KOMMENTAR

Ist die Kultur im Radio noch zu retten?

Die WDR 3-Reform der Intendantin Monika Piel hat “Die Radioretter” auf den Plan gerufen.

Geplante WDR 3-Reform zwecks besserer "Durchhörbarkeit" ruft Kritik hervor; Photo/Quelle: Marx Wagenknecht via Pixelio.de

Nach den Erfahrungen mit Rot-Grün unter Bundeskanzler Gerhard Schröder spitzt so mancher ängstlich die Ohren, wenn das Wort “Reform” fällt. Vor Schröders Regierungszeit verbanden wohl die meisten Menschen – ob nun berechtigt oder nicht – dieses Wort mit zu erwartenden Verbesserungen. Nach Schröder sind Viele klüger. Auch WDR-Mitarbeiter und deren Hörerinnen und Hörer. Mit Skepsis blickt man auf eine geplante WDR 3 -Reform. Man will vor dem Schaden klug sein. Deshalb haben sich die “Radioretter” aufgestellt. Viele Menschen unterstützen sie mit ihrer Unterschrift. Bis dato haben 15.603 Menschen unterschrieben.

Den Hintergrund für die Proteste erläuterte die Autorin Erika Fuchs auf den NachDenkSeiten

Im WDR gärt es, und zwar seit langem. Ob es um die schleichende Boulevardisierung des Fernseh-Nachrichtenmagazins Aktuelle Stunde geht oder den Abbau von lokaler Berichterstattung im Hörfunk: vor allem die Mitarbeiter des Senders, die ihre Aufgabe als kritische Wächter in Nordrhein-Westfalen noch ernst nehmen wollen, fragen sich, ob sie den richtigen Beruf gewählt haben. Die größte ARD-Anstalt verliert unter der Ägide ihrer Intendantin Monika Piel (Jahresgehalt 2009: 308.000 Euro) immer mehr an Anspruch und journalistischem Profil. Gleichzeitig scheint es, als räume Monika Piel als derzeitige ARD-Vorsitzende auch noch bundesweit wichtige Bastionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zugunsten der privaten Verleger.

„Hans“, geboren 1948, ist angestellter KFZ-Meister. „Leicht übergewichtig und mit hohem Blutdruck“ lebt er mit Hund („Molli“) und Frau („Brigitte“) in einem Reihenhaus in Hagen. Seinen Partykeller hat er schon lange nicht mehr benutzt. Allerdings fährt er einen Opel Vectra (Stufenheck) und geht kegeln. In der Erotik mit seiner Frau Brigitte (die 57-Jährige ist im Übrigen „topfit“, hat aber „gelegentlich Migräne“) ist er „aufgeschlossen, aber diskret“. Hans und Brigitte gibt es nicht wirklich. Aber sie sind – kein Witz – die prototypischen Hörer der Hörfunkwelle WDR4. Für diese Zielgruppe gilt es Programm zu gestalten. Da heißt es dann in einer senderinternen Anweisung an die Programmmacher: „Wir wollen nicht zu viel voraussetzen und Fremdwörter meiden.“ Ähnlich geht der WDR auch mit seinem dritten Fernsehprogramm und den anderen Hörfunkwellen um. Sogar das Multikulti-Programm „Funkhaus Europa“ hat seine Musterhörer: „Carla“ und „Sami“. Die beiden sind „zielstrebige Trendsetter“ und „moderne Kulturorientierte“. Nicht mehr Bildung, Information und Unterhaltung (wie die BBC das definiert) für möglichst viele Bürgerinnen und Bürger ist der Auftrag, obwohl er so im Gesetz steht. Nicht mehr das, was die Redakteure und Autoren für wichtig halten, hat im Quotendenken von Monika Piel eine Chance. Entscheidend sind Stromlinienförmigkeit, „Durchhörbarkeit“ und das Vermeiden von allem, was sperrig oder gar anspruchsvoll sein könnte. Für Letzteres werden kleine (Programm-)Inseln geschaffen („Politikum“ auf WDR 5 beispielsweise), auf die die Hausspitze dann bei etwaiger Kritik als Alibi verweisen kann.

