Kommentar

Mikis Theodorakis: Zusammen ein neues Europa bauen

Vergangenen Sonntag stimmte das Parlament Griechenlands den rigiden Sparauflagen zu. Ist nun alles in Butter? Wohl kaum: Denn die Sparbeschlüsse – werden sie wie vereinbart umgesetzt – dürften Griechenland weiter strangulieren.

Der weltberühmte Komponist Mikis Theodorakis ruft zum Widerstand in Griechenland auf; Photo/Quelle:Guy Wagner via Wikipedia.ort

Der weltberühmte Komponist Mikis Theodorakis ruft zum Widerstand in Griechenland auf; Photo/Quelle:Guy Wagner via Wikipedia.ort

Arme, Lohnabhängige und Rentner wird das Sparpaket hart treffen. Das Land dürfte mit einiger Sicherheit noch tiefer in die Rezession abgleiten. Die sozialen Spannungen könnten sich bis zum Bersten auswachsen. Die neben friedlichen Demonstrationen ebenfalls ebenfalls stattgefundenen gewaltsamen Ausschreitungen vom letzten Sonntag in Athen gaben einen ersten Vorgeschmack auf das, was an Schlimmen noch drohen könnte. Der weltberühmte Komponist, Schriftsteller und Politiker Mikis Theodorakis hat Griechenland zum Widerstand aufgerufen.

Aufstehen gegen falsche Krisenrezepte

Der kampferprobte und einst für seine Überzeugungen auch gefolterte alte Kämpe Mikis Theodorakis hat diesen Aufruf zum Widerstand (den ich zur Lektüre empfehle)  nicht nur in Sorge um die Zukunft seines Landes, sondern auch der unbedingten Stärkung (ja: Rettung!) der Demokratie sowie der Europäischen Idee willen ins Werk gesetzt. Theodorakis sieht (wohl nicht zu Unrecht) in dieser verfehlten, weil nahezu ausschließlich auf rigide Austeritätspolitik und Privatisierung (Verschebelung griechischer Güter an ausländisches Kapital), Krisen- und Schuldenpolitik – diktiert von EU, IWF und EZB – als Todesurteil für sein Land an. Seinem Aufruf sollen sich inzwischen immer größere Teile der kulturellen, geistigen, und politischen Kreise der griechischen Gesellschaft anschließen (Wolfgang Theophil auf tv-organge).

Der Aufruf lobt ausdrücklich die friedlichen Proteste etwa von Gewerkschaftern. Nachdrücklich appelliert er andererseits “an die griechische Polizei nicht die Instrument der dunklen Kräfte zu werden”. In der Tat: Eine solche Gefahr ist nicht aus der Luft gegriffen!

Theodorakis sitzt der Illusion über die angebliche Richtigkeit des Weges den die griechische Regierung “unter der Aufsicht von Banken und ausländischen Unternehmen, von Goldman Sachs und seinen Mitarbeitern in Europa eingeschlagen hat” nicht auf. Dieser führe, so heisst es, “Griechenland in die Krise”.

Ein Goldman-Sachs-Mann Präsident der EZB!

In diesem Zusammenhang ist Theodorakis’ Frage, wieso man überhaupt hat vorschlagen können, einen ehemaligen Mitarbeiter von Goldman Sachs (er meint wohl Mario Draghi) zum Präsidenten  der Europäischen Zentralbank (EZB) zu machen, nur zu verständlich. Sie wird hierzulande kaum gestellt. War es nicht Goldman Sachs, die einst Griechenland dabei halfen, ihr Defizit zu verschleiern? Um selbst tüchtig daran zu verdienen!

Die Demütigung der Griechen

Bei aller in dem Aufruf verpackter Kritik wird Theodorakis bestimmt nicht den nicht geringen  Schuld-Anteil mehrere griechischer Regierung an der Misere seines Landes leugnen wollen. Zustimmen muss man ihm dennoch unbedingt, dass Griechenland und die Griechen pauschal unglaublich gedemütigt worden sind. Mit Theodorakis müssen gerade auch wir Deutschen – wenn wir Bildzeitungs-Häme und Griechen-Bashing beklatscht haben sollten – es uns eingestehen, dass es sich Viele von uns  damit zu einfach machten. Zumindest wenn sie leichtfertig in die Welt gesetzten Diffamierungen aufsaßen, wonach die Griechen faul und durch die Bank Betrüger sein. Dass danach Zahlen des Europäischen Statistischen Instituts belegten, Griechen arbeiten sogar mehr als alle anderen Europäer, muss im Nachhinein so manchen von uns peinlich berühren! Wer wollte das aber  zuvor wahrhaben? Es passte ja alles so schön ins Bild des Südeuropäers dem man im Laufen die Schuhe besohlen könne! Es lebe der deutsche Stammtisch! Pfui Teufel!

