KOMMENTAR

Gewalt in Mali – Prima Futter für die Medien

Mali? Bis jüngst ein ziemlich unbekannter Staat in Afrika. Doch seit geraumer Zeit liefert er das schönste Medien-Futter: Blut & Tod. Mal wieder sind es Islamisten, die mit der Zerstörung antiker Mausoleen der westlichen Empörung über die `unzivilisierten´ Völker Afrikas und den schrecklichen Islam ein weiteres mediales Glanzlicht liefern. Der Medienkonsument darf sich gruseln, seine Hände in Unschuld waschen und mit der Schlafbrille der Desinformation zu Bett gehen: Schuld ist der Islam, der Lieblingsfeind aller Innenminister, das Böse an sich.

Dass Mali seit 1894 französische Kolonie war und das bis 1960 auch blieb, will keiner wissen und gilt dem Mainstream natürlich nicht als Erklärung für die aktuellen Zustände. Doch Mali ist ein wirkliches Muster für die Zerstörung wirtschaftlicher und sozialer Strukturen jener Entwicklungsländer, die kaputtentwickelt wurden und werden: Statt Nahrungsmittel für den Eigenbedarf zu produzieren, wurden die Bewohner des Lands erst als Zwangsarbeiter, später durch die Erhebung von Steuern, gezwungen Erdnüsse und Baumwolle für den Export anzubauen.

Das sind bis heute die wesentlichen Exportgüter und mit dieser Struktur wurde Mali zu einem der ärmsten Länder der Erde. Denn der Weltmarktpreis für Baumwolle fiel ins Bodenlose, nicht zuletzt, weil die US-Regierung jeden ihrer Baumwollfarmer mit 100.000 Dollar im Jahr subventioniert, ein Betrag, für den ein malischer Baumwollbauer etwa tausend Jahre arbeiten müsste.Zu den in Afrika üblichen Plagen – Dürre und Hunger – gesellte sich 1980 der Weltwährungsfonds und die Weltbank. Um die Verschuldung des Landes zu beenden, wurde das übliche neoliberale Konzept durchgedrückt: Staatsausgaben verringern, Löhne senken und den Kapitalverkehr liberalisieren.

Den Maliern ging es nach dem Eingreifen der Weltbank schlechter als zuvor.

Wer gedacht hatte, dass es in Mali aufwärts gehen könne seit sich das Land zum drittgrößten Goldförderer Afrikas entwickelt hat, der irrte: Zwar stieg die Produktion seit 1992 von 3 Tonnen auf 51,3 Tonnen Jahresmenge Gold an, aber natürlich gehört das Gold nicht den Bewohnern des Landes. Es wird gefördert und gedealt von der Randgold Resources Ltd., einem Konzern im Besitz US-amerikanischer Finanzinvestoren, der seinen Sitz im europäischen Steuerparadies Jersey hat.

In Mali und anderswo sind Hunger und Armut der Boden, auf dem sich der radikale politische Islam entwickelt.

Weil er als der schärfste Feind jenes Westens gilt, mit dem die Völker in Afrika ihre Erfahrung von Unterdrückung und Gewalt gemacht haben. Sei es durch frühere direkte Intervention oder durch die heutige indirekte wirtschaftliche Beherrschung der alten Kolonien. Daraus entsteht die neue Gewalt. Das macht den politischen Islam nicht demokratisch und entschuldigt auch die Zerstörung kultureller Denkmäler nicht. Aber man hätte doch gern gewusst, wo denn die heute Empörten in all den Jahren gewesen sind, als die malische Bevölkerung der strukturellen Gewalt des Westens ausgesetzt war. Wahrscheinlich auf der Seite der Profiteure. Spätestens, wenn die Goldminen gefährdet sein sollten, wird sich schon eine humanitäre Einsatztruppe zu deren Rettung finden.

Die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), Fatou Bensouda, hat den Präventivschlag schon mal verbal eingeleitet, als sie die Zerstörung von Welterbestätten in Mali durch Islamisten als “Kriegsverbrechen” bezeichnete.

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.

  1. “In Mali und anderswo sind Hunger und Armut der Boden, auf dem sich der radikale politische Islam entwickelt.” Das ist Unsinn. In Mali hat sich bei aller Armut überhaupt kein radikaler Islam “entwickelt”. Sondern er wurde von außen reingetragen, und das ausschleßlich im Norden, durch die Strukturen von Aqmi, und diese Leute sind sehr, sehr reich, durch Entführungen und Drogenhandel. Dieser Artikel versucht, die Malier in Schutz zu nehmen – und macht sie gleichzeitig zu Produkten der deterministischen Phantasie des Autors.
    Charlotte Wiedemann, Journalistin

  2. Das ist niedlich: Keine der aufgezählten Fakten – die natürlich die Grundlagen für die Fragilität Malis liefern – werden bestritten. Statt dessen wird jene Gruppe der Tuareg-Rebellen (Ansar Dine), die islamistische Portionen einnimmt, als “von außen” kommend bezeichnet. Obwohl auch diese Tuareg seit Generationen in Mali leben (selbst wenn manche von ihnen temprorär in Libyen waren ist ihr Anführer, Ag Ghaly, eine der wichitgsten Figuren der 2. Tuareg-Rebellion in den 1990er Jahren). Es wird der Mangel an Fantasie von Charlotte Wiedemann sein, der die Anfälligkeit für radikale Positionen nicht aus der Geschichte Malis (und anderer afrikanischer Länder) begreifen kann, sondern sie nur als Import erklärt.