Gewalt

Brasilien: Der gewalttätigste Staat im Land demonstriert für Frieden

Während ich diesen Artikel schreibe, lese ich eine Nachricht [pt] über einen Teenager, der in der Nacht vom Dienstag, dem 29. Mai 2012, in den Straßen von Maceio [en], Brasilien, erschossen wurde. Währenddessen erhielt das gerichtsmedizinische Institut der Hauptstadt die Leichen von mindestens drei weiteren Opfern von Gewaltverbrechen. Nur wenige Stunden vor diesen jüngsten Verbrechen gingen Tausende von Menschen – mobilisiert durch soziale Netzwerke – für einen Friedensmarsch auf die Straßen, ein Aufruf, die Gewalt in dem an der Küste gelegenen Staat Alagoas zu beenden.

Schon seit längerer Zeit entrüstet sich die Bevölkerung von Alagoas über die Trivialisierung des Lebens und der steigenden Anzahl von Morden aus trivialen Beweggründen [pt]. Der letzte Vorfall, der die Mobilmachung veranlasste, war die einem bewaffneten Raubüberfall folgende Ermordung des 67-jährigen Doktor José Alfredo Vasco Tenorio am Nachmittag des 26. Mai. Am selben Wochenende erlagen 17 weitere Menschen in Alagoas einem gewalttätigen Tod.

Die unhaltbare Unsicherheit der Situation führte zu einer Protestdemonstration auf den Straßen, organisiert von der Facebookgruppe Alagoas – Estado de Emergência (Alagoas – Staat im Notstand) [pt]. Nach dem Protest am Montagabend lieferte Silvana Chamusca [pt] eine Zusammenfassung des Events, mit einem Überblick der dem Marsch folgenden Debatte, “dessen einziges Ziel es war, unsere Entrüstung zu zeigen, ohne auf soziale Klassen zu schauen”:

Participamos de um primeiro movimento, poderão ser organizados outros, então sugira, tenha iniciativa, levante dados, organize no seu bairro, ou em qualquer outro bairro, que garanto que eu estarei lá.

Wir haben an den ersten Protesten teilgenommen, weitere könnten folgen, ich schlage vor, dass ihr die Initiative ergreift, nach Informationen sucht, euch in euren Vierteln oder auch woanders [zu einem Protest] organisiert, und ich garantiere euch: Ich werde dabei sein.

Die am Montag gegründete Gruppe hat inzwischen schon über 60.000 Mitglieder. Während ein neuer Protest für den 5. Juni organisiert wird, stellt Toninho Cajueiro [pt] die Frage:

O que foi conseguido de CONCRETO após a caminhada? Quais as providências que serão tomadas após este evento? A verdade é que a grande mobilização que precisamos fazer é na URNA, na ELEIÇÃO deste ANO, escolhendo de forma CORRETA e SEM INTERESSE os nossos políticos. Com educação de qualidade e geração de emprego se muda esse Estado.

Welche KONKRETEN Resultate sind nach dem Marsch erzielt worden? Was sind nach diesem Event die nächsten Schritte? Die Wahrheit ist, dass die größere Mobilisierung, für die wir uns einsetzen müssen, bei der Wahlurne in diesem Wahljahr liegt. Darin, dass wir unsere Politiker KORREKT und OHNE EIGENES INTERESSE wählen. Wir können diesen Staat mit Qualitätsbildung und einer arbeitenden Generation ändern.

Während der erneuten Mobilisierung, fand eine lebhafte Debatte über die Wurzeln der Gewalt, sozialen Klassenkonflikt, Politik und das allgemeine Empfinden in der Bevölkerung statt. Mauricio Carvalho [pt] glaubt, dass Gewalt ein sehr komplexes Problem ist, welches nicht mit einer vereinfachten Sichtweise behandelt werden sollte:

A morte do Dr. Alfredo serviu de estopim, um símbolo, um mártir, aquele que nós esperamos que tenha sido a última vítima dessa violência desenfreada. Ninguém é cego, todo mundo sabe da situação caótica que Alagoas chegou, a reclamação era unânime. Ninguém é insensível ao ponto de quantificar a importância da morte de uma pessoa independentemente do lugar do planeta que ela resida ou sua classe social.

