Ausstellungshinweis

Kongo surreal in Dortmund

“Le surréel Congo” – zeitgenössische Kunst aus der Demokratischen Republik Kongo vom 14.7 bis zum 2.9.2012 in Dortmund.

Ein Museumswärter genießt unter Umständen gewisse Privilegien.  Besucher dürften ihn – zuweilen – beneiden. Museumswärter ist aber sicher über weite (Dienst-)Strecken auch eine recht einsame Tätigkeit. Um diesem Zustande ein wenig abzuhelfen, gefiel es einem Manne dieser Zunft in Dortmund, auf etwas zu verfallen, das auf Neudeutsch Smalltalk geheißen wird. Zu einem Museum passt m. E. jedoch eher – fällt mir ein – das Wort Plausch. Oder Schwätzchen. Und wie meist, geht es dabei bekanntlich ums Thema Wetter. Nach dem mir freundlich ein guter Tag gewünscht worden war, kam die Sprache eben auch genau da ‘drauf. Ein Wetter wäre das, so der Museumsmann: wahrlich um ins Museum gehen! Dem war nicht zu widersprechen.

Deswegen hatte ich ja nach dem Frühstück auch just den Gang in diese Institution kurzfristig ins Auge gefasst. Und schließlich in die Tat umgesetzt. Nachdem mein Vorhaben – einmal recht lange Ausschlafen – vom aufs Fensterbrett trommelnden Dauerregen zunichte gemacht worden war.

Ob ich mich denn wohlfühle, fragte der Museumswärter höflich. Sehr angeregt, gab ich zurück. Denn vor der ständigen Ausstellung war ich in der Sonderausstellung „Le surréel Congo“ des Museums für Kunst und Kulturgeschichte  (MKK) Dortmund gewesen.

Afrika also?

Kongo. Gott, könnte man nun denken: Also wieder nur Probleme. Elend. Armut. Dabei gibt es doch 53 afrikanische Staaten. Darunter welche mit Erfolgsgeschichten.

Die Stadt Dortmund aber hatte sich nun einmal vorgenommen mittels der nach eigenem Bekunden größten Schau kongolesischer Kunst einen Einblick in das von Bürgerkrieg und Krisen geschüttelte afrikanische Land zu geben. Um es vorweg zu nehmen: Dies war gut getan! Insgesamt 25 Künstler zeigen vom 14. Juli bis zum 2. September 2012 an zwei Ausstellungsorten in Dortmund Fotos, Gemälde, Installationen, Skulpturen und Plakate. Zwölf zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen aus der Demokratischen Republik Kongo stellen ihre Arbeiten auf 1000 qm Ausstellungsfläche vor. Die Mehrzahl von ihnen lebt im Land der einstigen Kolonialmacht Belgien oder in Frankreich. Dazu hat man einen Zweitwohnsitz in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Künstlerisch wird ebenfalls sowohl in Europa als auch in Afrika gearbeitet.

Als Kurator der Exposition konnte die Stadt Dortmund Aimé Mpane gewinnen

Mpane ist ein international agierender Künstler und gilt als Kenner der modernen Kunst aus dem Kongo. Laut Mpane hat bereits große Ausstellungen in Belgien kuratiert. Mpane hatte sein Studium an der Kunstakademie Kinshasa begonnen und in Paris fortgesetzt.

Das Auge des europäischen Betrachters scheint durch die Fremdheit afrikanischer Lebensverhältnisse, die die bestimmte Ausstellungsstücke und Bilder auch vermittelt, kaum überrascht. Doch verstehen wir wirklich? Die Kontraste zwischen arm und reich müssen ja in Kinshasa und anderswo ungeheuer groß sein. Die Tristesse in dem Bild, der Collage, mit dem fast die halbe Fläche einnehmenden westlichen Statussymbol Mercedes-Limousine. Die schwarze Blechkiste die einen Menschen in all dem augenfälligen Elend zum König machen kann. In den Augen der anderen. Und den Augen des stolzen Besitzers.

Wer sein!

