Endlich ein Roman über die Mafia, der wirklich begeistert

Claudio M. Mancini: Mafiafrauen sind heute die wahren Hardliner der „società d’onorata“

Der in Deutschland lebende Italiener beschäftigt sich seit über 30 Jahren intensiv mit der Mafia und schreibt über die „ehrenwerte Gesellschaft“ knallharte Thriller. Romane bedeuten aber nicht, dass die Handlungen gänzlich frei erfunden wären. Im Gegenteil: Der Autor kennt Beteiligte, Opfer und Strukturen der Mafia, unterhält Kontakte zur sizilianischen Staatsanwaltschaft, zu Carabinieri-Offizieren und zu Anti-Mafia-Ermittlern.

Im Zuge seiner Recherchen ist er schon dem einen oder anderen Mafioso begegnet und auch schon massiv bedroht worden. Kein Wunder, denn für seine Romanfiguren wählt er reale Vorbilder. Und auch die  menschenverachtenden Machenschaften der Mafia in seinem neuesten Roman „La Nera“ sind leider keine Fiktion. In seinem letzten Werk beschäftigt sich Claudio M. Mancini  mit dem Phänomen der weiblichen Paten, die die kriminellen Geschäfte oft mit härterer Hand zusammenhalten als ihre männlichen Kollegen.

Vor zwanzig Jahren starben die beiden als Mafia Jäger bekannt gewordenen Paolo Borsellino und Giovanni Falcone bei hinterhältigen Anschlägen der Cosa Nostra. Noch immer geht von der Mafia eine latente Gefahr aus, auch wenn ohne die Gelder der Organisation das Land Italien nicht mehr regierungsfähig wäre.

»Derzeit tätigt die Mafia zwischen 130 bis 150 Milliarden Euro Jahresumsatz, das entspricht dem gesamten Staatshaushalt von Griechenland«, so der Deutsch-Italiener Mancini im Gespräch mit Marten J. Bruns. Er muss es wissen, hat er doch soeben seinen dritten Roman über die Mafia herausgebracht. In “La Nera” geht es um Sophia, einer jungen Sizilianerin, die aus einfachen Verhältnissen stammt und durch die Heirat mit einem schwerreichen Arzt in die High Society kommt. Nach und nach wird ihr bewusst, dass sie nun der “ehrenwerten Familie” angehört.

 

M.B. Herr Mancini. Wie müssen wir uns einen Mafioso vorstellen? Gibt es einen bestimmten Typus?

C.M.M. Einen Mafioso erkennen sie ebenso wenig wie einen Verbrecher bei uns in Deutschland. Sie können davon ausgehen, dass Mafiosi aussehen wie Sie und ich. Sie begegnen Ihnen freundlich und zuvorkommend und schießen Ihnen genau so freundlich eine Kugel durch den Kopf, wenn Sie für ihn gefährlich werden.

 

M.B. Es gibt also keinen festen Charakter, wie in Filmen häufig dargestellt?

C.M.M. Die Handlungen werden nicht nur in den Klassikern oft romantisiert, Mafiosi hingegen leidenschaftlich, teilweise schmalzig sentimental und wirklichkeitsfern dargestellt. In meinen Romanen hingegen lehne ich mich sehr nah an reale Geschehnisse und Personen an. Man könnte sie auch Reality-Crime nennen.

 

M.B. Sprechen wir über ihr neues Buch. In “La Nera” geht es um eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die nach dem Tod ihres Mannes zur Mafia Patin aufsteigt.

C.M.M. Meine Protagonistin erinnert an die berüchtigte Guiletta Sansone aus Palermo, eine schillernde Frau, die sehr mondän gelebt hat. Sie war in der Glitzerwelt zu Hause, hat an allen wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen teilgenommen. Kurzum, sie war eine in der palermitischen Gesellschaft akzeptierte und hoch angesehene  Person. Erst als man sie 1998 verhaftete, hat man ihr wahres Gesicht erkannt. Sie versorgte auf Befehl ihres im Gefängnis einsitzenden Ehemannes ganz Süditalien mit Kokain und beschäftigte bis zu 30 Killer.

 

M.B. Dass Frauen in der Mafia das Sagen haben, scheint eine neue Entwicklung zu sein – oder?

C.M.M. Mafiafrauen sind heute die wahren Hardliner der „società d’onorata“. Diese Entwicklung hat vor etwa 20 Jahren begonnen. Nach und nach wurden viele Mafiosi verhaftet oder gar erschossen. Es waren die Frauen, die ihre Familien weiter ernähren und die Geschäfte der Paten weiterführen mussten.  