Der Tod von Dr. Alfredo war ein Auslöser, [er ist] ein Symbol, ein Märtyrer, derjenige, von dem wir hoffen, dass er das letzte Opfer dieser hemmungslosen Gewalt ist. Niemand ist blind, jeder weiss, dass sich Alagoas im Chaos befindet, die Klage ist einstimmig. Niemand ist so gefühllos, die Bedeutung des Todes eines Menschen auf dem Planeten zu quantifizieren, egal an welchem Ort sie leben oder welcher sozialen Klasse sie angehören.
"It is not enough to speak - you must get out of your home". Artwork published by Fabrício França de Oliveira in the Alagoas, Estado de Emergência group.“Es reicht nicht, zu reden – Du musst dein Haus verlassen”. Artwork publiziert von Fabrício França de Oliveira in der Alagoas, Estado de Emergência Gruppe.

Obwohl Eulália Lima [pt] in einem anderen Staat lebt, folgte sie der Debatte eingehend, und meinte es war höchste Zeit, dass die sozialen Netzwerke “für etwas wirklich nützliches” hergenommen würden:

Que sigamos bem mais longe, pelo simples fato de que o pouco que fizermos já significará um passo enorme para um Estado e um povo tão castigado. Aprender a usar o voto e a importância dele, saber que tem direitos, lutar por eles e deixar o egoísmo e o conformismo para trás, pode transformar o mundo. O ALAGOAS – ESTADO DE EMERGÊNCIA é um exemplo disso. Sair do sofá e interagir pode render gratas recompensas. Estou nessa! Parabéns a todos pelo primeiro passo!

Lasst uns noch viel weiter gehen, denn Tatsache ist, sogar ein ein kleiner Schritt vorwärts ist ein großer Fortschritt für solch eine leidende Bevölkerung und den Staat. Man kann die Welt verändern, wenn man lernt, zu wählen und die Bedeutung des Wählens erkennt, wenn man seine Rechte kennt, für sie kämpft und Egoismus und Anpassung beiseite lässt. Die ALAGOAS – STAAT IM NOTSTAND Gruppe ist dafür ein Beispiel. Sich von seinem Sofa erheben und engagieren kann sich sehr lohnen. Ich bin dabei! Glückwunsch an alle für diesen ersten Schritt!

Am Dienstag, dem 29. Mai wurde eine Petition ausgegeben, die die sofortige Intervention durch das öffentliche Ministerium [pt] des Staates fordert und inzwischen schon über 2,000 Unterschriften aufweist. Nachdem Nilton Resende [pt] seinen Namen hinzufügte, fragte er: “Was für eine Intervention wollen wir? Was für eine Intervention brauchen wir?”:

Os vereadores aumentaram seus salários e nós não pedimos uma intervenção. Nós somos vilipendiados constantemente pela corja de políticos que diz nos representar, e não pedimos intervenção.

Mas, queremos uma intervenção sobre os bandidos – os bandidos pobres, que matam num átimo. Pedimos essa intervenção, sem nos lembrarmos dos bandidos que nos matam lentamente há décadas.

É preciso uma mudança geral. Não adianta uma intervenção apenas repressora sem mudar a base causadora do estado de penúria de nosso Estado. Sem nos tirar da tortura constante a que somos submetidos, como eu disse no post anterior: .

Passeemos por outros estados brasileiros, e veremos as UPA’s – Unidades de Pronto Atendimento. Quais foram construídas em Alagoas? Quais foram construídas em Maceió? E onde está o dinheiro que foi destinado a isso?

Na verdade, precisamos de diversas intervenções.

Lokale Stadträte haben ihr Einkommen erhöht und wir haben nicht um eine Intervention gebeten. Wir wurden ständig diffamiert von der Bande von Politikern, die uns angeblich repräsentieren, und wir fragen nicht nach einer Intervention.

