Kommentar

Grass-Gedicht: Scheinwerfer der Kunst auf einen brisanten Konflikt gerichtet

Günter Grass – längst Literaturnobelpreisträger – erhob stets sein Dichterwort, so und wo es ihm nötig erschien. Von ihm ist auch die Rede als “Moralische Instanz”. Ein Wortpaar, das – so es von manchem manches Mal gebraucht wardt und wird – liest sich, hört sich, das eine ums andere Mal rasch hie und da wie ein Schlagwort an. Ein Wort, das Grass schlagen soll, sozusagen.

Derweil das Wortpaar in Wirklichkeit und positiv bewertet doch stimmt. Intellektuelle sollen, müssen sich, zu Fragen der Zeit äußern. In Deutschland ist das viel zu selten der Fall. Aber wenn dies dann doch einmal – wie nun mittels des  u.a. in der Süddeutschen Zeitung erschienenem Grass-Gedichts “Was gesagt werden muss” -  geschieht, heißt es,  in m. E. (unüberlegter) Überreaktion, sogleich: Pfui, schlagt den Grass!

Günter Grass ist hochbetagt. Vierundachtzig ist der Künstler nun. Aber was sagt uns diese Zahl schon?

Im Kopfe ist Grass nach wie vor fit. Er nimmt am Zeitgeschehen teil. Er ist ein Teil dessen. War es immer. Und so hat Grass sich stets auch immer dann aus dem Fenster gelehnt, wenn etwas zum Himmel stank – dann sprach er aus: Die Not, den Skandal. So es ihm auf den Nägeln brannte, so Grass’ politischer Kopf kurz vorm Platzen war – und dementsprechend Luft zu machen war. Wer so handelt ist bei weitem nicht immer gut gelitten. Oder nur bei den Einen und bei den Anderen nicht. Grass – um seinerselbst Willen – musste und wollte so handeln. Ein solcher Mann ist Kummer gewöhnt. Muss hinnehmen, dass man ihn mit stinkendem Wortmüll bewirft oder jubeljauchzend hoch in die Wolken hebt. Auch als inzwischen 84-jähriger muss er das. Und will (muss!) es  ganz offenbar. Und wieder fliegen die Kübel voller widerlich stinkendem Unrat. Wieder los sind üblichen Verdächtigen. Die ewigen “Kübelböcke” der Nation. Und diejenigen, denen man bescheinigen muss: sie handeln im Guten, weil sie immer nur das Rechte wollen. Diejenigen, die bestimmte Kritik stets immer nur als Angriff gegen Ihresgleichen (miss-)verstehen (müssen?). Und – wir mit deutschen Aufgeregtheiten bestens vertraut -  wissen,  jetzt rumpelt sie gleich wieder übers Land:  die medienmaschinenelle Hysterie.

Gemäß der durch Martin Walsers einstige Pauls-Kirchen-Rede bekannt gewordenen Keule. Eine Rede, die damals (absichtlich?) missverstanden, boomerangmäßig auf Walser selbst zurückschlug.  “Erwischt!”, tönen diese Medien, die Blechtrommel kräftig rührend, nun wieder.  Und die Rotationsmaschinen in den diversen Druckhäusern der Meinung machenden Medien unserer Hysterischen Deutschen Republik laufen heiß: “Schlagt den Grass!”

Was war bloß geschehen?

Literaturpreisträger Günter Grass hat ein Gedicht verfasst. Und die “Süddeutsche Zeitung” hat Grass’ jüngste Lyrik veröffentlicht. Nicht irgendeine. Wie die Reaktionen darauf nun zeigen. Was jedoch nicht Grass’ Schuld ist, sondern die der Thematik: Sich befassend mit einem heißen Eisen eben. Grass’ Verdienst ist es, dies Eisen angepackt zu haben mit seinen 84 Jahre alten  Händen, die dem fitten jung gebliebenen Verstande des dichtenden Künstlers zu Dienste waren. Wir sollten dieses Gedicht für sich reden lassen:

Was gesagt werden muss

von Günter Grass (aus Süddeutsche Zeitung)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Stimmt etwa etwas daran nicht?