Auf Fotos Meter weiter Männer mit Markenklamotten. Auch sie: Anscheinend – selbst in der Calvin-Klein-Unterhose – stolz kleine Könige geworden. Die Marken- und Modegläubigkeit soll ja in Kongo ziemlich verrückt getrieben werden. Einschränkung: Wenn man die Mittel hat, es verrückt und papageienbunt zu treiben! Und manche Kongolesen sollen sich Markenklamotten trotzdem leisten. Selbst wenn die Familie nach deren Kauf Kohldampf schieben muss. Ist da nicht auch Selbstbetrug im Spiele? Natürlich: Wer sein! Ein bisschen wie der Westen. Den die Meisten doch wohl allenfalls aus der TV-Werbung kennen dürften.

Surreale Welten

In der Tat: der Ausstellungstitel „Le surréel Congo“ trifft’s! Surreal sind da gewissen Welten. Vielleicht wird so ein Schuh daraus: Der Kurator will uns – so liest man heraus – durch die Ausstellung auch sagen, dass das oft lebensbedrohliche und vielleicht immer noch instabile Dasein im Kongo wohl manchmal nur in der Karikatur einigermaßen erträglich wird. Wo es doch eigentlich schon ein Wunder zu sein scheint, dass der nicht nur chaotisch anmutende Alltag immer wieder bewältigt wird. Die damit im Zusammenhang stehende Gefühle aufnehmend, arbeitet sich augenscheinlich auch die zeitgenössische kongolesische Kunst an den sozialen Umstände ab. Quasi – erst recht für europäische Augen – an einer wohl zuweilen irreal scheinenden, dennoch aber bitter wahren Wirklichkeit.

Die Bilder verfallener Industrie- und Bahngelände, die Bergleute ohne eine Spur von Hoffnung in den Augen inmitten einer trostlosen Szenerie, die an einen Filmausschnitt von Tarkowskis „Stalker“ erinnern, aber aus einem jammervollem Leben gegriffen sind. Das schreckt auf. Regt an. Und auf. Wie kann man so leben? Weil man muss!

Schwangere aus Patronenhülsen

Und dann die körperhaften Kunstwerke an den Wänden und der auf einem Bildschirm gezeigte, damit kommunizierende Videofilm (eine Frau hantiert darin mit einer Pistole und der Bibel?): Skulpturen, gefertigt aus lauter Patronenhülsen. Man meint das MG rattern zu hören. Und hat die Tagesschau-Kriegsbilder dazu sogleich im Kopf. Dazu dieser Text:

Ich beobachte, dass die Macht sich sowohl auf das Geld als auch auf die Waffen oder das Religiöse bezieht und dass diese allerlei Manipulation generieren.

Ist es nicht möglich, mit Patronenhülsen von Maschinengewehren, Oberkörper von schwangeren Frauen zu gestalten?

Der Kongo und ich selbst sind umringt von Waffen und Blut. Der Sarg bleibt offen, so kann noch alles passieren.

Edward Munchs „Der Schrei“ passte wohl auch als Ausdruck für so manch Lebenssituation im Kongo. Angst und Trostlosigkeit auch in den surrealen Ein-Blicken in die Stadt Kinshasa und in das ausschnitthafte Leben von sich auf einigen Bildern in Pfützen spiegelnden Bewohnern. Kinshasa scheint als ein nicht organisierter bröckelnder Moloch auf. Der klapprige Gestalten, die mehr schlecht als recht von der Hand in den Mund leben, und „Könige“ beherbergt, die – verrückt genug! – allein eine in Deutschland gefertigte Blechkarosse in diesen Stand erhebt.

Europäische und afrikanische Lebensvorstellungen lassen sich nicht vergleichen

Und Kurator Aimé Mpane scheint Recht zu behalten: Für ihn lassen sich nämlich die europäischen und afrikanischen Lebensvorstellungen nicht vergleichen. Eigentlich merken wir Betrachter der Ausstellung das schon gleich auf deren ersten Metern. Wir Besucher erwarten – weil von Vorurteilen und deren ständigen Wiederholung so programmiert – nicht nur Chaos in Afrika sondern vielleicht auch unser Gewissen nicht beunruhigende Folklore. Doch so ist weder Afrika, noch freilich ist Kongo so, bzw. nur so. Allein Kongo soll heute noch an die 250 Völker beherbergen. Können wir das zusammendenken? Wo doch schon viele von uns immer nur Afrika sagen und nicht wissen, dass dieser Kontinent 53 Staaten beherbergt und es keinen Stempel gibt, der deren Eigenarten unisono auf einem Papier abbilden könnte.