Aber wir fordern eine Intervention wenn es um die schlechten Kerle geht – die Kriminellen in Armut, die in einem Augenblick töten. Wir fordern eine Intervention, ohne uns an die schlechten Kerle zu erinnern, die uns schon über Jahrzehnte langsam töten.

Wir brauchen eine vollständigen Wechsel. Eine repressive Intervention hat keinen Zweck, ohne die Grundursache der Armut unseres Staates zu ändern; ohne uns von der andauernden Folter, der wir ausgesetzt sind, zu entfernen, wie ich in einem früheren Artikel dargelegt habe: Torture: Tortures [pt].

Wenn wir in andere brasilianische Staaten gehen, sehen wir Notfallzentren [eine Art von Krankenhaus, das in mehreren brasilianschen Städten existiert]. Wo sind sie in Alagoas? Und wo ist das für sie vorgesehene Geld?

In Wirklichkeit brauchen wir verschiedene Interventionen.

Schwindel erregendes Wachstum

Graphic of the 2012 Map of Violence showing the growth rates of homicide in Alagoas in the last 20 years. The red color indicates the national index, pink covers Maceió and metropolitan area, and Alagoas as a whole is shown in yellow.Grafik der 2012 Statistik der Gewalt, die die Wachstumsrate der Morde in Alagoas in den letzten 20 Jahren zeigt. Rot zeigt den nationalen Index, Rosa bezieht sich auf Maceió und die Umstadt, und Alagoas als ganzes ist in Gelb

Laut der Statistik der Gewalt 2012 [pt], die vom Instituto Sangari publiziert wird, zeigt die Kriminalität in Alagoas ein erhöhtes und andauerndes Wachstum. In einem Bericht von 1999, rühmte sich der Staat einer mässigen Kriminalitätsrate, mit einer Mordrate von 20,3 Morden pro 100.000 Einwohner (unter dem nationalen Durchschnitt von 26,2) und stand an 11. Stelle.

2010 sicherte die Rate von 66,8 Morden pro 100.000 Alagoas den Titel des gewalttätigsten Staates im Land im fünften aufeinanderfolgenden Jahr. Während die Durchschnittsrate der Kriminalität in Brasilien unverändert bleibt, wuchs sie in Alagoas um 228,3%, mehr als das dreifache in den letzten 10 Jahren.

Trotz dieser katastrophalen Raten findet man den kleine Staat nicht in den Schlagzeilen der regulären Presse. Thallysson Alves [pt] fordert die überfällige Beachtung:

Pessoal, já que a imprensa nacional não vem a nós, vamos a ela. Enviem links que relatam a mobilização para os sites, jornais, TVs, revistas e rádios de fora do nosso Estado. Quem conhecer jornalistas de fora, adicionem ao grupo, informe. Vamos pressionar de todos os lados para que, enfim, sejamos ouvidos.

Leute, da die regulären Medien im Land nicht hierher kommen, lasst uns zu ihnen gehen. Schickt Links über die Mobilsation an Webseiten, Zeitungen, Fernsehen, Magazine und Radios außerhalb unseres Staates. Falls ihr Journalisten kennt, fügt sie dieser Gruppe hinzu, informiert sie. Lasst uns von allen Seiten Druck machen, damit wir endlich angehört werden.

Die Bevölkerung von Alagoas ist müde und will Frieden. Kika Chroniaris’ [pt] Vorschlag das auszudrücken:

Coloquem fita branca em seu carro e uma faixa na fachada de seu estabelecimento ou casa. Seja em qualquer lugar da cidade, precisamos mostrar que a cidade toda clama por PAZ.

Bindet ein weißes Band an euer Auto und stellt ein Schild vor euren Laden oder euer Haus. In allen Plätzen der Stadt müssen wir zeigen, dass die Stadt nach FRIEDEN ruft.
Alagoas ruft nach Frieden. Foto publiziert von Marilene da Silva auf der Facebookgruppe.Alagoas ruft nach Frieden. Foto publiziert von Marilene da Silva auf der Facebookgruppe.

Geschrieben von Paula Góes · Übersetzt von Sabine Huber

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