HANDARBEIT

Mexiko: Sticken für den Frieden

Faden, Nadeln und Stoff sind in Mexiko zu Kriegern für den Frieden geworden. In Städten wie Monterrey, Guadalajara und Mexiko City, haben Männer und Frauen aller Altersstufen entschieden, sich zu äußern und ihre Gedanken und Erfahrungen über Gewalt zu teilen, indem sie an einer gemeinsamen Hilfsaktion durch Sticken teilnehmen.

In ihrem Blog Yo también quiero opinar [es], sagt Liliana Sánchez, dass sie das Projekt entdeckte, während sie durch das Viertel Coyoacán, ein Künstlerviertel in Mexiko City, spazierte:

Esta vez, el proyecto que llamó mi atención lo encontré caminando por Coyoacán. Unas personas bordaban unos pañuelos, y aunque en principio pensé que eran las típicas manualidades para abuelitas, después me percaté de lo que decían los bordados. “Bordar por la paz. Un pañuelo una víctima” es el lema del colectivo “Fuentes Rojas”, quienes proponen bordar pañuelos con los nombres o descripciones de cada uno de los cincuenta mil muertos de la guerra contra el narco.

Dieses Mal fand ich das Projekt, dass meine Aufmerksamkeit weckte, als ich in Coyoacán spazieren ging. Einige Leute stickten gerade Taschentücher und, obwohl ich anfangs dachte, es handle sich um die typischen Bastelarbeiten für Omis, sah ich, was auf den Taschentüchern stand. “Sticken für den Frieden. Ein Taschentuch, ein Opfer” ist das Motto der Gruppe “Rote Brunnen”, die vorschlagen, Taschentücher mit den Namen oder Beschreibungen von jedem der fünfzigtausend Toten im Krieg gegen die Drogen zu sticken.
 Foto von Carlos Ortega, unter Genehmigung benutzt.  Klicken Sie das Bild an, um weitere Fotos zu sehen.Foto von Carlos Ortega, unter Genehmigung benutzt. Klicken Sie das Bild an, um weitere Fotos zu sehen.

Sie erklärt auch das Hauptziel des Projekts [es]:

El objetivo del proyecto es, en sus propias palabras, “bordar esperanza y memoria”. Una vez logrado un número considerable de bordados, se mostrarán en las plazas públicas del país.

Ziel des Projekts ist es, nach ihren Angaben, “Hoffnung und Erinnerung zu sticken.” Wenn sie eine beträchtliche Anzahl an gestickten Taschentüchern haben, werden sie in den öffentlichen Plätzen im ganzen Land gezeigt.

Im selben Post schreibt Liliana über den therapeutischen Effekt [es], den diese Aktivität für die daran teilnehmenden Leute hat:

Manifestaciones culturales (o no) en las que la gente se encuentra cara a cara con otras personas que cargan el mismo desazón, la misma incertidumbre. El gritar al unísono, el reir o llorar, sin pena y sin freno porque el de al lado es capaz de comprender, se convierte en algo terapéutico y muy necesario.

Kulturelle Manifestationen (oder nicht), bei denen man Leute trifft, die den gleichen Schmerz, die gleiche Ungewissheit tragen. Gleichzeitig schreien, lachen oder weinen, ohne Peinlichkeiten und ohne Einschränkungen, weil die Person, die neben ihnen steht, sie verstehen kann, wird zu einer Therapie, die sehr wichtig ist.

In einem weiteren Blog, + Allá de la Marcha [es], erzählt Martín Javier Oviedo Hernández von einem Ereignis, das während der Aktivitäten der Gemeinschaft ‘Lucha por Amor, Verdad y Justicia’ (Krieg für Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit) in der nördlichen Stadt Monterrey stattfand:

Un cálido día de Mayo, llama la atención un grupo de mujeres bordando, sentadas, platicando entre ellas, los curiosos se acercan: tres jóvenes de Barcelona, Aram, Gabriel y Guillermo.

-¿Que hacen?-, preguntan a las damas.

- Bordamos por la paz-, contestan en coro.