Griechenland als Buhmann

Steckt dahinter Methode? Immerhin dürfte schon jetzt feststehen, wer der Buhmann dafür sein wird, wenn so manches und womöglich auch der Euro eines Tages doch krachen gehen sollte: Griechenland! Wer wird dann noch differenzieren, sich erinnern wie alles anfing, was womit genau zusammenhing? Erst recht: Was ursächlich für die Krise gewesen war?

Und es funktioniert ja, wie man durchaus in der eignen Umgebung zuweilen überprüfen kann. Dazu gehört ja auch die Legende, wir retteten die Griechen.  Theodorakis weisst dagegen darauf hin: Die Programme zur “Rettung von Griechenland” nützen nur den ausländischen Banken und dem politischen Modell, das zur aktuellen Krise geführt habe.

Und wer wollte die Feststellung nicht unterschreiben, dass es nötig ist, “das aktuelle Wirtschaftsmodell zu ersetzten, das entwickelt wurde, um Schulden zu erzeugen”? Stichwort: Systemfrage! Vielmehr gäbe es zunächst zu einer Umstrukturierung der griechischen Schulden (wer glaubt denn daran, diese könnten auf Cent und Euro genau zurückgezahlt werden?) keine Alternative.

Sparen ja, aber …

Wie auch immer: Am Sparen und am Aufbau eines effizienteren griechischen Staates wird kein Weg vorbeiführen. Vollkommen illusorisch ist es jedenfalls damit zu rechnen, dass Griechenland  so alle Schulden wird begleichen können. Doch es muss klug gespart werden! Aber gerade nicht allein  gepart werden, um des reinen Sparen willens, das nur zu einem Kaputtsparen führt. Sollten wir Deutschen, die wir einen Reichskanzler Heinrich  Brüning hatten,  heute nicht schlauer sein? Deshalb muss Sparen unbedingt flankiert von einem Konjunkturpaket – einer Art Marshall-Plan – , das dem Land wieder auf die Beine hilft, passieren! Das genaue Gegenteil erfolgt aber jetzt unter Spardiktatorin Angela Merkel.

Die Kanzlerin punktet beim johlenden Stammtisch damit, dem schweren Sünder Griechenland (dem man nebenbei aber  noch Waffenkäufe zugesteht!) gehörig auf die Sprünge helfen zu wollen! Und zwar indem man dem Land quasi die Pistole auf die Brust setzt: Wenn ihr nicht spurt, gibt es keine neue Euro-Tranche! So wird dem griechischen Volk  immer weiter die Luft zum Atmen abgeschnürt. Da schreckt man nicht einmal vor Einschnitten in die Souveränität zurück. Vorerst nur verbal.  Aber Hand auf’s Herz: Wie souverän ist das Land auch ohnedies jetzt eigentlich noch? Nein, diese  Griechenland okroyierten Sparvorgaben sind keine Hilfe für den Mittelmeerstaat, sondern sie wirken wie ein Mühlstein am Hals eines Ertrinkenden. Dieser Weg führt unweigerlich in die Katastrophe.

Wir als Deutsche sollten sollten das auch als eine Gefahr für uns selbst begreifen und es nicht länger klaglos hinnehmen, dass Griechenland als Sündenbock für die kommende Katastrophen aufgebaut wird. Mikis Theodorakis erinnert im “Aufruf zum Widerstand” an die Geburt der Demokratie in Athen, daran, dass in Griechenland die Wiege von Platon und Aristoteles, Perikles und anderen großen Köpfe stand.

