Mediation will ergebnisoffen sein, die TOA dagegen muss eine unbefragbare Richtung haben!
Über den Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) sind wenige Leute informiert und gar Mediatoren wissen wenig dazu zu sagen. In dem genannten Artikel meine ich exemplarisch das typische Versäumnis einer wirklichen Auseinandersetzung zum richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Diese Zaghaftigkeit ist so manches Mal zu heutigen „Reformzeiten“ in vielen Bereichen passiert und passiert immer noch. Dann, später, sieht man erst das Ergebnis dieser „Friedensliebe“: durch die Eingemeindung von viel versprechenden originellen Gewächsen enden diese letztlich als geduldete Sumpfblüten im Randbereich der Mehrheitsflora.
Weiter im Text: Ich lese, dass der TOA und die Mediation sich ab den 60er Jahren getrennt voneinander entwickelt hätten, aber das Konfliktbearbeitungsmodell „im Grunde dasselbe“ sei. Der TOA-Zweig hätte die Hoffnung gehegt, den eigenen Ansatz innerhalb des Mediationsverbands weiterentwickeln zu können. Das wundert mich doch sehr, aber Hoffnung ist ja nicht untersagt. Wenn man die Gesamtentwicklung seitdem beobachtet, so kann man wohl sagen, dass der Bundesverband Mediation(BM) übermächtig wurde und ich habe folglich bis heute auch nichts von dieser internen TOA-Expansion gehört. Ich gehe mal davon aus, dass zwischenzeitlich das Größere das Kleinere vereinnahmt hat. Wie so oft, wenn Marktdurchsetzungskriterien entscheiden. Schon damals einigte man sich im BM, dass TOA als Betätigungsfeld für die Absolventen der vielen Mediatorenfortbildungen erschlossen werden solle. Wo bleibt da die Reflexion der unterschiedlichen Genese, der unterschiedlichen theoretischen Hintergründe dieser beiden Schlichtungsverfahren (die m.E. auch fundamental sind)? (Der eine entsprungen aus dem Zusammenhang von gerichtlichen Streitverfahren und die andere erlebte eine Wiederentdeckung (60er Jahre) in den USA mit starker Prägung durch die Nonviolent-Bewegung und Anreicherung mit entsprechenden humanistischen Psycho-Ansätzen. – Entsprechend bunt ist auch die Zusammensetzung der praktizierenden Mediatoren.)
In dem Artikel wird immer wieder so vorsichtig und widersprüchlich formuliert, dass ich instinktiv ein ungleichberechtigtes Verhältnis der beiden Schlichtungsverfahren spüre, man tut sich nichts. Ein Oben-Unten-Verhältnis scheint mir evident, i.d.S. heißt es u.a. auch, „nicht jeder TOAler hat bereits die Fähigkeiten zur Mediation“. Das Besondere der Mediation wie Freiwilligkeit, Winwinlösung usw. wird herausgestellt. Das Besondere des TOA wird in diesem Moment nicht dagegen gestellt: Das Verfahren basiert – im Gegensatz zur Mediation – auf der Einsicht eines Täters. Dabei ist vorausgesetzt, dass es einen Täter gibt bzw. er feststellbar ist. Das darf man doch nicht vermischen. Die Autoren führen diese Differenzen auch auf, aber zu geistigen Schlussfolgerungen führt das nicht.
Weiter fragen sie, schon angepasst, aber auch noch optimistisch: „Wie werden die Prinzipien der Mediation unter den Rahmenbedingungen des institutionalisierten TOAs verwirklicht? Was können die übrigen Mediatoren von TOAlern lernen?“ Die Fragen waren wohl gut gedacht, doch 2012 haben sie sich real wohl erledigt. Ich glaube, die Machtverhältnisse sind klar, kein Mediator (bei den Juristen mag es anders sein) meint von dem TOA viel lernen zu sollen. Umgekehrt ist es ganz sicher anders.
