Bildungseinsparungen in der Wissensgesellschaft

Orientierungskompetenz – Fehlanzeige!

Was ist eigentlich aus den von Oskar Negt bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts für die Bildung geforderten „alternativen“, „gesellschaftlichen Schlüsselqualifikationen“, den sog. „Orientierungskompetenzen“ geworden?

Übergeordnet sollte die „ Orientierungskompetenz die Menschen zur Verarbeitung von Informationen in Zusammenhängen befähigen.“ Negts Frage lautet schon damals (1997) interessanterweise: „Was müssen Menschen wissen, damit sie die heutige Krisensituation begreifen und ihre Lebensbedingungen in solidarischer Kooperation mit anderen verbessern können“? oder “Über welche spezifischen Kompetenzen des gegenwärtigen Lernens … müssen Menschen verfügen, damit sie den Problemen einer hochindustrialisierten Zivilisation und der Erosionskrise gewachsen sind?“

Solche Kompetenzen wären nach seiner Ansicht:

Identitätskompetenz: zum Umgang mit bedrohter und gebrochener Identität,
Ökologische Kompetenz: zum pfleglichen Umgang mit Menschen, Natur und Dingen,
Technologische Kompetenz: um gesellschaftliche Wirkung von Technik zu begreifen,
Ökonomische Kompetenz: um wirtschaftliche Zusammenhänge des Gemeinwesens zu verstehen ohne Reduktion der Ökonomie auf Betriebswirtschaft,
Gerechtigkeitskompetenz: Sensibilität für Diskriminierung, für Recht und Unrecht, für Gleichheit und Gerechtigkeit,
Historische Kompetenz: Erinnerungs- und Utopiefähigkeit, Umgang mit Zeit.

Haben sie nach dieser langen Zeit Eingang in die Bildungsreformen gefunden? Verfügt wenigstens die Führungselite darüber? – Der allgemeine Begriff der Schlüsselqualifikationen von Dieter Mertens erlebte zwar seinen europaweiten Siegeszug, doch vom Negtschen Sinn ist darin wenig wieder zu finden. Ich sehe hier keine Entwicklung, nirgendwo!

Die moderne Bildungsdebatte, die Nachhaltigkeit und Lebenslänglichkeit allzeit und allerorts auf den Lippen führt, hat dazu kaum einen Beitrag geleistet. Ich wüsste nicht, wo in breiter Linie oder in den Fachdisziplinen der Geist der obigen „Orientierungskompetenzen“ aufgegriffen worden wäre und zu mehr Kompetenz und Bewusstsein geführt hätte. Im Gegenteil, die diesbezügliche Unwissenheit und Ignoranz, gepaart mit höchstens schönsprecherischen Lippenbekenntnissen, springen ins Auge.

Die allgemein ungedrosselte Nachfrage nach Lebensberatungsliteratur und Coaching-Dienstleistungen bestätigt diesen Stillstand und verbreiteten Orientierungsmangel in der vermeintlichen „Wissensgesellschaft“.

Schaue ich auf die Rahmenbedingungen für die Negtschen Schlüsselqualifikationen, so zeigt sich mir heute folgendes traurige Bild:

Der globale Dauertatbestand der „lästigen“ Flüchtlings- und Migrationsströme macht es immer mehr Menschen unmöglich, so etwas wie eine Identitätskompetenz zu entwickeln. Identitätszerstörung durch gewaltsame Entwurzelung, also Heimatzerstörung, bildet die Basis für eine nie endende „Opfer-Hilfe“ in Gestalt von Caritas, Entwicklungshilfe oder Frontexeinsatz und menschenverachtenden Abschiebungen bzw. Kasernierung.  Auch der fortgesetzte Tempowahn gehört dazu und ist in diesem Räderwerk „systemrelevant“, er entwurzelt und verunsichert weiter – psychisch-seelisch wie physisch.

Die Technikfixiertheit (auch die Methodengläubigkeit) der Gesellschaft und ihrer Eliten, im Zusammenspiel mit zeitlichem Lösungsdruck und der Finanzklemme, lässt eine ernsthafte Wirkungsanalyse technischer Neuerungen gar nicht erst aufkommen. (Das sind Spielereien der 70er Jahre.) Und wer, welche Spezialprofession könnte sich das auch schon zutrauen? Vor dem Hintergrund weiter gezüchteten Fachidiotentums erscheint als einzig realistische Möglichkeit die Bildung einer weiteren „Inter– und Multi– Untersuchungs-Komission“. Das beruhigt wenigstens.

Keine Orientierung, kein Mut, keine Idee für eine sinnvolle Reduktion der aus dem Ruder gelaufenen Komplexitiät. Im Gegenteil, weltweite Verflechtung und endlose Oberflächenkontakte (im Netz und real) gelten weiterhin als unhinterfragbares Nonplusultra.

Die ökologische Perspektive, sie scheint beliebig und eine Privatangelegenheit von konsequent Aufrechten zu sein. Außerdem liegt ihre Stärke mehr im „Nachhaltigkeits-Gebimmel” als in der Umsetzung. Dennoch steht sie immer wieder auf der Tagesordnung – nein, deshalb.
Einfach Machen kommt vor Nachdenken. Als geistige Gegner gelten die „innovationsfeindlichen“ Blockierer und Bedenkenträger.

Betriebswirtschaftliches Schmalspur-Halbwissen(diese Doppelung scheint mir keine Tautologie zu sein) der Wahlbürger, wie ihrer Politiker, – beide informiert durch unkritische Mainstreammedien – dominiert allerorten über die Sicht der Angelegenheiten der Allgemeinheit und Volkswirtschaft(en). Entsprechend borniert und hilflos ist natürlich auch die Wirtschaftspolitik der gewählten Vertreter. Nur, man hat selbst kein Bewusstsein davon! Man weiß nicht, was man nicht weiß, aber wissen müsste.

Wer Gerechtigkeitslücken sieht, gilt als neidisch oder Miesmacher. Die Gerechtigkeitsfrage erlangt keine wirkliche Relevanz, jedes periodische Aufbegehren unter diesem Blick verhallt ungehört und hinterlässt peinliche Ratlosigkeit und Moral-Aversion. Vom Skandal führt der direkte Weg zur stoischen Alltags-Tagesordnung. Eine noch erhaltene „Gerechtigkeitskompetenz“ wirkt – mehr denn je – nachteilig und nervig verzögernd.

Die Vergangenheit lehrt kaum noch jemand etwas, da sie – wenn nicht gänzlich unbekannt – als „veraltet“ belächelt und entwertet wird. „Altes“ Wissen wurde (und wird tagtäglich) vernichtet oder in Nischen vertrieben und gilt als obsolet. Die Utopie steht ebenfalls verlassen und lächerlich da. In der verballhornten Gestalt der „unternehmerischen Innovation“ muss sie ihr verstecktes Ersatzleben fristen.

Die ignorante Dummheit scheint einen sehr festen Platz in der weltweiten Wissensgesellschaft errungen zu haben.

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