Interview

„Ich habe, Gott sei Dank, die Leute nicht hassen müssen, die mir das angetan haben“ – Marianne Behrs im Interview, Teil 1

Sie wurde geschlagen, geängstigt, psychisch gequält, sexuell erniedrigt. Sie musste als Kind Zwangsarbeit leisten, sie wurde als Kind in der Pflege eingesetzt, man verweigerte ihr die Schulausbildung und steckte sie ins „Strafkleid“, wenn sie nicht parierte. 50 Jahre später holt die Vergangenheit sie ein.

Marianne Behrs hat Unglaubliches durchgemacht.

Marianne Behrs hat Unglaubliches durchgemacht.

Ihre Psyche wehrt sich und doch stellt sie sich ihrer „verlorenen Kindheit“. Jetzt ist sie Namensgeberin für ein neues Heim für behinderte Kinder. Es wird gegenüber jenem Johanna-Helenen-Heim gebaut, in dem sie als Kind täglich mehrmals gequält und missachtet wurde. Das Johanna-Helenen-Heim ist Teil der heutigen Evangelischen Stiftung Volmarstein, der Rechtsnachfolgerin der damaligen Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten Volmarstein, unter Trägerschaft der Inneren Mission (heute Diakonisches Werk).

Wer ist Marianne Behrs?

Wie fühlst Du Dich jetzt, wenige Tage nach dem Richtfest für „Dein Haus“ in der Evangelischen Stiftung Volmarstein?

Tja, welche Gefühle habe ich? Zunächst war es aufregend, meinen Namen in großen Buchstaben zu sehen, auf einem Plakat; das war schon sehr überwältigend. Mir sind fast die Tränen gekommen. Und dann spielte natürlich das Wetter eine große Rolle. Wir hatten Glück und während des Richtfestes war es wirklich richtig feierlich; und der Himmel war knallblau. Man hätte es sich gar nicht anders wünschen können. Was mir auch sehr gut gefallen hat, war die Rede, die Pastor Dittrich in dem kleinen Raum, wo wir vorher waren, gehalten hat.

Kannst Du Dich noch an Einzelheiten erinnern? Worüber sprach Pastor Dittrich?

Da ging es natürlich um das „Marianne-Behrs-Haus“. Ein lebendiges Denkmal soll es sein. Er hat ausgedrückt, dass er das Gefühl habe, dass ich mit diesem Haus auch eine Wiedergutmachung empfinden würde. Und vor allen Dingen hat er zum Ausdruck gebracht, dass auch die „Freie Arbeitsgruppe“ hinter diesem Haus steht und das Projekt unterstützt.

Hattest Du hinterher weitere Gespräche mit Pastor Dittrich oder mit anderen Verantwortlichen der Evangelischen Stiftung?

Nein, ich habe hauptsächlich mit Pastor Dittrich gesprochen. Wir haben ein sehr langes Gespräch geführt. Nachdem wir uns dieses schöne neue Haus, vielmehr den Rohbau, angeguckt haben, habe ich Pastor Dittrich ein wenig schelmisch gefragt, wo denn die Wand hinkäme, mit den vielen Kinderbildern von uns und von unserer Gruppe. „Ja Frau Behrs, ich weiß genau, worauf Sie hinauswollen. Und das wird auf jeden Fall geschehen“, sagte Pastor Dittrich. Wir sollen Bilder heraussuchen und er würde sich dann mit uns in Verbindung setzen. Er möchte gern mit uns und mit einem Künstler zusammen die Wand gestalten.

Wurde auch über Opferentschädigung, über Wiedergutmachung oder über eine Opferrente gesprochen?

Ja, da wurde auch drüber gesprochen. Das habe ich angesprochen. Und zwar habe ich gesagt, mir wäre es lieber und es ginge gerechter zu, wenn alle, die betroffen sind, eine Entschädigung bekommen. Darauf meinte Pastor Dittrich, die Stiftung würde in den Opferfonds einzahlen. Dort sollten wir einen Antrag stellen, um in irgend einer Form eine Wiedergutmachung zu bekommen. Das bedeutet, dass man beispielsweise eventuell eine Psychotherapie darüber finanziert bekommen könnte. Ich habe zu ihm gesagt, dass ich den Opferfonds ohne Wiedergutmachung nicht gut finde.