Gelesen? Nun, jetzt sollte sich jede/r selbst eine Meinung bilden. Nur soviel: Grass’ Gedicht bildet einen schwelenden, für die betreffende Region und sogar für die gesamte Welt Folgen haben könnenden Konflikt – so er böse eskaliert – ab. Es ist ein Konflikt, der zwischen Israel und Iran Funken schlägt. Israel, von dem die Kunde geht, es habe atomares Potential und Iran, dem der Westen vorwirft, es baue “unterjocht” von einem  “Maulhelden” an der Atombombe, bzw. es habe sie bereits. Israel, dessen Existenzrecht niemand – auch Grass’ als Freund des israelischen Volkes nicht – bestreitet lebt in verständlichen Ängsten unter der behaupteten iranischen Bedrohung. Nur ist der israelische Erstschlag – von dem bekannt ist, dass die Pläne dafür längst in den Schubfächern der radikalen rechten israelischen Regierung liegen und darauf warten in die Tat umgesetzt zu werden – die Lösung? Wohl kaum. Selbst ein israelischer Präventivschlag mit konventionellen Sprengköpfen (abgeschossn von in Deutschland gebauten U-Booten!) , eine iranische Atomanlage treffend, zöge eine verheerende Katastrophe nach sich. Ein Flächenbrand im Nahen Osten wäre “nur” eine der fürcherlichen Folgen. Wir wissen auch: Der große Bruder Israels, die USA, werden Israel dieses Mal wohl nicht aufhalten können.

Günter Grass schreibt dazu zum Ende seines Gedichtes m.E. sehr realistisch: “Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.” Meint: Schluss mit der Heuchelei des Westens! Verzicht auf Gewalt. Unter Kontrolle einer “Internationalen Instanz” gehört das atmomare Potential Israels und die iranischen Atomanlangen! Was manchem vielleicht naiv klingen mag, ist es nicht die einzige Möglichkeit die Probleme zu lösen? Ein Gedicht ist nur ein Gedicht, ist nur ein Gedicht. Aber es kann (sollte!) etwas in den Köpfen auslösen.

“Kunst ist Waffe!”

Als Friedrich Wolf Kunst ist Waffe!” schrieb hatte er freilich ganz andere Probleme als die von Grass lyrisch beackerten im Auge. Dennoch: Dessen Grundintension fürs Schreiben kann auch für Grassens gelten. Wolf ging es seinerzeit um die große Armut der ausgebeuteten Arbeiterschaft. Wolf beschreibt in “Kunst ist Waffe!” die Aufgaben eines Dichters.

“In den Glaschrank und ins Museum mit dem Dichter der das nicht spürt. Der Glaube an eine neue Ordnung, die kommen wird, dieser Glaube der heute Millionen Mühseliger und Beladener beseelt, er ist nicht geringer und kleiner als der Jenseitsglaube, der zweitausend Jahren Sklaven und Entrechteten des Römischen Imperiums emporgeflammt! [ ... ] In der Zeitenwende sitzt der Dichter nicht mehr in seinem rosenumrankten Dachkämmerlein, in dieser Schicksalsstunde marschiert der Dichter als Trommler neben der Fahne. [ ... ] Auch der wirkliche Dramatiker kann heute nicht mehr nicht mehr im luftleeren Raum arbeiten, oder in der Museumskammer der Vergangenheit, auch für ihn heißt es: ‘Einfach die Szene wird zum Tribunal?’ … Die Bühne wird zum Zeitgericht und Zeitgewissen. Oder wie ein bekannter Spielleiter jüngst in seinem Programmheft es formulierte: ‘Aus Mangel an Phantasie erleben die meisten Menschen nicht einmal ihr eigenes Leben, geschweige denn ihre Welt.’ Sonst müsste die Lektüre eines einzigen Zeitungsblattes genügen, um die Menschheit in Aufruhr zu bringen! Es sind also stärkere Mittel nötig. Eines davon ist … das Theater?’ [ ... ] Es gibt nur einen greifbaren Punkt der ‘Ewigkeit’, das ist die Gegenwart’. Der Dichter der nicht die tragischen Konflikte  des Heute und der Straße sieht, der von ihnen nicht gepackt und hingerissen wird, er hat kein Blut in den Adern! Er wird die Welt aus seiner Literatenstube oder durch still verstaubte Kirchenfenster sehen; aber wird nicht zu nicht zu den harten wilden krustig-unverblümten Leben vordringen, von die Kunst heute ein Teil ist! Der Dichter des Heute, der die Not, die Kämpfe, den Glauben und Untergang der Menschen der Straße, der Hinterhäuser, Fabriken und Bergwerke auf die Bretter stellt, er kann nicht mit süssen Jenseitsverheißungen und mit Samtpfötchen  kommen; seine Gedanken, seine Worte werden notwendig Angriff und ‘Waffe’ sein! Er wird nicht in Vergangenheiten flüchten und von Karl dem Großen oder dem Apostel Paulus sprechen; er wird die Tragödie eines Arbeitslosen vor uns hinstellen, die Verzweifelungstat einer kranken geschwächten Mutter, die ihr siebtes Kind trägt, die Unterdrückung der erwachenden Kolonialvölker auch durch die Westmächte, das neue Wettrüsten zum Kampf … (um Bodenschätze, d. Autor).  Aber die Kunst ist weder ein Erbauungsmittel in der Hand von Pädagogen, Studienräten und Rauschebärten, die auf den ‘bildungshungrigen’ Handarbeiter losgelassen werden, noch ist sie Luxus, Kaviar und Opium, das uns die Häßlichkeiten des ‘grauen’ Alltags vergessen macht. Die Kunst heute ist Scheinwerfer und Waffe! Genau Waffe wie vor zweitausend Jahren zur Zeit der politischen Komödien des Aristophanes, genauso Waffe und Machtmittel  wie vor fünfhundert Jahren zur Zeit der Renaissance-Päpste, die das Volk durch die Höllenfahrtsgemälde eines Raffael und Michelangelo erschütterten” ( … )

