Kommentar

Bewegendem Gedenken für Nazi-Terroropfer müssen endlich Taten folgen!

Vor zwei Tagen fand im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Nazi-Terroristen statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel bat die Opfer der Neonazi-Mordserie um Verzeihung dafür, dass sie selbst über Jahre hinweg von den Ermittlungsbehörden verdächtigt worden sind.

"Nazim Hikmet, der türkische Dichter und Dramatiker auf einer sowjetischen Briefmarke zu dessen 80.Geburtstag 1982; Quelle: wikipedia.org, processed by Andrej Sdobnikow"

"Nazim Hikmet, der türkische Dichter und Dramatiker auf einer sowjetischen Briefmarke zu dessen 80.Geburtstag 1982; Quelle: wikipedia.org, processed by Andrej Sdobnikow"

Die in den Mordfällen ermitteltende Polizei – die sich offenbar von jahrzehntelang gepflegtenVorurteilen und Klischees nicht befreien konnte oder wollte?  (obwohl es ja doch sozusagen erstes Kriminalistengesetz ist, stets in alle Richtungen zu ermitteln) – suchte zuallerst die Motive für die Morde in kriminellen, sogar kriminell-mafiösen, Verstrickungen der jeweiligen Mordopfer selbst . Immer wieder wurden die Angehörigen von der Polizei in die Mangel genommen. Wie schlimm das für die Hinterbliebenen gewesen sein muss, davon können wir uns allenfalls ein vages Bild machen, wenn wir uns die auf der Gedenkveranstaltung in Berlin von Semiya Simsek gehaltene Rede zu Gemüte führen. Die junge Frau verlor ihren Vater, den Blumenhändler Enver Simsek,  durch die Tat der  Neonazi-Mörder.

Hier die bewegenden Worte der Nürnbergerin Semiya Simsek:

Hörst du das? Die Glöckchen. Das sind die Schäfchen, die jetzt aus den Bergen runter ins Tal kommen. Das tun sie immer in der Nacht. Mein Papa erzählte gerne von sich und von seinen Träumen. Ich liebte es, ihm zuzuhören. Er saß in dieser warmen Sommernacht in unserem Garten in der Türkei und aß Kirschen. Ich setzte mich zu ihm und fragte ihn: Kannst du nicht schlafen? Doch, Semiya, sagte er, ich möchte etwas hören. Und so lauschten wir zusammen dem Klang der Glöckchen der Schafe. Ich spürte, wie glücklich mein Vater in diesem Moment war.

Ein Jahr später war mein Vater tot. Am 9. September 2000 wurde auf meinen Vater Enver Simsek geschossen. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus. Der erste Mord. Wir sollten keinen weiteren gemeinsamen Sommer mehr haben. Von einem Tag auf den anderen änderte sich für uns alles, für mich alles. Das alte Leben gab es nicht mehr. Mein Vater war tot. Er wurde nur 38 Jahre alt. Ich finde keine Worte dafür, wie unendlich traurig wir waren. Doch in Ruhe Abschied nehmen und trauern, das konnten wir nicht

Die Familien, für die ich hier heute spreche, wissen, wovon ich rede. Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein. Immer lag da die Last über unserem Leben, dass vielleicht doch irgendwer aus meiner Familie, aus unserer Familie verantwortlich sein könnte für den Tod meines Vaters. Und auch den anderen Verdacht gab es noch: Mein Vater ein Krimineller, ein Drogenhändler. Können Sie erahnen, wie es sich für meine Mutter angefühlt hat, plötzlich selbst ins Visier der Ermittlungen genommen zu werden? Und können Sie erahnen, (wie) es sich für mich als Kind angefühlt hat, sowohl meinen toten Vater als auch (meine) schon ohnehin betroffene Mutter unter Verdacht zu sehen?

Dass all diese Vorwürfe aus der Luft gegriffen waren und völlig haltlos waren, das wissen wir heute. Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Soll mich diese Erkenntnis nun beruhigen? Das Gegenteil ist der Fall. In diesem Land geboren, aufgewachsen und fest verwurzelt, habe ich mir über Integration noch nie Gedanken gemacht. Heute stehe ich hier, trauere nicht nur um meinen Vater und quäle mich auch mit der Frage: Bin ich in Deutschland zu Hause?

Ja klar bin ich das. Aber wie soll ich mir dessen noch gewiss sein, wenn es Menschen gibt, die mich hier nicht haben wollen? Und die zu Mördern werden, nur weil meine Eltern aus einem fremden Land stammen? Soll ich gehen? Nein, das kann keine Lösung sein. Oder soll ich mich damit trösten, dass wahrscheinlich nur einzelne zu solchen Taten bereit sind? Auch das kann keine Lösung sein.