Du kamst auch mit dem Stiftungsratsvorsitzenden Hans-Dieter Oelkers ins Gespräch.

Herr Oelkers stand auch dabei und meinte, ob jemand eine Wiedergutmachung erhalten würde, müsste auch danach bemessen werden, wieviel Einkommen jemand hat. Ob das für die Menschen nötig ist, die selbst gut verdienen oder eine gute Rente haben. Davon müsste man das abhängig machen.

Ich möchte auf Deine Kindheit zu sprechen kommen. Wie viele Jahre hast Du im Johanna-Helenen-Heim verbracht? Und welche Ereignisse haben Dich besonders getroffen, unter welchen hast Du so gelitten, dass Du sie bis heute nicht vergessen kannst?

Vergessen kann man das Ganze sowieso nicht. Ich habe von 1956 bis 1964 im Johanna-Helenen-Heim gelebt. Also acht Jahre. Es waren die schlimmsten Jahre meines Lebens.

Marianne Behrs als Schulkind

Marianne Behrs als Schulkind

 

Was soll ich sagen? Für mich sind die schlimmsten Erinnerungen zunächst diese furchtbar viele Arbeit, die ich verrichten musste. Das prägt mich auch heute noch und deswegen ist mein heutiger Gesundheitszustand nicht besonders gut. Was auch hinzukommt ist, dass man mir die Schulbildung verweigert hat. Das ist eine Sache, die mich sehr betroffen macht, weil sie mir die Zukunft damit gehörig verdorben hat. Dazu kommen die psychischen Grausamkeiten, die ich von Schwestern und Lehrerinnen ertragen musste. Die schlimmsten Erlebnisse waren der Tod meiner Freundin Bärbel, den die Schwestern mir mit brutalem Ton übermittelten. Ein weiteres, schlimmes Erlebnis damals war, als man mir die Puppe, die ich zu Weihnachten von einer Schulklasse geschenkt bekam, vor meinen Augen zerriss und zertrampelte. Das sind Sachen, die sind ganz tief in mein Herz gegangen.

Die „Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006“ hat sich noch nicht an das Thema „sexueller Missbrauch“ getraut, weil es mit Tabus verbunden ist. Wo empfandest Du eine sexuelle Misshandlung an Dir?

Der schlimmste Tag war für mich immer der Badetag in Volmarstein. Da haben die Schwestern sich regelrecht ausgetobt. Das war schon wirklich sehr hart an der Grenze, was sie sich da mit mir erlaubt haben. Vor allen Dingen suchten sie immer Publikum. Alle sollten mitbekommen, was sie mit mir getrieben haben. Eine schlimme Begebenheit war die, wo eine Schwester ankam und mir in den Busen kniff. Schwester Elise hatte einen ganzen Arm voller Büstenhalter und wollte mir einen nach dem anderen anprobieren. Das hat die anderen Kinder, die ringsherum standen, sehr belustigt. Und ich bin fast vor Scham in den Boden versunken, weil das so unerträglich war.

Hat es für Dich irgendwelche glücklichen Momente im Johanna-Helenen-Heim gegeben?

Spiel mit einem Kind

Schulfreizeit in Holland - Spiel mit einem Kind

Ja. Die glücklichen Momente waren die, wenn wir Freizeiten machten. Sagen wir mal, wenn wir nach Holland gefahren sind, zu Herrn Pardoen nach „De Pieterberg“. Das waren Momente, da hat man das Gefühl gehabt, man tauche in eine andere Welt ein. Und das waren mit die glücklichsten Momente überhaupt. Im Johanna-Helenen-Heim selber hatte ich keine glücklichen Momente.

Hat man Dir im Johanna-Helenen-Heim Selbständigkeit und Lebensfertigkeiten vermittelt? Hat man Dir geholfen, Dein späteres Leben zu bewältigen?

Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Wir wurden zur Unselbständigkeit erzogen. Bis zu meinem 14. Lebensjahr konnte ich nur mit dem Löffel essen. Das sind so Sachen, die mich unheimlich behindert haben. Ich kam mir vor, wie auf einem anderen Planeten, als ich das erste Mal vollständiges Obst und Gemüse sah. Solches, das nicht bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten war. Ich wusste nicht, wie ein Rotkohl aussieht, oder ein Blumenkohl oder sonst was. Es ist nicht nur mir so gegangen, sondern vielen anderen Kindern auch, dass sie total unselbständig waren und auch später im Leben nicht gut zurechtgekommen sind. Die Kinder haben dann viel Zeit gebraucht, sich der neuen Situation anzupassen.