Das Gewinner-Gewinner-Prinzip der Mediation – abgesehen davon, dass es m.E. auch sonst idealistisch ist – geht von prinzipiell Gleichen aus.
(Vor diesem Hintergrund ist auch der Allparteilichkeitsversuch verständlich.) Ein allparteilicher und neutraler Schlichter bei einem Täter-Opfer-Ausgleich, der beiden Seiten „gleichen Raum“ gewährt, kann sich möglicherweise schon wieder schuldig machen, weil er das Wesentliche „übergeht“. Bei dem TOA geht es um Ungleiche, anvisiert ist ein realer oder immaterieller Wiedergutmachungsbeitrag von A und um eine Verzeihenshaltung bei B. Der Vermittlungsexperte des TOA muß sich immer bewusst sein, – trotz allseitigem Verständnis, Respekt usw. – dass auf der einen Seite das Opfer sitzt und auf der anderen ein Täter. Vorbedingung ist also, dass das entstandene Machtungleichgewicht gesehen und beachtet wird. Sonst macht es keinen Sinn. Die Voraussetzung ist, dass die wesentliche Ungleichheit von Opfer und Täter anerkannt wird. Besonders da, wo es um (in der Vergangenheit gewachsene) Macht geht, ist ein neutraler (unwissender), „allparteilicher“ Schlichter eine Fehlbesetzung. Bei dem TOA weiß man eigentlich vorher, wo die Gefahren der Machtverstrickung der Kandidaten liegen. Eine erfolgreiche TOA hat rechtliche Folgen, da sie weiter im juristischen Institutionenkontext stattfand. Bei der „offenen“ Mediation – wo man pragmatischerweise eh kaum einen Blick für die Historie hat – kann eine komplizierte Macht-Verknotung bis zum Schluss verborgen bleiben. Hauptsache, das befriedende, formale Win-Win-Ergebnis wird erzielt, mag auch „zu hause“ oder später der Kampf verdeckt weiter gehen. Zur Not gibt es ja die Nachtreffen mit Nachverhandlungen….
Mediation will ergebnisoffen sein, die TOA dagegen muss eine unbefragbare Richtung haben!
Die Autoren sehen wenigstens bei der Freiwilligkeit des Täters einen Unterschied der beiden Schlichtungsverfahren. Sie heben hervor, dass der Täter einen Druck zur Teilnahme spürt, dass gar sein Schuldgeständnis Vorbedingung sei. (Was für den echten Teufel das Weihwasser, ist für den „freien, allparteilichen Mediator“ ein „Täter“ oder für den Systemiker das Wort „Ursache“.) Und dennoch behalten sie die Grundtendenz der Vermengung von Mediation und TOA bei. Was soll das? Mit dieser Weichspülung geht das Profil der TOA verloren. Oder hat man schon resigniert bzw. sich „flexibilisiert“?
Die spezifische Stärke des TOA könnte sein, nicht zuerst das Ausgleichsergebnis zu präsentieren, sondern mehr den Prozess herauszustellen, den der Täter durchmacht, wenn er sich darauf einlässt. Die Aussprache, das Aussprechen von Gefühlen, Blockaden und Missverständnissen kann in ihm etwas Sozialisierendes in Bewegung bringen. Dieses sollte man selbstbewusst mehr herausstellen, als das sichtbare „Friedensergebnis“. Das schreierische Verkaufsdenken sollte – und kann (?)- man ruhig der Markt-Mediation überlassen.
Tut man dieses, dann wird auch klar, dass der Zeitdruck solch eines Verfahrens, von dem die Autoren berichten, kontraproduktiv ist. Auch die Vorbereitungsgespräche müssten viel wichtiger werden. (Von dieser „Tempo-Sünde“ wissen sozialarbeiterisch geschulte Professionelle!) Darauf müssten TOAler Wert legen und nicht auf „Wir bieten schnell eine kostengünstige(re) Lösung“, wie die Mediation es versprechen muss und die „Auftraggeber“ es auch erwarten.