In unserem Land, in meinem Land muss sich jeder frei entfalten können. Unabhängig von Nationalität, Migrationshintergrund, Hautfarbe, Religion, Behinderung, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht. Meine Damen und Herren, die Politik, die Justiz, jeder einzelne von uns ist gefordert.

Ich habe meinen Vater verloren, wir haben unsere Familienangehörigen verloren. Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert. Wir alle gemeinsam zusammen, nur das kann die Lösung sein.

Das Gedicht “Leben” (Yasamak) des türkischen Dichters und Dramatikers Nazim Hikmet, vorgetragen auf der Gedenkveranstaltung von der Dortmunderin Gamze Kubasik (Semiya Simsek ist ihr inzwischen gewissermaßen zur Schwester geworden), zeichnet uns mit wenigen Worten vor wie unser aller Leben reicher sein könnte, ohne dabei als Individuum zu verlieren.

Leben wie ein Baum,

einzeln und frei,

und brüderlich wie ein Wald,

das ist unsere Sehnsucht.

Die Gedenkveranstaltung in Berlin für die Mordopfer der Neonazi-Terrorgruppe wurde insgesamt sehr positiv aufgenommen. Auch die türkische Regierung und die wichtigsten Zeitungen der Türkei gewannen diesen Eindruck. Besonderer Respekt wurden dabei Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Worte der Verzeihung gezollt, die sie an die Hinterbliebenen der Ermordeten gerichtet hatte.

Alles gut? – Nichts ist gut

Jedenfalls nicht solange, bis  nicht endlich in den Köpfen unserer Menschen angekommen (und angenommen!) sein wird, was der in Thessaloniki geborene und im Moskauer Exil gestorbene Nazim Hikmet in seinem Gedicht wohl als Rezept für eine lebenswerte Gesellschaft erkannte.

Ich selbst verfolgte die Nachrichten über die Gedenkveranstaltung zusammen in einer kleinen Menschengruppe. Auch der Vortrag des Hikmet-Gedichtes kam darin vor. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die Menschen neben mir das Leid der Opfer sonderlich bewegte. Einer machte sich gar über den Namen Hikmet lustig: “Hikmet? Klingt ja wie’n Schluckauf!” Wer kennt auch schon Nazim Hikmet hierzulande.Ein Türke auch noch? Das fehlte ja noch! Aber Sarrazins “Kopftuchmädchen”  sind dementgegen in aller Munde …

Und als dann in den TV-Nachrichten noch ein Opfer des Anschlags auf der Kölner Keupstraße – auf Türkisch, ins Deutsche übersetzt – schilderte welch Schreckliches ihm damals widerfuhr, fiel einem Anwesenden nur  ein: “Warum spricht denn der nicht Deutsch?” Kaum eine Minute zuvor hatte Semiya Simsek noch in bestem Deutsch ihre Rede von den 1200 Zuhörern  im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt vorgetragen: Kein Wort dazu aus der kleinen Gruppe.

Die übrigens in dem selben Raum saß, wo noch vor ein paar Tagen eine nicht unwichtige Person der Meinung war, Mauern um Roma-Siedlungen zu ziehen (wie bereits im Nachbar-(EU!)-Land Tschechien geschehen, dass hielte er für eine ganz gute und alternative Sache. Klar, man weiß was “Zigeuner” für welche sind! Ja, möchte man dem Manne mit bitteren Geschmack im Munde nachträglich zurufen: Immerhin ist da eine Mauer um sie noch besser als sie zu jagen, zu verprügeln und zu verbrennen wie in den EU-Ländern Ungarn und Bulgarien geschehen.

Hier ein Beispiel für Roma-Hass in Varnsdorf (Tschechische Republik)

Ein Ruck durch’s Land

Um noch einmal auf Nazim Hikmet zurück zu kommen: Wie sollen wir “brüderlich wie ein Wald” leben, wenn wir anderen einzelnen und freien “Bäumen” nicht das Wasser zugestehen wollen, dass sie wie wir zum Wachsen benötigen, um mit uns anderen “Bäumen”  gemeinsam gegen die Stürme der Zeit (be-)stehen können?