Deine Leidenszeit im Johanna-Helenen-Heim ging 1964 zuende. Du hast sie als einzige sehr ausführlich auf der Homepage der Arbeitsgruppe geschildert. Danach begann Deine Berufsausbildung. Kannst Du in ganz kurzen Sätzen zusammenfassen, welche Ausbildung Du absolviert hast und wie Du die Integration in die Gesellschaft erlebt hast? Wie sah Deine berufliche Rehabilitation aus?

Das ist schwierig. Zunächst bin ich ja weitere zwei Jahre zur Schule gegangen, bis 1966, weil ich vier Jahre im ersten Schuljahr sitzenbleiben musste. Ich wollte unbedingt meinen Volksschulabschluss schaffen und das habe ich auch. Dann bin ich in die Schneiderlehre gekommen, habe also Damenschneiderin gelernt und 1969 eine Gesellenprüfung gemacht, bei der Industrie- und Handelskammer in Hagen. Anschließend habe ich eine Zeit im Kinderheim der Orthopädischen Anstalten, dem Oskar-Funke-Haus, gearbeitet. Ich habe dort für Kinder Kleideränderungen gemacht. Vor allen Dingen für die contergan-geschädigten Kinder habe ich kleine Schürzen genäht und so weiter. Ich habe auch die Kinderwäsche geflickt. Das war bis 1972.

Danach habe ich 1974 eine Umschulung zur Bürokauffrau gemacht, weil man mit der Zeit festgestellt hat, dass meine Augen sehr schlecht waren und ich große Probleme hatte, dunkle Stoffe zu bearbeiten. 1976 habe ich meine erste Arbeit in der Freien Wirtschaft bekommen, in einem Autohaus in Hagen. Später habe ich in einem Floristengroßhandel gearbeitet; und danach ging ich in die Verwaltung des Allgemeinen Krankenhauses Hagen. Dort habe ich in der Buchhaltung gearbeitet.

Ich erinnere mich an eine Geschichte, in der Du als Schneiderin in einem Betrieb beginnen solltest. Du hattest dort Erlebnisse, die sehr unangenehm waren. Möchtest Du darüber berichten?

Das war ein Kaufhaus in Witten. Da habe ich in der Änderungsschneiderei gearbeitet und das war überhaupt meine erste Arbeitsstelle außerhalb der Orthopädischen Anstalten. Bis dahin war ich nur in Volmarstein. Da ist ein Psychologe zu dieser Firma gefahren und hat sich mit diesen Leuten über mich unterhalten, ohne dass ich es wusste. Er hat denen meine Lebensgeschichte erzählt und dadurch hatte ich einen ganz schlechten Start. Am ersten Tag wurde ich gleich gefragt: „Na, hast Du keine Eltern?“ Und ich habe gedacht: Hast Du das auf der Stirn stehen? Und dann ging es immer weiter. Da saß eine ältere Dame hinter mir, die mich ständig gepiesackt hat. Und mitunter kamen dann solche Sätze von dieser Frau: „Alle die im Heim groß geworden sind, das sind sowieso Verbrecher. Zu Adolfs Zeiten hätte man so was wie die vergast.“ Es kamen also wirklich Anschuldigungen und Beleidigungen. Heute sagt man „mobben“ dazu. In dem Betrieb wurde mir das Leben unerträglich schwer gemacht. Bis ich eines Tages die Geduld verloren habe: Eine andere Mitarbeiterin war schwanger. Während ich bügelte, berührte sie mich unabsichtlich im Vorbeigehen. Das sah die Frau hinter mir und sagte der Schwangeren sinngemäß: Wenn Sie sich jetzt selbst berühren, wird ihr Kind auch behindert. Da habe ich das nächste Bügeleisen, was ich in der Hand hatte, in die Ecke gepfeffert und gesagt, „Ihr könnt mich mal“. Ich bin dann dort weggelaufen. Seitdem bin ich nicht mehr dort gewesen.