Den Kampf nicht aus Solidarität unterstützen

Die aber sind tot. Wie bald auch unsere Demokratie? So abwegig ist das nicht. Wenn der Aufruf darum bittet, in sozusagen den nach wie vor vorhandenen Geist jener großen griechischen Köpfe wieder zu leben, um damit zum Erhalt von Demokratie, Freiheit und Europa beizutragen, sollten wir nicht abseits stehen! Man möchte am liebsten den Sinn der folgenden Worte tief in die Köpfe der ewig  (Er-)Duldenden, Abnickenden,  Häme versprühenden Helfershelfer der demagogischen Verhetzer und der  am Gängelband der Finanzmarktdiktatur mitlaufenden Lämmer sowie die der Finanzkapitalismus-Diktatur  dienstbar zur Hand gehenden Politiker hineinhämmern:

“Wir bitten Sie nicht, unseren Kampf aus Solidarität zu unterstützen”, nicht der großen Philosophen wegen.  Man bitte auch nicht “um eine besondere Behandlung” wegen der schlimmen Katastrophen, die Griechenland in den 1940er-Jahren erlitten habe und vorbildlich gegen den Faschismus kämpfte …

Im eigenen Interesse!

Ganz im eigenem Interesse wäre die Unterstützung nötig, denn nach dem Zulassen der “Opferung der griechischen, irischen, portugiesischen und spanischen Gesellschaft auf dem Altar der Schulden und der Banken” würden auch  bald die Reihe an uns sein: “Sie werden nicht auf den Ruinen der europäischen Gesellschaften gedeihen.” Um es noch einmal zu verdeutlichen: Auch Deutschland ist damit gemeint! Oder wollen wir weiter glauben, weil wir angeblich alles richtig gemacht haben, schrammen wir an der Katastrophe auf  die Europa zusteuert – an deren ein ums andere Mal erfolgten Verschärfung unsere Kanzlerin nicht wenig Mitschuld trägt – so einfach vorbei?  Wir wollen froh sein, wenn wir als Staatenschiff nur halbschräg im Katastrophensumpf und dazu auch – Glück im Unglück? – noch in Küstennähe stranden wie vor einiger Zeit die “Costa Concordia”!

“Unserseits”, hebt der letzte Satz des Widerstands-Aufrufs an, “sind wir spät dran, aber wir sind aufgewacht. Lasst uns zusammen ein neues Europa bauen; ein demokratisches, wohlhabendes, friedliches, das seiner Geschichte, seinen Kämpfen und seines Geistes würdig ist.”

Hehre Worte eines weltberühmten Künstlers nur? Kaum: Ein Gebot der Stunde, will ich meinen! Ach, eine Frage noch: Wann eigentlich wachen wir auf?

Die Occupy-Bewegung rief unterdessen zu Spontandemonstrationen im Zeichen der Solidarität mit den Griechen vor griechischen Konsulaten und der Botschaft hierzulande auf. Konstantin Wecker wünscht dem “Aufruf zum Widerstand” auf Facebook eine hohe Verbreitung. Und der frischgewählte Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, weiss im nd-Interview betreffs der Griechen immerhin: “Man kann kein Volk geordnet abwickeln”. Und die von Kanzlerin Merkel offenbar gewünschte “marktkonforme Demokratie” hält der überzeugte und stets kämpferische Europäer für eine Gefahr.

Wir sehen uns in diesen Tagen – und womöglich in künftigen, noch  schlechteren, Zeiten – also vielen Gefahren gegenüber. “Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!” (Friedrich Hölderlin). Hoffen wir, dass es so sein wird! Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

Hier noch der Link zu einer Internetseite über Mikis Theodorakis

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

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  1. Wir bauen seit Jahrzehnten an diesem Europa. Ein Weiterbau einschließlich Griechenland, erscheint mir aussichtslos. Immerhin hat dieses winzige Ländchen mit seinen Betrügereien das bisher Erreichte an den Rand des Abgrunds gebracht.
    Deswegen: Weiterbau in vernünftigen Grenzen ja – aber nur ohne Griechenland, Herr Theodorakis !!! Wir haben die Nase voll und wir brauchen Euch nicht!
    Schließt Euch der Afrikanischen Union an – dort passt Ihr besser hin.

  2. @Eber: Meines Erachtens ein wenig europäischer Kommentar.Hier wird nicht nur “dieses winzige Ländchen” Griechland (und sein Volk) beleidigt, sondern auch die Mitgliedsländer der Afrikanischen Union.

    Wir sollten die Kirche im Dorf lassen und unsere Worte sorgfältiger wählen. Und wir sollten zu Griechenland stehen in diesen schweren Zeiten.

    Was Daniel Cohn-Bendit im Europäischen Parlament zum Umgang mit Griechenland sagte, trifft m. E. genau den Punkt:

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815502,00.html