Apropos Afrika: Eine Afrika-Karte am Ende der Ausstellung zeigt, welchen Irrsinn die Kolonialmächte verzapften, indem sie willkürlich Ländergrenzen zogen. Auf parat liegende Karten kann – wer will – die afrikanischen Staaten da kennzeichnen wo er sie vermutet. Allein das ist surreal genug. Und was das an Blut kostete und weiter kostet!

Das Leben in Kinshasa mag an Absurditäten reich sein: Wie die in Dortmund ausgestellten Künstlerinnen und Künstler durch ihre Arbeiten zeigen, lässt sich aus dieser Stadt auch jede Kreativität generieren. Kreativität die ausstrahlt: Ein Leben kann auch Ermunterungen erfahren und Kraft gebären, die Teufelskreise womöglich irgendwann überwindbar werden lassen. Die Künstler und ihre Werke – mag es auch hier da nicht gleich augenfällig sein – haben Land und Leute nicht aufgegeben. Ihre Kunst kann Aufbauhilfe sein. Es zeigt sich hier einmal mehr wie wichtig Kunst zwecks Gesellschaftsreflexion auch für die dadurch befeuerte Frage nach einer Zukunft ist.

Eine einzigartige Ausstellung allemal. In Deutschland erstmalig und nur in Dortmund zu sehen. Alle Ausstellungsorte sind rasch vom Hauptbahnhof zu erreichen.

Helfen Museen gegen Regen? Im Prinzip ja: Als ich aus dem MKK trat, hatte es jedenfalls aufgehört zu schütten! Wo war jetzt der Museumswärter? Hatte er schon Feierabend? Ich fühlte mich nun angeregt wohl …

„Le surréel Congo“ – zeitgenössische Kunst aus der Demokratischen Republik Kongo vom 14. Juli bis 2. September im MKK der Stadt Dortmund. Geöffnet von 10 bis 17 Uhr.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Wer die willkürlich gezogenen Ländergrenzen in Afrika, wohl zu recht, anprangert, der sollte erkennen, dass die Supermächte nach dem zweiten Weltkrieg nicht dazugelernt hatten.
    Noch heute ist der wirtschafliche Erfolg der Bundesländer, an den Nationalitäten der ehemaligen Besatzer, abzulesen. So wurden z.B. die stark bombardierten Betriebe der Gegenden südlich der Mainlinie, in der sogenannten amerikanischen Besatzungszone, als Erste wieder aufgebaut und so gehören diese Landstriche heute zu den reichsten Bundesländern; Herr Seehofer erinnert die Regierung zu recht daran.

    Zwar verfügte Deutschland nicht über Bodenschätze, doch für die in Zahlen denkende amerikanische Wirtschaft, waren wir ein kommender Absatzmarkt und eine Wundertüte gefüllt mit innovativen Gehirnen; die NASA lässt grüßen.

    Nach der Gründung der Bundesrepublik, wurden die Ländergrenzen, auch mehr oder weniger willkürlich gezogen und nicht nur den topographischen! Verhältnissen gemäß, retuschiert.

    So ist eigentlich alles beim alten geblieben und die Korruption die in vielen afrikanischen Ländern teilweise sogar gänzlich offen herrscht,
    wird im Gegensatz dazu, hierzulande sehr viel subtiler.betrieben. – Hier ist sie ein Teil der sogenannten “Lobbyarbeit!”

    Zur Ausstellung selbst gehört dann auch, dass hier in 40jähriger hannoveraner SPD Filzlandschaft, mehr die “Bodenständigkeit” überwiegt und solche Experimente wie die beschrieben Ausstellung höchstens von den Museen in Privatbesitz veranstaltet würden.
    Vielleicht sollte der Herr Mpane seine Fühler einmal nach Hannover ausstrecken. Besucher, die nach derartigen Exposé lechzen, hat es hier allemal.