Bericht von der Abschlussveranstaltung des Ostermarsches 2012 im Ruhrgebiet

Ostermarsch Ruhr 2012 endete mit Friedensfest in Dortmund

Gestern gegen 16 Uhr erreichten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Ostermarsches Ruhr das Wichern-Haus in der Dortmunder Stollenstraße. Sie waren morgens in Bochum-Werne losmarschiert.

Zwischenstopps hatten sie  zuvor in Dortmund-Marten und am Wilhelmsplatz in Dortmund Dorstfeld eingelegt. Empfangen wurden die Ostermarschierer von den dort Wartenden und der mitreißenden Musik des Ensembles Varna unter Leitung von Georgi Velikov.

Willi Hoffmeister und der Kampf gegen die Bombe

Zum Anliegen des Ostermarsches 2012 sprach Willi Hoffmeister. Der inzwischen 78-Jährige kann mit Fug und Recht als Ostermarschierer der ersten Stunde bezeichnet werden. Deslängeren bereits ist Hoffmeister vom reinen “Mitläufer” zum Organisator vieler Ostermärsche anvanciert. Der unermüdlich in Sachen Frieden engagierte einstige Hoeschianer (Mitarbeiter der Firma Hoesch in Dortmund) Hoffmeister erinnerte noch einmal daran, was das ursprüngliche Ansinnen des Ostermarsches gewesen ist: “Wir sind ja mal angefangen, vor 52 Jahren. Mit dem Kampf gegen die Bombe. Diese Bombe, diese Bomben lagern immer noch, auch in unserem Land. Das ist eine der Kernfragen unserer Forderung. Und wir müssen heute erleben, dass man versucht, dass man dabei ist, die Atomwaffen auf einen Stand zu bringen, dass man auch gezielt mal sagen kann, wir hau’n da ‘ne kleine Sache ‘rein und fertig … also die gefechtsfähig zu machen. Und gleichlautend hat in den USA eine Untersuchungskommission gesagt, Atomkriege sind zu überleben. Wenn man sich das alles vor Augen führt, denke ich ist es höchste Zeit, nicht nur mit einigen Tausenden heute bundesweit demonstrieren, sondern es muss ein Aufschrei durch diese Welt gehen, der sagt: Schluss mit Rüstung!, Schluss mit diesem Wahnsinn! Wir können es uns heute nicht mehr erlauben die wenigen Ressourcen die diese Erde noch besitzt für Tötungsmaterial verwenden. Dass müssen wir ‘rauskriegen und dass muss geschafft werden! Jeder Rüstungsarbeiter muss sich auf diese Ebene stellen: Ich kann Vernünftiges herstellen, ich brauch keine Waffen herstellen. Dass ist eine der Forderungen des mittlererweile durch eine Kommisson, die sich gebildet hat, eine kleine Arbeitsgruppe, um die Abrüstung mal wieder etwas in den Vordergrund zu stellen.” Dann zeigte sich Willi Hoffmeister darüber erfreut, dass es in diesem Jahr eine Grußadresse des Dortmunder Oberbürgermeisters Ullrich Sierau (SPD) gibt. Diese so Hoffmeister sei, so glaube er, bemerkenswert. “Nach einer Zeit, wo auch vom Oberbürgermeister Schweigen herrschte.” Er sei froh, dass der neue OB da eine andere Position vertritt. Willi Hoffmeister sagte dann allen Beteiligten des Ostermarsches 2012 sein “Herzliches Dankeschön”. Hoffmeister meinte, man müsse wohl auch in nächsten Jahr wieder einen Ostermarsch machen: “Wir werden bis dahin den Weltfrieden nicht erkämpft haben.”

Grußadresse des Dortmunder Oberbürgermeisters Ullrich Sierau (SPD)