Erinnerst Du Dich, wann das war und welcher Psychologe vorher mit den Mitarbeitern sprach? Wo kam er her?

Das war Diplompsychologe L., der war in Volmarstein tätig. Der ist vor meiner Einstellung zu dieser Firma gefahren und hat mit den Leuten gesprochen. Allerdings war er auch noch sehr jung und dachte, er tue das Richtige und würde mir damit helfen, – aber er hat das total Falsche gemacht.

Eines Tages bist Du aus dem Berufsleben ausgeschieden. Wie hast Du die Jahrzehnte danach verbracht? Du bist nach Gevelsberg gezogen. Wohin? Wie war Deine neue Umgebung? Hast Du Dich in ihr wohlgefühlt? Wie war Dein Freundeskreis?

Ich habe zunächst erst in Volmarstein am Rande der Anstalten gewohnt. Da hatte ich eine kleine Wohnung mit 35 qm Wohnfläche. Allerdings musste ich, weil ich an der Hüfte operiert worden bin und teilweise auch im Rollstuhl saß, umziehen, weil im und vor dem Haus viele Treppen waren. Also habe ich mir eine Wohnung gesucht, die halbwegs behindertengerecht ist und sie in der Waldstraße in Gevelsberg gefunden. Dort habe 16 Jahre gelebt. Mit den Leuten, mit denen ich dort in dem Haus wohnte, habe ich mich eigentlich gut verstanden. Mit meiner Nachbarin habe ich mich angefreundet und das war eigentlich eine schöne Zeit.

Was war das für eine Nachbarin?

Das war die Frau N., die Ulla, die auch selbst körperbehindert war. Sie war 20 Jahre älter als ich, aber wir haben uns später ganz gut verstanden.

Wie hast Du diese Zeit empfunden? Hattest Du einen großen Freundeskreis oder eher zurückgezogen gelebt?

Ich hatte keinen großen Freundeskreis. Ich habe sehr zurückgezogen gelebt. Ich hatte zwar noch den „Literaturkreis“, mit dem ich Kontakt hatte und von denen einige meine Freunde wurden. Aber es ist eben so, sie leben alle ziemlich außerhalb und darum habe ich zu denen eher Briefkontakt, als dass ich sie sehe.

Seit wann kannst Du sagen, wurde Dein Leben richtig lebenswert?

Das ist schwer zu sagen. Eigentlich schon, als ich in die Waldstraße in Gevelsberg zog. Dort fing es schon an, dass ich ein anderes Leben führte. Mir fiel auf – und das war vorher nicht der Fall – dass ich, wenn ich aus dem Haus kam, nicht mehr die Orthopädische Anstalt sah. In Volmarstein wohnte ich ja am Rande der Anstalt. Später fiel mir auf, wie gut mir das getan hat, dass ich dort nicht mehr hinschauen musste. Das war der erste Schritt ins neue Leben außerhalb der Einrichtung.

Wie hast Du diese Zeit im Johanna-Helenen-Heim verarbeitet?

Zunächst habe ich mich hingesetzt – das war 1986 – und die Geschichte aufgeschrieben. Ich hatte eine schwere OP vor mir und hab` gedacht: Keiner will es so recht hören, was ich erlebt habe, also schreibst Du es auf und tust es in die Schublade. Falls Dir bei der OP was passiert, kommt vielleicht jemand auf die Idee und liest das Ganze. Das war also meine Überlegung. Wie habe ich das verkraftet? Das ist schwierig. Das Johanne-Helenen-Heim begleitet mich mein Leben lang. Aber sagen wir mal so: Ich habe, Gott sei Dank, die Leute nicht hassen müssen, die mir das angetan haben. Ich bin eigentlich ein lebensbejahender Mensch. Das Erlebte ist einfach in einem drin und man kann es auch nicht einfach wegwischen. Da lebt man mit, mit dieser Geschichte.

Teil 2:

Marianne Behrs wird von der Vergangenheit eingeholt
sie knüpft Kontakte zu ehemaligen Mitschülern und Mitschülerinnen
sie engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe
sie wird krank und geheilt
sie blickt hoffnungsvoll in die Zukunft

 

Erinnerungen Marianne Behrs:

http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

Homepage 1 der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“

http://gewalt-im-jhh.de/

Homepage 2 der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

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