Die Biermösl Blosn mit Gerhard Polt 2010 im Münchner Volkstheater; Quelle/Urheber: Usien via wikipedia.org
Doch bei dem in Kenntnis befindlichen Zuschauer und Hörer der Fernsehaufzeichnung mischten sich bittere Wermutstropfen in die (wieder) begeisternde Freude über die von den Blosn wie eh und je punktgenau und musikalisch-sangeswortscharf ins Ziel gebrachten Kabarettpfeile. Schließlich war bereits vor Monaten klargewesen: Die Blosn lösen sich auf.
Blosn-Abschied im Theater Fürth
Am Dienstag vergangener Woche nun war es soweit. Das unwiederruflich letzte, das Abschiedskonzert also, der Biermösl Blosn ging im ausverkauften Fürther Stadttheater über die Bühne. Dabei war natürlich auch wieder der bissig-schlaue, sich verkappt-verschlagen nähernde, die Spitze des Eisberges mählich-allmählich bloßlegende, Gerhard Polt mit seinen, meist bereits anfangs zu erahnenden, dann aber doch erst mit sich hinziehender Verzögerung explodierend ereignenden, im Bitterbösen endenden Katastrophen, seiner aus dem tragisch-komischen Leben von Kleinbürgern, Kleinkarierten, tumben Karrieristen oder einfach nur Pechvögeln kabarettistischen Nektar saugenden Geschichten.
Die Biermösl Blosn mussten am Dienstag Zugabe um Zugabe geben. Dennoch, nach dem Finale und dem nicht enden wollenden Applaus für die Akteure auf dem Fürther Theater kam der harte Schluss: Am Mittwoch lösten sich die Blosn “erklärtermaßen offiziell auf” (dpa).
Der Ursprung
Die bayerische Musik- und Kabarettgruppe Biermösl Blosn wurde 1976 von den Brüdern Hans, Christoph und Michael Well gegründet. Biermösl leitet sich ab von Beerenmoor, einem Teil des Haspelmoors (Landkreis Fürstenfeldbruck). Blosn (Blase) ist laut Wikipedia ein bairischer Begriff für Clique, Gruppe.
Auftrag erfüllt?
Auch zum Abschiedskonzert blieben sich die immer auch musikalisch-virtuos zwischen Volksmusik, Klassik, bayerischen Mundart-Gesang changierenden Blosn treu. Gekonnt wie über Jahrzehnte hinweg nahmen das Well-Trio gemeinsam mit Polt bayerische Selbstzufriedenheit, Doppelmoral und Polit-Filz auf’s Korn. Das Trio löckte stets unbequem bleibend gegen den Stachel, spießte Ungerechtigkeiten und Unverschämtheiten auf und machte sich vorallem bei der bayerischen Staatspartei CSU, jahrzehntelang die Staatsregierung stellend, die über Jahrzehnte Wahlergebnisse wie sie einst nur die SED in der DDR einfuhr, keine Freunde. Heute sehen die Blosn ihren Auftrag augenzwinkernd erfüllt: Die “Hundert-Prozent”-Marke der CSU ist ja bekanntlich geknackt. Die Blosn haben über Jahrzehnte hinweg festgefahrene Strukturen im Freistaat Bayern aufgemischt und wohl auch hier und etwas aufgelockert.
Neue Wege
Künftig werden die drei Brüder nun getrennte Wege gehen. Bereits im nächsten Monat wollen Christoph und Michael Well in den Münchner Kammerspielen zusammen mit ihren Schwestern, den “Wellküren”, einen Neuanfang wagen. Es ist ein “Hausmusikabend” (Regie: Frank Wittenbrink) angedacht. Hans Well kann sich Auftritte mit dem Doyan des deutschen Kabaretts, Dieter Hildebrandt, vorstellen.
Die Blosn in Ost und West
Die Biermösl Blosn hatten wie auch Gerhard Polt (“Fast wia im richtigen Leben”, ARD) bundesweite Austrahlung und dementsprechend treue Fans.
Mir selbst war es vergönnt die Biermösl Blosn und Gerhard Polt in 1980er Jahren im “neuen theater” in Halle (Saale) – also noch zu DDR-Zeiten - life zu erleben. Den Bayern schmeckte damals nach zunächst lange nicht abschwellen wollendem Applaus und einigen darauf folgenden Zugaben anschließend ein zünftiges DDR-Bier. Zu welchem Schauspieldirektor Peter Sodann damals in die Räumlichkeiten “seines”, aus einem abgewirtschafteten früheren Kino, entstandenen Theaters einlud.
Humor, Geist und politisches Engagement verbindet seit Jahrzehnten die kongeniale Konstellation Biermösl Blosn/Gerhard Polt. Für mich gehörten und gehören sie immer zusammen. Und die Blosn mit Polt-Verstärkung feierten wohl auch deshalb nicht umsonst so die größten Erfolge. Vor ein paar Jahren hatte ich noch einmal Glück: Besagte “Konstellation” machte einen Gastspielstopp im Konzerthaus Dortmund.
Wehmut zum Schluss und ein Klick zwecks Erbauung
Nun aber heißt es: Ausg’Blosn is. Die Blosn-Fans bleiben zurück mit einer Träne im Knopfloch. Und selbst bei Erwin, CSU-Huber, schien in einem TV-Interview etwas Wehmut hochzuploppen … Harter Schnitt! Aber was hilft’s? Jammern gilt nicht. Die Entscheidung der Well-Brüder muss respektiert werden. Sie sind ja nach der Trennung auch keineswegs verfeindet. Vielleicht brauchen sie nach über 30 Jahren einfach ein Abkühlphase? Die man übrigens manch Politiker schon nach viel weniger Jahren wünschen würde! Und wer weiß, was die Zukunft an neuen Konstellationen bringt? Schließlich ist ja niemand dieser Künstler aus der Welt: Das Kulttrio nicht. Und nicht der Polt. Da komm doch sicher noch was, oder? Ach, ich kann’s doch nicht lassen: Wer jetzt schon heftigen Biermösl-Blosn-Entzug verspüren sollte, klicke zwecks musikalisch-kabarettistischer oder sonstiger Erbauung das kurze Video mit der Kultband an.
Auch nach der Trennung “lebt” die Biermösl Blosn noch weiter. Viele der bairischsprachigen Gruppen, die in den letzten Jahren entstanden sind und immer beliebter werden, wurden unverkennbar von der Blosn beeinflusst.
Davon würde ich auch ausgehen. Es haben noch wenige Musiker geschafft, sich völlig aus dem Geschäft zurückzuziehen. Auch, wenn man nach ein paar Jahrzehnten mal a bissl Pause braucht.
Gruß aus München
Radio Freies Bayern
http://radio-freies-bayern.de