FIKTION

MERKEL 20/14 – Ein Gespräch mit der Präsidentin der EURO-UNION

Wir sitzen im 45. Stock des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Von hier aus hat sie einen weiten Blick über den Main und die Stadt: Angela die Große. Heute, am 17. Juli 2014, wird sie 60 Jahre alt. Die Präsidentin der EURO-UNION, die Comandanta Assoluta, wie sie ihre Freunde aus dem südlichen Europa zärtlich nennen. Immer noch sieht sie ein wenig so aus wie die fleißige Hausfrau, immer noch packen ihre Hände beim Reden Päckchen, immer noch klingt ihre Stimme mädchenhaft hoch. Doch ihre Augen haben jene Kälte, die der mächtigsten Frau der Erde angemessen ist: Stahlblau.

Frau Präsidentin, Sie haben in diesen Tagen den Rettungsschirm XII aufgeklappt, glauben Sie, dass es der letzte gewesen sein wird?

Aber sicher. Diesmal retten wir ja nicht nur Europa, diesmal retten wir die ganze Welt, also, fast die ganze, Russland und China werde ich nicht retten. Das ist mir zu teuer.

Aber haben Sie nicht auch bei jedem der Rettungsschirme zuvor gesagt, jetzt sei es aber genug?

Das mag ja sein. Aber die Lage hat sich doch völlig geändert. Diese schrecklichen Umwege zur Bankenrettung haben jetzt aufgehört. Kein Parlament redet mir mehr rein, die nationalen Staatsoberhäupter wissen, dass ich am Geldhahn sitze. Wer mir zustimmt, der bekommt was. Wer nicht, der sitzt auf dem Trockenen.

Alles begann mit den Wahlen 2013, die hatten Sie verloren . . .

Also ich würde nicht sagen, dass ich sie verloren habe, ich habe sie nur nicht gewonnen . . .

Schön, Sie hatten sie nicht gewonnen. Und dann ging es ganz schnell, sie fuhren nach Frankfurt . . .

Na, ich bin mit dem Fahrstuhl hier hoch und habe gemeinsam mit den drei amerikanischen Ratingagenturen eine Pressekonferenz gegeben. Die haben dann vor der Weltpresse gesagt, dass, wenn ich nicht sofort den gesamten Euroraum übernehmen würde, dass sie dann allen Ländern die Abwracknote geben müssten. Dann bin anschließend sofort zur Präsidentin der EURO-UNION gewählt worden.

Ich habe damals von Wahlen gar nichts gemerkt.

Dann müssen Sie die Video-Konferenz mit mir und den europäischen Staatschefs verpasst haben. Ich habe denen die Geldfrage gestellt – also wie lange sie denn noch ohne Geld regieren wollen – und dann ging es ruckzuck, alle waren für mich als Präsidentin.

Der französische Präsident hatte aber doch Einwände.

Tja, seine Banken haben ihm erklärt, dass einer der Holland heißt, nie und nimmer französischer Staatspräsent sein kann. Er soll jetzt irgendwo in den Niederlanden wohnen, links hinter Den Haag. Warum sie dann den Ungarn als Nachfolger ernannt haben weiß ich wirklich nicht.

Was würden Sie denn als Ihren wichtigsten Erfolg ansehen?

Das weiß doch jeder: Die Senkung des Leitzinses unter die Null-Prozent-Marke. Seit wir jedem, der einen Kredit von, sagen wir einer Million, haben will, drei Prozent mehr auszahlen, kommt niemand mehr in eine ernsthafte Kreditklemme.

Aber das ist kein Geschäft. Banken leben doch davon, dass sie Geld für Zinsen verleihen. Die Zinsen sind der Gewinn, jetzt geben Sie den Kreditnehmern noch Geld dazu, wo bleibt da der Profit?

Ganz einfach: Wir nehmen es den Sparern ab. Früher bekamen die ja Zinsen auf ihre Einlagen, jetzt muss jeder auf sein Gespartes vier Prozent zahlen, bekommt also weniger zurück als er eingezahlt hat. Und schon haben die Banken ihren Profit.

Warum soll dann noch einer sparen?

Um solche Kleinigkeiten kann ich mich nicht kümmern. Jedenfalls ist seit Beginn meiner Regentschaft nicht eine einzige Bank pleite gegangen.

Sicher, den Banken geht es großartig. Aber weil die Normalos in Europa immer weniger Geld haben, kaufen die auch immer weniger, weil weniger gekauft wird, wird auch weniger produziert, also wird die Produktion runtergefahren, also gibt es immer mehr Pleiten und immer mehr Arbeitslose. Wo soll das denn hinführen?

Sehen Sie, die Realwirtschaft hat sich für den Finanzmarkt als außerordentlich störend herausgestellt: Immer wollten die Kredite, manchmal haben sie die dann nicht zurückgezahlt, das wollte ich meinen Banken ohnehin nicht zumuten. Mir passen die Pleiten von daher durchaus ins Konzept. Ich nenne sie die “Markt-Bereinigung” und das hört sich doch total modern an, oder?

Und wie nennen Sie die wachsende Zahl von Arbeitslosen?

Arbeitsmarkt-Bereinigung. Wir säubern so den Arbeitsmarkt von völlig überflüssigen Leuten.

Und wovon sollen die leben?

Das kann ja kaum mein Problem sein. Wer wie ich mit der Titanen-Aufgabe der Bankenrettung beschäftigt ist, der kann sich nicht auch noch um den Ausschuss kümmern.

Aber wenn immer weniger arbeiten, dann zahlen auch immer weniger Menschen Steuern. Womit wollen Sie denn den Haushalt finanzieren?

Na, das ist doch völlig einfach: Wir, also die Europäische-Zentralbank-Regierung, wir leihen den Banken Geld, die parken es dann wieder bei uns . . .

. . . wie schon in den ganzen letzten Jahren . . .

. . . auf diese Transaktion erheben wir dann eine kleine Transaktionssteuer, aus der bestreiten wir den Haushalt.

Aber wo sollen denn dann noch Werte entstehen? Woher soll denn Wachstum kommen, Beschäftigung, Volkseinkommen?

Jetzt hören Sie mal sofort mit diesem marxistischen Unsinn auf. Meine Banken werden immer wertvoller, die Boni wachsen und außerdem bin ich ganz schön beschäftigt. Auf Wiedersehen!

Als ich das Präsidial-Büro verlasse, drehe ich mich noch einmal um: Da wippt sie in ihrem Stuhl, die Präsidentin. Und ich höre sie kichern. Ein grauenvoller Laut in der dumpfen Stille des EZB-Towers.

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