Der Täter muss sich vorher entschuldigen, lese ich. Warum halten die Autoren trotz alledem an der „Gleichheit“ von Mediation und TOA fest. Ich denke, das ist faktisch nicht gerechtfertigt. Eine offene (heutzutage wohl auch mutige) Gegenüberstellung der Differenzen wie der weitgehenden Parallelen, aber auch der unterschiedlichen Stärken und Einsatzmöglichkeiten wäre meines Erachtens dienlicher gewesen. So habe ich eher den Eindruck, man könne sich einen Zwist mit der mächtigen Mediationsfraktion und ihren Berufsverbänden nicht erlauben, wenn man überhaupt noch in dem Professionalisierungswettrennen „eigenständig“ mithalten will. – Aber abschließend zum „Trost“: der Supervision geht es mit der Krake Coaching auch nicht anders.
*Quelle: O.Hagedorn und T Metzger „TAO und Mediation“ http://www.konfliktlotsen.de/pdf/TOAundMediation031027-6.pdf
Photo: Gerd Altmann, via pixelio.de
Hallo Herr Albers, danke, dass Sie mich auf Ihren Artikel aufmerksam machen. Eine offene Diskussion schätze ich.
Wie immer scheint die Realität weitaus komplexer zu sein als man es gerne hätte.
Sie schreiben: “kein Mediator meint von dem TOA viel lernen zu wollen”. Realität: Die Seminare mit Ed Watzke sind seit über 15 Jahren mit MediatorInnen sehr gut gefüllt (zuletzt auch im Herbst 2011 in der Regionalgruppe Hamburg im BM, die ich leite) und etliche MediatorInnen haben bei Michael Wandrey ihren Master in Mediation gemacht – um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Andersherum gilt das gleiche: Ich leite seit 15 Jahren regelmäßig Mediationsworkshops mit MitarbeiterInnen des TOA und freue mich über die wechselseitige Anregung und Wertschätzung.
Der BM ist „übermächtig“? Na, da bin ich als BM-Mitglied bescheidener. Aber ich freue mich, dass der BM in der Gesellschaft Wirkung zeigt. Der BM steht für Schulmediation, für Mediation in sozialen Brennpunkten, für Wirtschaftsmediation, für Familienmediation, für Mediation im Strafrecht, für Umweltmediation und für noch viel mehr. Denn in allen diesen Bereichen sind die Mitglieder des BM tätig. Im BM tun sich MediatorInnen jeglicher Couleur, Hauptamtliche, Freiberufler und Ehrenamtliche zusammen und stehen für gelebte Grundsätze der Mediation. Der BM ist selbstverwaltete „power von unten“. Er spricht sich für die Mediation im Strafrecht aus. Gut so.
Würde ich den Artikel wieder so schreiben wie vor 10 Jahren? Die Wertschätzung gegenüber dem TOA würde bleiben, ansonsten würde sich manches ändern: Ich habe eine Menge dazu gelernt, mein Mediationsstil hat sich seitdem sehr stark verändert. Mein Blick auf Freiwilligkeit, auf Macht und Hierarchie in der Mediation und auf das ambitionierte Versprechen des „win-win“ ist ein ganz anderer geworden. Nicht zuletzt habe ich den Eindruck, dass auch der TOA insgesamt sich in den zurückliegenden 10 Jahren weiter entwickelt hat. Wäre auch zu schade wenn nicht, denn wer im Denken und Handeln still steht, passt irgendwann nicht mehr in die Zeit. Aber das kann ich zum Glück bei den MitarbeiterInnen des TOA, denen ich persönlich begegne, nicht feststellen. In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen sehr, dass die Finanzierung des TOA nicht nur gesichert sondern ausgebaut wird! Weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit, die ich für sehr wichtig halte, liebe KollegInnen im TOA!
Herzlich
Tilman Metzger
Sehr geehrter Herr Metzger,
dann hat sich ja alles gut entwickelt und ist in bestem Fluss.
Ich wünsche Ihnen weiterhin so viel Enthusiasmus für Ihre “power von unten”.
mfg k-h albers