Im Anschluss wurde das Grußwort des ehemaligen Ostermarschieres und jetzigen Oberbürgermeisters der Stadt Dortmund, Ullrich Sierau, verlesen. Darin verwies der OB darauf, dass auch in diesem Jahr die Ostermärsche und die vielen Friedensinitiativen nichts an ihrer Aktualitätund  ihrer gesellschaftlichen Bedeutung eingebüßt hätten. So sehr ihn das Engagement der Ostermarschierer beeindrucke, so der OB weiter, so gäbe es doch keine andere Bewegung, der man es wünschen würde, dass sie nicht mehr nötig wäre. “Denn diese würde bedeuten, dass umfassender Frieden auf unserm Planeten erreicht wäre. Ein wirklicher Frieden. Und nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Doch selbst von Letzteren sind wir zur Zeit leider weit entfernt. Die Krieg in Afghanistan mit Beteiligung der Bundeswehr und die Bürgerkriege in Darfur, Syrien, Somalia sind aktuell globale Brandherde. Hinzu kommen die starken Spannungen im Nahen Osten und zwischen Nord- und Südkorea. Bei diesen Konflikten schwingt nicht nur eine latente Kriegsgefahr in den Auseinandersetzungen und der jeweiligen Rhetorik mit, sondern auch immer die Gefahr, dass im Kriegsfall ein Einsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen werden kann.” Und weiter: “Die Erfahrung der Menschheit mit dem Krieg haben Mahatma Ghandi Recht gegeben, als er sagte ‘Was mit Gewalt erlangt worden ist, wird mit Gewalt behalten.’ Dass hat die Vergangenheit gezeigt. Und dass zeigen auch die aktuellen Kriege und Bürgerkriege. Ein Krieg ist immer unmenschlich und immer sinnlos. Denn er vernichtet Menschen, Städte und Kulturen. Und schlägt Wunden, die oft über Generationen hinweg nicht heilen. Dieses Wissen muss uns dazu veranlassen aktiv für Frieden und eine Welt ohne Atomwaffen einzutreten.” Sierau erinnerte daran, dass die Stadt Dortmund seit 1984 Mitglied im Hiroshima-Bündnis, einer Intitative zur vollständigen Abschaffung der Atomwaffen. “Und seit 2003 auch Mitglied bei Majors for Peace, einer weiteren Initiative gegen Atomwaffen, der ich persönlich seit 2009 angehöre”, so Sierau in seinem Grußwort.

Ums Töten ging es dann auch im nächsten Redebeitrag. Es sprach – wie schon beim Bittermark-Gedenken am Karfreitag – Gamze Kubasik. Sie hat im April 2006 ihren Vater Mehmet Kubasik durch einen feigen Mord von Neonnazi-Terroristen der NSU verloren. Die Familie war Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland gekommen, weil in ihrer Heimat Krieg, Vertreibung und wirtschaftliche Not herrschte. Sie kamen, wie Moderatorin der Veranstaltung sagte, in ein Land, “wo man friedliche leben und sich eine wirtschaftliche Existenz aufbauen kann”. Doch dann war plötzlich alles anders: Mehmet Kubasik wurde in seinem Kiosk in der Dortmunder Mallinckrodt-Straße niedergeschossen. Nur zwei Straßen weiter westlich vom Platz der gestrigen Abschlussveranstaltung des Ostermarsches Ruhr, dem Wichern-Haus. Dass es Nazis waren, wurde erst im Jahre 2011 bekannt. Eine Erkenntnis der Polizeit, die vorher ‘in alle Richtungen ermittelt’ hatte. Ob es vielleicht kriminelle Hintergründe gibt, ob es politische Motive gibt aus einem anderen Spektrum, aber nicht aus dem rechtsradikalen Spektrum. Dies wurde nicht recherchiert.

Gamze Kubasik: “Und stolz auf meine Stadt Dortmund bin ich.”

“Ich habe ein schreckliches Schicksal. Denn mein Vater Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 in unserem Kiosk ermordet. Jahrelang wussten wir nicht warum und weshalb. Immer wieder wurde über meinen Vater berichtet, er solle ein Krimineller, ein Drogendealer gewesen sein. Meine Familie und ich wussten, dass diese Vorwürfe nicht stimmen. Doch beweisen konnten wir es auch nicht. Es waren die schrecklichsten Zeiten meines Lebens gewesen. Heute bin ich erleichtert. Denn seit einigen Monaten wissen wir, wer meinen Vater ermordet hat. Es waren Neonazis. Ich bin erleichtert, dass all die Vorwürfe über meinen Vater nicht stimmten. Woran ich die ganze Zeit über fest geglaubt habe. Mein Vater musste so schrecklich und sinnlos sterben. Dass kann ich nicht akzeptieren. Und für meine Trauer und mein Schmerz finde ich keine Worte. Sowas darf nie wieder passieren. Das verhindern können wir nur alle gemeinsam. Ich bin begeistert und glücklich, dass sich hier so viele Menschen zum Ostermarsch versammelt haben. Ich bin stolz auf Sie, meine Mitbürgerinnen und Bürger, denn nicht nur meine Familie sondern Sie auch geben mir die Kraft, nicht aufzugeben. Und stolz auf meine Stadt Dortmund bin ich. Die solche Veranstaltungen unterstützt und fördert.”