 

M.B. Man könnte angesichts Ihrer Romane den Eindruck gewinnen, die italienische Justiz sei machtlos.

C.M.M. Das Angstregime der Mafiosi ist mit dem Begriff „Rache“ verbunden. Das drückt sich beispielsweise auch in der süditalienischen Blutrache aus. Ermordete Clanmitglieder sind für die Lebenden solange existenzbedrohend, bis ein Angehöriger des Opfers seiner „Pflicht“, Rache zu üben, nachgekommen ist. Niemals würde man darüber reden, niemals einen Außenstehenden einbeziehen. Die Omertà ist ein Gesetz. Im Übrigen gibt es nur zwei Institutionen, die von der Bevölkerung als gesellschaftliche Basis akzeptiert wird. Die Kirche und die Mafia.

 

M.B. Was bedeutet das genau?

C.M.M.  Wird ein Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft verhaftet oder gar getötet, sorgt man für das Auskommen der Ehefrau und deren Familie. Das ist auch ein Grund dafür, warum man schweigt, weshalb niemand den Mund aufmacht, schon gar nicht gegenüber der Polizei. Denn das Gegenteil, nämlich der Verrat -, bedeutet Repression oder gar Ermordung. Angst bestimmt als elementares Prinzip das Verhalten der Menschen. Sehen Sie, die Arbeitslosenzahl in Italien ist extrem hoch. Ohne die Mafia hätten die Jugendlichen kaum eine reelle Chance auf Arbeit. Die Mafia rekrutiert die Jugendlichen, sie ist der größte Arbeitgeber in Süditalien.

 

M.B. Wie recherchieren Sie für Ihre Bücher? Die echte Mafia lässt sich ja sicher nicht gerne in die Karten schauen.

C.M.M. Das stimmt natürlich. Ohne gute Kontakte auch keine authentische Insider-Informationen. Mit Ermittlern, Staatsanwälten oder Richtern kann man natürlich leichter sprechen. Ein Mafioso wird sich nicht zu erkennen geben und schon gar nicht mit mir reden. Insofern muss man unangenehme Begegnungen in Kauf nehmen. Ich nutze für meine Recherchen alle Möglichkeiten. Insider, Freunde vor Ort, Internet, Presse, Interviews bei der Antimafia-Behörde und Carabinieri.

 

M.B. Ich habe mich mit „La Nera“ bestens unterhalten, aber auch – was die Mafia angeht, sensibilisiert. War das so von Ihnen gewollt?

C.M.M. Ja, alleine Unterhaltung ist mir zu wenig, und wie ich jetzt höre, ist mir das auch gelungen.

 

M.B. Haben Sie ein Beispiel für eine „unangenehme“ Begegnung?

C.M.M. Wir haben einmal einen Paten getroffen, der uns nach und nach in seine Familie mit einführte. Meiner Frau und mir war sofort klar, dass er etwas von mir wollte.

 

M.B. Und wie ging die Sache weiter?

C.M.M. Es stellte sich heraus, dass er über mich ein Lagerhaus in Deutschland anmieten wollte. Er selbst besaß einen kleinen Modeladen von höchstens 20 Quadratmeter in einer Gegend, in der er kaum mit Kunden rechnen konnte. Es war offensichtlich, dass das nicht zusammenpasste. Auf der anderen Seite hatte er großen Einfluss. Am Strand, an dem Hunde verboten sind, haben mich Carabinieri aufgefordert, den Hund ins Hotel zu bringen.  Unser „harmloser“ Bekannter sprach wenig später mit zwei Carabinieri-Offizieren, und das Problem war gelöst. An diesem Beispiel kann man sehr schön sehen: Nichts ist so wie es scheint.

 

M.B. Ist es nicht sehr gefährlich,  wenn man reale Mafiosi in Romanen verarbeitet?

 C.M.M. Solange Sie keinen echten Namen nennen, die Personen öffentlich machen, ihnen nicht auf die Füße treten, solange sind die Risiken gering. Sie fühlen sich eher geschmeichelt, weil sie ihr eigenes Handel als richtig und gut erleben, ähnlich einer Heldentat. Auf der anderen Seite sind sie äußerst vorsichtig mit Informationen. Man braucht Fingerspitzengefühl, Sensibilität und ein gesundes Maß an Misstrauen, um bei Recherchen erfolgreich zu sein. Man lernt schnell, was man noch tun, oder was man möglichst lassen muss.

 

M.B. Was darf der Leser als nächstes von Ihnen erwarten?

C.M.M. Das nächste Buch handelt von Giftmüll der chemischen Industrie und wie er illegal auf der halben Welt entsorgt wird. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten.

 

 M.B. Ich bedanke mich für das interessante Gespräch.

 

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