Dessen eingedenk, hat Günter Grass mittels seines jüngsten, die Hysterische Republik Deutschland erschütternden Gedichts eigentlich nur gemacht, was des Dichters ist:

Er hat den Scheinwerfer auf ein die ganze Welt betreffendes brisantes Problem gerichtet. Ob Kunst – nach Friedrich Wolf “Waffe” ist – oder vielleicht, wie man möglicherweise heute auf Neusprech sagen würde, nur ein tool ist, um damit die Menschheit aufzurütteln aus Lethargie und Ingnoranz, das zu beurteilen bleibt jedem selbst überlassen und tut nichts zur Sache.

Springers “Welt” ätzt darob: “Grass liegt daneben”! Und zeigt damit doch überdeutlich: Grass traf mit wenig Worten genau ins Schwarze!

Und alle, alle – die üblichen Verdächtigen halt – tun was sie wohl tun müssen. Es ist ihnen zuzugestehen, wie Grass zuzustehen ist, ein solches Gedicht zu verfassen und zu veröffentlichen. Es kann die Diskussion zu diesem Thema nur beflügeln. Auf einen in diesem mehrstimmigen Chor der Grass-Kritiker hätten wir, so meine ich, gut und sehr gerne verzichten können: Henryk M. Broder heißt dieser gerne und mit wonniger Herzenslust Brunnen vergiftende rechtspopulistische Provokateur vom Dienst. Grass’ Gedicht war ja auch eine Generalvorlage für  ihn. Und schon schmierte der Provakteur prompt los, dass es nur so “broderte”.

Zuspruch für Günter Grass

In Schutz dagegen wurde Günter Grass (und m.E. richtig interpretiert) vom Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck und dem Präsident des deutschen PEN-Zentrums  Johano Strasser genommen Beide billigten Grass’ nicht nur das Recht zu dieser Kritik zu, sondern sahen betreffs der Problematik bzw. die daraus erwachsen könnenden Gefahr für die Nahost-Region wie für die gesamte Welt zu verständliche Schlüsse gezogen.

Einmal verwundernd vernünftig hat die Bundesregierung auf das Gedicht von Grass reagiert. Der Pressesrprecher ließ etwas von der “Freiheit der Kunst” verlauten.

Viel Stoff zum Weiterdiskutieren also nun. “Was gesagt werden muss” ist von Günter Grass schon einmal (vor-)gesagt. An Ostern und darüber hinaus,  kann es weitergehen. Sind eigentlich schon  die ersten Talkshows zum Grass-Gedicht geplant?

Photo/Quelle: Rainer Sturm via Pixelio.de

 

 

 

 

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.

  1. Das Friedensgedicht wurde sehr schön auch in Iran gewürdigt.
    Aber wie der Dichter schon sagte: Keine Angst vor Applaus von der falschen Seite.