Johann Hinrich Wichern: “Halb ist gleich nichts.”

Vom Namensgeber des Wichern-Hauses, Johann Hinrich Wichern, einem evangelischer Pfarrer, stammt der Ausspruch: “Was man will, muss man ganz wollen. Halb ist gleich nichts.” Aus diesem Grunde waren die meisten der Ostermarschiererinnen und Ostermarschierer auch drei Tage auf den Staßen des Ruhrgebietes mit Fahrrad, dem Krad oder per pedes  unterwegs: Um für Frieden und Abrüstung in der ganzen Welt einzutreten und für  Entmilitarisierung in den Köpfen in der Gesellschaft und in der Politik. Für ein Ja zu zivilen Lösungen der Zukunftsprobleme. Ganz nach Wichern wolle man dies tun, so Hauptrednerin Helga Schwitzer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall: “Das wollen wir ganz!” Atomwaffen, hieß es, müssten vernichtet werden. Denn: Was es nicht gibt, kann nicht in falsche Hände kommen. “Sind Atomwaffen irgendwo in richtigen Händen? Ich sage nein. Atomwaffen sind überall in falschen Händen.  Sie waren in Hiroshima und Nagasaki in falschen Händen, sie waren bei den Atomwaffenversuchen – wo auch immer – in falschen Händen. Atomwaffen sind überall in falschen Händen, auch in Israel! Wie auch in den Händen des iranischen Diktators Ahmadinejad wären sie dies. Man dürfe sich die Anmaßung der US-amerikanischen Politik nicht zu eigen machen, die Welt in Falsch und Richtig, Gut und Böse einzuteilen. Nicht in ideologischer, nicht in religiöser, wirtschaftlicher und auch nicht militärischer Hinsicht. Es gibt keine guten Kriege. Es gibt keine guten Waffen. Und es gibt auch keine guten Toten. Wer die Welt in Gut und Böse einteilt oder sonstwie spaltet, der verursacht genau das, was erst geplant und womit er dann bewaffnete Einsätze rechtfertigt. Der verursacht und schürt den Hass der zu Kriegen führt. Wir blicken deshalb mit großer Sorge auf die Entwicklung des israelisch-iranischen Konfliktes. Es ist zu befürchten, dass daraus ein Großkonflikt wird. Mit den USA und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite.” Auch die Gefahr, dass Deutschland sich in einen Krieg mit hineinziehen läßt, bestünde. “Nur der Friede ist der Weg zum Frieden!”, rief Helga Schwitzer aus.

Starken Applaus erhielt die ganz eigene Welterklärung seitens des Leiters des bekannten bulgarischen Ensembles Varna, Georgi Velikov, dessen Familie einen weitreichenden musikalischen Ruf nicht nur betreffs Roma- sondern darüber hinaus auch der Interpretation von Welmusik geniesst und aus der  viele Meister auf der Geige hervorgingen. Georgi Velikov:  Die Welt, die Erde, sei ein Körper, ein Organismus und die einzelnen Nationen und Völker deren einzelne Organe. Würden sie verletzt oder vernichtet, ginge der gesamte Organismus kaputt.

Also ganz im Sinne des diesjährigen Mottos “Ostermarsch Rhein.Ruhr 2012″: “Ja zu zivilen Lösungen der Zukunftsprobleme – Nein zu Krieg, Atomrüstung und innerer Militarisierung – Nein zur NATO,  Militärinterventionen und Aufrüstung – Atomwaffen abschaffen! Wir sagen: Nein zum Krieg! Nein zur Bundeswehr im Kriegseinsatz – gegen die Militarisierung der Gesellschaft!”

Das traditionelle Friedensfest im Dortmunder Wichern-Haus zum Abschluss des Ostermarsches Ruhr 2012 klang mit einem abwechselungsreichen Kulturprogramm am Montagabend aus. Bundesweit hat es anlässlich des Ostermarsches ingesamt 80 Aktionen gegeben.

 

 

 

 

 

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