„Der Fisch stinkt vom Kopf her“, sagt einer der WDR-Mitarbeiter, die „auf gar keinen Fall“ namentlich zitiert werden möchten. Die WDR-Chefin gilt als äußerst nachtragend, humorfrei und zutiefst intellektuellenfeindlich: „Sie ist gegen alles, was sie einfach nicht versteht, und das ist viel“. Die Stimmung im Haus, in dem Misstrauen und Unsicherheit hierarchisch streng von oben nach unten durchgereicht werden, ist entsprechend angespannt. Statt den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag ernst zu nehmen, reduzieren die Verantwortlichen die WDR-Programme auf ihren jeweiligen „Markenkern“.

Das Wort “Durchhörbarkeit” läßt die Alarmglocken schrillen

Die Befürchtungen der WDR-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezüglich der geplanten WDR 3-Reform zwecks einer besseren “Durchhörbarkeit” (!) scheinen nicht unbegründet zu sein. Und die hohe Zahl der Menschen aus allen Teilen Deutschlands und wohl auch aus dem Ausland, die bislang den “Offenen Brief” auf den Seiten der “Radioretter” untschrieben haben, zeigt dass das öffentliche Interesse an der Geschichte hoch ist.

Schließlich erlebten in den vergangenen zwei Jahrzehnten (und davor seit Installation des Privatfernsehens) viele Menschen, dass sich die öffentlich-rechtlichen elektronischen Medien mehr und mehr der Seichtigkeit und Beliebigkeit in Sachen Programm den Privaten anpassten, statt auf ihre bewiesene Kernkompetenz zu setzen und dem Informations- und Bildungsauftrag vollumfänglich in bestmöglicher Programmqualität zu entsprechen.

Angesichts dessen sind nun gewiss diejenigen zu verstehen, bei denen, wenn sie ein Wort wie (bessere) “Durchhörbarkeit” lesen, die Alarmglocken schrillen. Und: “Wir wollen nicht zuviel voraussetzen und Fremdwörter vermeiden.” [sic!] Da kann man sich schwer helfen: Das klingt ziemlich genau nach mehr Dudelfunk oder gar nach “Tittytainment”.

Auch die Kritik an einer “Boulevardisierung” des Abendmagazins “Aktuelle Stunde” dürfte berechtigt sein. Wer dieses werktäglich doppelmoderierten NRW-Nachrichtenmagazin täglich sieht, kann die Kritik nachvollziehen. Es ist zwar nicht immer so; dennoch erlebt man desöfteren, dass da plumpe Klischees bedient oder holzschnittartige Erklärungen formuliert werden. Auch das Tralala bei der Moderation hat zugenommen. Wer es nicht besser wüsste, könnte beim Ansehen der “Aktuellen Stunde” durchaus denken, die Sendung käme aus dem Hause RTL. Niemand – auch die senderinternen Kritiker nicht – dürften nun für ein Abendmagazin aus der Fernsehmottenkiste mit stocksteifen Moderatoren plädieren: Allein man will die Qualität erhalten bzw. wiederherstellen, die man von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwartet und mit Verlaub: auch erwarten darf und aus diesem Grund vehement einfordern muss!

Die Initiatoren des “Offenen Briefes” an die WDR-Intendantin Monika Piel sind erfreut, dass ihre “Initiative einen wachsenden, aber bislang stumm gebliebenen Unmut” bis dato über 15.000 Unterstützer gefunden hat. An die gerichtet heißt es: ” (…) die Entwicklungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den letzten Jahren rufen Kritik, Besorgnis, oft aber auch Resignation hervor. Diese Initiative ist die Chance, daraus eine große öffentliche Kraft zu machen, die mit ihrem (den UnterstützerInnen; d. Autor) Protest und ihren Forderungen der Tendenz zur Verarmung und Reduzierung entgegen tritt – für ein künftiges Kulturradio auf der Höhe der Zeit: den Menschen und der Welt zugewandt, kritisch, intellektuell anregend und streitbar, lebendig, auf Verständigung bedacht, mit Zeit und Raum für Refexionen und Einordnungen. (…)”

Eine Empörung und die Aufforderung zum Handel – möchte man meinen -  ganz in Sinne des großartigen Stéphane Hessel (“Empört euch!”), der gestern Abend noch zu Gast in der WDR-Talkshow von Bettina Böttinger war.

Der Stand der Dinge

Aktuell gilt: Die WDR-Geschäftsleitung hat angekündigt, dass am 20. März im Programmausschuss versuchen wird, ihre “WDR 3-Reform” durchzusetzen.