Ein Ruck müsste durch unser Land gehen! Sagen manche, meinen aber einen aber nicht ein Hin zu mehr Aufklärung, Verständigung und der Beförderung des Lebens von Brüderlichkeit, sondern vielmehr: einen Rechtsruck: Immerhin ein Drittel der Deutschen möchte “Ausländer” in deren Heimat (die jedoch immer öfters die eigene längst nicht mehr ist) schicken, um die Stellen für “Deutsche” freizubekommen. Einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge ist die Gesellschaft bis in ihre Mitte hinein empfänglich für rechtsextreme Einstellungen.

Gedenken an Neonazi-Mordopfer von rechten Kameraden als “Schuldkult” diffamiert

Just am Tage des Gedenkens und der Trauer für die Opfer der Neonazi-Mordserie wollte die “Nationale und sozialistische Kameradschaft” in Hamm (man ist versucht an Erika Steinbachs Worte zu denken, wonach Nazis Linke gewesen sein!) des SA-Sturmführers Horst Wessel gedenken, der am 23. Februar 1930 “den Folgen eines kommunistischen Attentats erlegen” war! Aus ihrer behinderten Sicht heraus ist das Gedenken an die Opfer der sogenannten Zwickauer Terrorzelle ein beklagenswerter “Schuldkult”.

Eine “Kameradschaft Dortmund” sendete über das “Infoportal Dortmund” ihre Sicht auf die Dinge in die Netzgemeinde: Eine staatliche “Trauerfeier nebst Schweigeminute” (für die Opfer rechten Terrors) diene “der Kriminalisierung und Diffamierung der nationalen Bewegung”. Um “verschiedene ungeklärte Kriminaldelikte” herum werde “ein vermeintlich rechter Hintergrund” konstruiert. Einer Verschwörung also? Passt dazu: Opfer “angeblicher” Nazigewalt gedenke man öffentlich, während dementegen die  Opfer von “Ausländergewalt”, “des Stalinismus”, “des alliierten Bombenterrors” und “der Vertreibung” nicht mit einem Gedenken rechnen könnten.Wo leben wir eigentlich? Sehen wir eigentlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr?!

Lichterketten und den “Aufstand der Anständigen” hatten wir schon

Keine Frage: Die Berliner Gedenkveranstaltung war eine gute, richtige und wichtige Veranstaltung. Jedenfalls dann, wenn sie nicht wieder einmal nur ein Nachdenken, sondern endlich auch ein dementsprechendes Handeln auslöste, das künftige Gedenkveranstaltungen dieser Art überflüssig macht. Lichterketten, einen “Aufstand der Anständigen” und wer weiß was noch alles – das hatten wir schon. Neue Opfer hat nichts dergleichen verhindert. Worte müssen mit Leben erfüllt werden. Dafür müssten sie das Herz erreichen und das Hirn auf Touren bringen. Bitter beweist dies der in Teilen zweifelhafte “Erfolg” des  sicher gut gemeint gewesenen “verordneten Antifaschismus” in der DDR. Rechtslastiges Gedankengut in den Köpfen mancher Eltern, deren Kinder in den letzten Jahren bzw. erst recht nach dem Ende der DDR  (auch aus Enttäuschung) für neofaschistisches Gedankengut anfällig wurden, hat der “verordnete Antifaschismus” nicht in jedem Falle zum Verschwinden gebracht. Bei diesem und jenen  hat eben der den Menschen beinahe gebetsmühlenartig bei fast jeder Gelegenheit eingeträufelte und in den Schulen bis zum get no eingepaukte Antifaschismus sogar das Gegenteil davon bewirkt.

Taten müssen folgen!

Seit 1990 seien in der BRD 150 Menschen von Neonazis ermordet worden beklagt die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Petra Pau (DIE LINKE). Die Bundesregierung macht ein Rechnung mit weniger Toten auf. Dabei ist doch jeder einzelne Ermordete einer zuviel! Für Pau mache sich ein gesamtgesellschaftliche Strategie notwendig. Der Ankündigungen sind genug. Taten müssen folgen! Aber ist das wirklich zu erwarten, wo doch jede Seite ihre Sicht auf die Dinge hat und pflegt? Im Gedenken und in der Trauer waren sich wohl diesmal wieder alle einig. Soviel Anstand ist immerhin Konsens. Und dann laufen wieder alle auseinander? Und die deutschen Geheimdienste mauern weiter und behindern so die Aufklärung der von Neonazis begangenen Morde?

Die auf das Konto von Neofaschisten gehenden Toten mahnen uns. Es ist Zeit das Richtige zu tun. Wir haben die Verantwortung dafür, solange die Freiheit es zulässt.

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