George Gordon Lord Byron
Finsternis
(Zeilen 1 bis 12)
Mir kam ein Traum – es war nicht ganz ein Traum.
Die schöne Sonne war verglüht; die Sterne
Verdunkelt kreisten in dem ewgen Raum,
Weglos und ohne Strahl; blind zog die Erde
In mondesleerer Luft. Der Morgen kam
Und ging und kam, und brachte keinen Tag.
Die Menschen, grausend in der kalten Öde,
Vergaßen ihre Leidenschaften, schrien
Nach Licht, selbstsüchtig betend, und sie lebten
Um offne Feuer – königliche Throne,
Paläste, Hütten, jede Wohnstatt wurde
Verbrannt, damit das Dunkel sich erhelle;
(Aus: “Gedichte des Abendlandes”, Fischer Bücherei, 1961, nach Lemmermayer)
Analyse
Lord Byron lebte von 1788 bis 1824, er wurde in London geboren und starb in Griechenland als sog. Philhellene, also den Griechen besonders zugetan, als Kommandant einer ihm angetragenen Militäreinheit im Kampf um die Befreiung von der osmanischen Herrschaft. -
Was ihn aber bis heute unsterblich macht, ist sein poetisches Werk, das er vor allem in Stanzen schuf, den Spenserstrophen (eine Weiterentwicklung der Stanze mit einem eigenwilligen Reimschema und einer zugefügten 9. Zeile). Gut, das soll uns hier weiter nicht interessieren. -
Byron war ein sehr unsteter und interessanter Mann, der einer verheirateten Frau den Hof machte, mit seiner Halbschwester wohl ein inzestuöses Verhältnis hatte und seiner Frau schließlich nicht ganz geheuer vorkam, sodass sie, um sich scheiden lassen zu können, erst ein ärztliches Attest einholen musste. Byron aber wurde für gesund erklärt und so konnte die Scheidung nach damaliger Sitte erfolgen. Im oben dargestellten Beispiel aus seinem Gedicht “Die Finsternis” erkennen wir heute noch das weite Ausholen, gleichsam eine fast malerische Dichtung. Und trotzdem ist Feuer drinnen, eine ernste Mahnung, eine fast heldische Tonart zu vernehmen. Ja, man spricht bei Byron von einem eigenartigen Verständnis des Heldischen (Byronic Hero). Nicht das Vaterland, nicht die Genossen sind es, die besungen werden, immer ist es der Dichter selbst, der sich in den Mittelpunkt stellt. Er ist das Nonplusultra. Für uns Heutige eine vielleicht anmaßende Situation.
In Byron ist der Dichter wirklich eine Seher und Verkünder. Homer, so scheint es, ist sein Vorbild. Im oben behandelten Gedicht sehen wir den Dichter als Seher und auch als Warner, leider, wie so oft, aber als vergeblichen Warner. Durch seine Freundschaft mit Shelley und dessen Frau Mary entstand etwas, das den Frankenstein-Mythos beschwor, den Mary Shelley schrieb den ersten Roman dieser Art, nämlich: “Frankenstein: or The New Prometheus”.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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