Bereits für den kommenden Montag, den 19. März, hat die “Initiative für Kultur im Rundfunk” gemeinsam mit einigen NRW-Kulturschaffenden die Mitglieder des WDR-Programmausschusses zu einem Gespräch in das Kölner Museum Ludwig geladen hat.

Photo/Quelle: Marx Wagenknecht via Pixelio.de

 

Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare.

  1. Neues von den Radiorettern. Noch ist nichts gerettet.

    Sehr geehrte Unterzeichnerinnen,
    sehr geehrte Unterzeichner unseres Offenen Briefes,

    wir möchten Sie auf drei wichtige Termine aufmerksam machen bzw. Sie herzlich zu den folgenden drei Veranstaltungen einladen:

    1. Montag, 16. April um 16 Uhr
    Öffentliche Rundfunkratssitzung

    2. Sonntag, 22. April ab 11.30 Uhr, DGB-Haus Köln
    Bes­se­re Kon­zep­te:
    ver.di und die „Radioretter“ laden zum 1. Öffentlichen Arbeitsgespräch über ein kom­men­des Kul­tur­ra­dio

    3. Mittwoch, 9. Mai um 20 Uhr
    Dis­kus­sion mit den „Ra­di­o­ret­tern“ im Köl­ner Schau­spiel­haus

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    Montag, 16. April um 16 Uhr
    Öffentliche Rundfunkratssitzung

    Die ge­plan­te WDR 3-Re­form ist The­ma auf der Öf­fent­li­chen Rund­funk­ratssit­zung am kommenden Mon­tag, 16. April, um 16 Uhr in der WDR-Kan­ti­ne (WDR-Ar­ka­den, Elstergas­se 1, 50667 Köln). Bis 18 Uhr muss zugehört werden, aber ab 18 Uhr ha­ben die Zu­hö­rer­in­nen und Zu­hö­rer Ge­le­gen­heit zum Ge­spräch mit den Vor­sit­zen­den des Rundfunk­rates und der Aus­schüs­se zu den The­men der Sit­zung. Die Ge­schäfts­stel­le des Rund­funk­ra­tes bit­tet um Anmeldung: rundfunkrat@wdr.de oder te­le­fo­nisch un­ ;ter: 0221/220-5601.

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    Sonntag, 22. April ab 11.30 Uhr, DGB-Haus Köln
    Bes­se­re Kon­zep­te:
    ver.di und die „Radioretter“ laden zum 1. Öffentlichen Arbeitsgespräch über ein kom­men­des Kul­tur­ra­dio
    Mu­sik, Vorträge und Dis­kus­sio­nen, Ka­ba­rett

    ver.di und unsere „Initiative für Kultur im Rundfunk“ wollen die Leitung des WDR für den Gedanken gewinnen, eine breite öffentliche Diskussion über die weitere Entwicklung des Kulturprogramms WDR 3 und über Konturen eines kommenden Kulturradios zu führen.

    Am Sonntag, 22. April, soll diese Diskussion eröffnet werden – inspiriert durch einige kurze Impulsreferate, für die wir u.a. Gerhart Baum, den Vorsitzenden des Kulturrates NRW, die Publizisten Richard David Precht und Matthias Greffrath sowie Burkhard Baltzer, den Chefredakteur der kulturpolitischen ver.di-Zeitschrift „KUNST UND KULTUR“ gewonnen haben. In jeweils acht bis zehn Minuten werden sie Aspekte und Ideen eines zukünftiges Kulturradios beleuchten, die dann in einem offenen Gespräch weiterentwickelt werden. Wir setzen auf die Teilnahme auch von Programmmachern und Hörern.

    Einzelne Aspekte zur Frage eines künftigen Kulturradios sind übrigens bereits in den Beiträgen benannt, die wir auf der Internet-Seite der „Radioretter“ (unter „Werkstatt“) versammelt haben. Es geht um eine künftige Musikpublizistik, um die Rolle des Worts in einem Kulturprogramm wie dem von WDR 3, um die Formen, in denen es sich der Literatur, der Kunst, dem Theater, dem Film, den Kulturwissenschaften oder auch den populären Kulturen widmen sollte. Zu den Fragen gehören auch: Welche Rolle spielen politische und kulturpolitische Reflexionen in einem solchen Programm – und wie kann es sich unter den Bedingungen digitaler Medienwelten wie dem Internet auf seine eigenen Stärken und Unverwechselbarkeiten besinnen?

