
Des Himmels Vorhang zu, nun wirf den Tau
Auf jede Blume, die so süß ihr Auge schließt
In zeit`gem Schlaf. Lass deinen Westwind ruh`n
Am See, sprich Frieden mit dem Flimmerblick
Und wasch den Dunst mit Silber. Bald, sehr bald
Entschwindest du; dann rast der Wolf,
Dann glüht des Löwen Aug im trüben Forst,
Und unserer Herden Vlies hält sich bedeckt
Mit heil`gem Tau: nimm sie in deinen Segen!

Analyse

William Blake war seinerzeit gar nicht so beachtet, wie es ihm zustand, erst Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts wurde er von den Präraffaeliten entdeckt und kam zu Geltung. -

Er lebte zwischen 1757 und 1827 in London und war nicht nur ein Dichter, der fast schon in die Moderne zielte – wie etwa Keats, Byron oder Shelley, von denen wir später mehr hören werden –, sondern auch ein Maler und der Erfinder der Reliefradierung. -

Wenn wir dieses schöne Gedicht mehrmals langsam lesen und verinnerlichen, können wir vielleicht verstehen, dass die moderne Jugendbewegung in der letzten Hälfte des vergangenen Jahrhundert sich von dieser Lyrik angezogen fühlte, wie z.B. auch die Rockgruppe “The Doors”. -

William Blake, der von Zeitgenossen oft kopfschüttelnd betrachtet wurde, weil er sich (anders als die Priester, wie er meinte!) als Mittler zwischen Welt und Gott wähnte, er war der Meinung, dass, wenn “die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden”, der Mensch alles sehen könne, wie es wirklich ist, nämlich grenzenlos und unbeschränkt. So mag es gerne sein. Aber mit der Aussage: “Bald, sehr bald entschwindest du: dann rast der Wolf” hat er eine prophetische Gabe bewiesen, die erstaunlich ist.

Klaus Grunenberg

Photo: birgitH, via pixelio.de

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*