Kommentar

WDR 3-Reform: Bessere “Durchhörbarkeit” nun “ohne Rücksicht auf Verluste”?

Eine von der Intendanz angepeilte bessere “Durchhörbarkeit” – bezogen auf das Programm von WDR 3 – ließ im Frühling diesen Jahres bei so manchem Mitarbeiter des Senders und vielen Hörerinnen und Hörer heftig die Alarmglocken schrillen.

Auch hier auf Readers Edition griffen wir das Thema einigermaßen besorgt auf.  Aufgerüttelt durch die “Radioretter” fragte ich: “Ist die Kultur im Radio noch zu retten?” Die Befürchtungen von WDR-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern  betreffs der geplanten WDR 3-Reform dürften sich wohl nun schon bald als nicht unbegründet herausstellen: Ende Mai wurde nämlich die Reform vom WDR-Rundfunkrat durchgewinkt. Sollte also der Kampf gegen die Programmreform aus den Reihen der Redaktion und seitens vieler Menschen aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland – welche einen  “Offenen Brief” auf den Seiten der “Radioretter” unterschrieben haben – nichts genützt haben?

Die “Radioretter” jedenfalls sind bestürzt. Ihre Meinung: Der Programmabbau bei WDR 3 werde  “ohne Rücksicht auf Verluste” fortgesetzt. In einer Pressemitteilung der “Radioretter” ist zu lesen:

Der Rundfunkrat des WDR hat  am 30. Mai, beschlossen, dem weiteren Programmabbau im Kulturprogramm von WDR 3 in allen entscheidenden Punkten zuzustimmen. Er entschied sich damit gegen das Plädoyer der WDR3-Radiomacher und Autoren, gegen das Votum von annähernd 19.000 Hörern, gegen tausende Kulturschaffende, gegen die Stimmen von ver.di, der Redakteursvertretung, des Feuilletons. Haben die „Radioretter“, hat die öffentliche Opposition mit dieser Entscheidung des Rundfunkrats eine Niederlage erlitten? Zweifellos, wenn man sein Urteil von den Beschlüssen eines solchen Gremiums abhängig macht. Wie verlogen sie sind, stellen die Erklärungen unter Beweis, mit denen man sie jetzt öffentlich „verkaufen“ will. Kein Wort enthalten sie über tatsächliche Streichungen, Kürzungen und Einebnungen. Stattdessen brüsten sie sich mit „Neuerungen“, die entweder keine sind oder aber nicht annähernd ersetzen, was zuvor zerstört wurde. Dies kann jeder nachvollziehen, der sich den Tatsachen stellt. Rundfunkrat und Hörfunkleitung betreiben in ihren Erklärungen eine kalkulierte Desinformation, die an bewusste Lüge grenzt.

Hier die Pressemitteilung  der “Radioretter” [PDF - 85 K

Und zur Ergänzung der Beschluss des WDR-Rundfunkrates [PDF - 75 KB] (via NachDenkSeiten)

Rundfunkräte auf den Prüfstand!

Keine guten Nachrichten, wie ich finde. Die Causa Programmreform WDR 3 wirft  kritische Fragen im Hinblick auf das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf. Hierbei geraten in erster Linie die Rundfunkräte (und die Art und Weise von deren Besetzung!) in den Fokus der Kritik. Diese Gremien gehören, wie ich finde, dringend auf den Prüfstand gestellt. Das öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehsystem darf nicht länger Spielball von politischen Parteien, Verbänden und den Vertretern der beiden großen Kirchen sein. In diesem Sinne müssen Rundfunkräte demokratischer und transparenter werden. Wenn es bereits ein großer Fehler hiesiger Politik war das Privatfernsehen als Gegenpart zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufzubauen, dann war es mit großer Sicherheit ein noch größerer Fehler von ARD und ZDF den Privaten und deren Quoten nachzuhecheln. Was auf der Strecke blieb – ja: zwangsläufig bleiben musste – war Programmqualität und die Erfüllung des Grundauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dabei haben die Öffentlich-Rechtlichen Pfunde mit denen man ohne weiteres – auch heute noch – wuchern kann. Wer da in einer dieser Anstalten, hier dem WDR, bessere “Durchhörbarkeit” – noch dazu bezogen auf ein Kulturprogramm! – fordert (und wohl Dudelfunk meint?), gehört wahrlich selbst in die Anstalt! Mindestens in die von Urban Priol und Erwin Pelzig (Frank-Markus Barwasser), die morgen Abend wieder um 22.15 Uhr im ZDF läuft.

“Durchhörbarkeit” vs. Hinhören?

Finanzierungsdruck hin oder her: Die WDR-Intendantin Monika Piel muss sich fragen lassen, ob sie mit der Befürwortung dieser mehr als fragwürdigen “Reform” und deren nun wohl erfolgenden Durchsetzung “ohne Rücksicht auf Verluste” dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht einen gewaltigen Bärendienst erweist. Verantwortlichen und hoffentlich auch künftig  unverbesserliche auf Welle bleibenden Kulturrradiorezipienten müssen allerdings die WDR-Rundfunkräte erklären, in wessen Auftrag sie eigentlich in diesen sicher einst einmal mit guten Absichten geschaffenen Gremien sitzen und entscheiden! Für uns?  Für die Allgemeinheit? Für Transparenz? Im Sinne eines demokratischen Bildungs- und Informationsauftrages? Nach dieser Entscheidung betreffs der WDR-”Reform”  muss all das für ein Gerücht gehalten werden. Wir brauchen vielmehr eine wirkliche Reform der Programme von ARD und ZDF und der die Anstalten kontrollierende Rundfunkräte. Eingedenk der Tatsache, dass Reformen bis zur Amtszeit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder einmal als Verbesserung des Bestehenden galten, muss wohl am Ist-Zustand der Öffentlich-Rechtlichen und deren demokratischen Kontrollgremien einiges geändert werden. (Hin-)Hören wäre da  besser als späteres Fühlen. Bessere “Durchhörbarkeit” verhindert dagegen das Hinhören. Oder ist das gar der Sinn hinter dieser WDR 3-Reform? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das Engagement gegen die Reform indes war nicht umsonst. Jedenfalls dann nicht, wenn dadurch eine Diskussion über das Thema angestossen worden wäre.

Photo/Quelle: Martin Genter via Pixelio.de

 

 

 

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Pingback: 5. Juni 2012 bis 6. Juni 2012 | word of mouse