    Um die Arbeitsatmosphäre ein wenig aufzulockern, werden wir mit Musik beginnen, zudem werden wir für Getränke, Schn ittchen und Knabbereien sorgen.
    Weitere Informationen ergänzen wir auf http://www.die-radioretter.de

    Sonntag, 22.4., 11.30 Uhr
    DGB-Haus Köln (Hans-Böckler-Platz 1, 50672 Köln, Weg­be­schrei­bung)

    Ei­­ne ge­­mein­­sa­­me Ver­­an­­stal­­tung von ver.di und der „Ini­­ti­­a­­ti­­ve für Kul­­tur im Rund­­funk“

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    Mittwoch, 9. Mai um 20 Uhr
    Dis­kus­sion mit den „Ra­di­o­ret­tern“ im Köl­ner Schau­spiel­haus

    Am 9. Mai um 20 Uhr ver­an­stal­tet das Köl­ner Schau­spiel­haus in sei­ner Ge­sprächs­rei­he „Streit­bar“ im Gro­ßen Haus ei­ne Po­di­ums­dis­kus­sion zur Zu­kunft des öf­fent­lich-recht­li­chen Rundfunks. Der Ti­tel des Abends: „RET­TET DAS KUL­TUR­RA­DIO JETZT!“
    Ne­ben Ver­tre­tern un­se­rer „Ini­ti­a­ti­ve für Kul­tur im Rund­funk“ ist auch Mo­ni­ka Piel, die In­ten­dan­tin des WDR, ein­ge­la­den wor­den, an dem Ge­spräch teil­zu­neh­men. Ge­mein­sam m it weiteren Gäs­ten soll über Fra­gen und In­hal­te ge­strit­ten wer­den, die durch den brei­ten öf­fent­li­chen Pro­test ge­gen die ge­plan­ten Re­for­men von WDR 3 in die Dis­kus­sion ge­ra­ten sind.

    Wir hof­fen auf re­gen Be­such.

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    Wir möchten Sie bei dieser Gelegenheit auf unseren neuen Offenen Brief an Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz aufmerksam machen:
    „Keine Diskussion mit den Kritikern – oder: Wem gehört das Radio“ (11.4.2012).

    Aufmerksam machen möchten wir Sie auch auf:
    http://www.orchesterretter.de

    Wir brauchen weiter Ihre Unterstützung

    Sie – die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Offenen Briefes – können uns bei unseren Bemühungen auch weiterhin unterstützen.

    Zunächst: Kommen Sie bitte zu den oben genannten Veranstaltungen.

    Machen Sie Ihre Freunde und Bekannten bitte auch weiterhin auf unsere Initiative aufmerksam. Fordern Sie die Menschen in Ihrer Umgebung bitte dazu auf, unseren Offenen Brief zu unterzeichnen. Und schauen Sie regelmäßig auf unsere Internet-Seite (www.die-radioretter.de). Wir bemühen uns, sie mit aktuellen Informationen, Diskussionsbeiträge und Stellungnahmen laufend auf dem neuesten Stand zu halten.

    Und:
    Bereits seit einiger Zeit veröffentlichen wir auf unserer Internet-Seite Zuschriften, mit denen Sie die WDR-Leitung über Ihre Haltung zu Programm und Programmreform des WDR in Kenntnis setzen. Solche Stellungnahmen bringen viele unterschiedliche Gesichtspunkte zur Sprache; sie tragen zur Formulierung von Fragestellungen bei, die in künftigen Diskussionen aufgegriffen werden sollten. Schreiben Sie deshalb weiterhin an die Intendantin de s WDR, an den Hörfunkdirektor und den Rundfunkrat. Berichten Sie von Ihren Hörerfahrungen und Erwartungen an ein künftiges Kulturradio. Und schicken Sie uns eine Kopie Ihrer Stellungnahmen mit der Erlaubnis, sie auf unserer Internet-Seite zu veröffentlichen.

    monika.piel@wdr.de
    wolfgang.schmitz@wdr.de
    rundfunkrat@wdr.de

    kontakt@die-radioretter.de

    Mit freundlichen Grüßen

    Initiative für Kultur im Rundfunk – „Die Radioretter“