-¿Entonces es cierto que están en guerra?… -

- No solo en guerra, nos han arrebatado a nuestros hijos…-

Ellas son madres, hermanas y parientes de personas desaparecidas, organizadas en el Colectivo LUPA (Lucha por Amor, Verdad y Justicia, Nuevo León), se reúnen cada jueves, a las 10 de la mañana, en el kiosco Lucila Sabella, en la Macroplaza de Monterrey.

An einem warmen Tag im Mai, weckte eine Gruppe sitzender Frauen, die am sticken und reden waren, die Aufmerksamkeit drei neugieriger jungen Männer aus Barcelona, die näher kommen: Aram, Gabriel und Guillermo.-¿Was machen Sie?-, fragen sie die Frauen.
- Wir sticken für den Frieden-, antworten sie im Chor.
-¿Ist es also wahr, dass sie im Krieg sind?…
- Nicht nur im Krieg, sie haben uns unsere Kinder genommen…
Sie sind Mütter, Schwestern und Angehörige von verschwundenen Menschen, die sich in der Gemeinschaft LUPA (Lucha por Amor, Verdad y Justicia, Nuevo León) organisiert haben und sich jeden Donnerstag um 10 Uhr morgens am Kiosk Lucila Sabella, auf dem Macroplaza in Monterrey treffen.

Martín beendet seinen Post indem er Gespräche zwischen den auf dem Hauptplatz in Monterrey stickenden Frauen dokumentiert [es]. Ihre Gespräche befassen sich mit allem von Aufforderungen, bei dem Projekt mitzumachen bis hin zu Klagen über die gegenwärtige Lage der Gewalt in der Stadt:

 Foto von Carlos Ortega, unter Genehmigung benutzt. Klicken Sie das Bild an, um mehr Fotos zu sehen.Foto von Carlos Ortega, unter Genehmigung benutzt. Klicken Sie das Bild an, um mehr Fotos zu sehen.

-Se contactaron con nosotros, nos citaron en una Iglesia, pagamos el rescate, después de dos llamadas, perdimos el contacto-, concluye.

-No hay avance en la investigación, como en la mayoría de los casos, no se puede confiar en la autoridad- coinciden todas.

-También los hombres bordan- comentan ellas, invitando a los tres jóvenes, que escuchan con atención:

-El olvido es muerte…-

-Este bordado va en rojo, es en memoria de Don Alejo Garza Tamez, quién perdió la vida en esta guerra, enfrentando con dignidad a los sicarios que pretendían despojarlo de su propiedad…

Aram, Gabriel y Guillermo toman los bordados, “hilando” las historias escuchadas, cada puntada representa la memoria, la huella tangible. Bordando por la paz, convierte la desconfianza en esperanza. Temor y dolor se transforman en amor.

- Sie kontaktierten uns, sie verabredeten sich mit uns in einer Kirche, wir zahlten das Lösegeld, nach zwei Telefongesprächen, wurde der Kontakt abgebrochen – schließt sie ab.- Keine Fortschritte in der Ermittlung, wie bei den meisten Fällen, man kann den Behörden nicht trauen – stimmen sie alle zu.

- Die Männer sticken auch – bemerken sie uns fordern die jungen Männer, die aufmerksam zuhören, dazu auf, auch mitzumachen:

- Zu vergessen heißt Tot…-

- Dies hier ist in rot gestickt, zum Gedenken an Don Alejo Garza Tamez, der in diesem Krieg starb, nachdem er den Mördern, die versuchten ihm sein Eigentum zu nehmen, würdevoll gegenüberstand…

Aram, Gabriel und Guillermo nehmen das Gestickte und “spinnen” die gehörten Geschichten, jeder Stich steht für ein Andenken, fassbare Spuren. Für den Frieden zu sticken macht Misstrauen zu Hoffnung. Angst und Schmerz werden zu Liebe.

Das Blog Red por la Paz en México [es] beschreibt die Bewegung „Sticken für den Frieden“ in Guadalajara:

En Guadalajara hay un grupo que se dedica a Bordar por la Paz. En Facebook aparecen muchas fotos de gente bordando: abuelitas de anteojos, papás con sus niñas, parejas de novios. Hasta una señora en silla de ruedas aparece. Unos están bordando parados, otros medio recostados en el césped, otros sentados en un banco. Bordan en un parque los domingos. Llevan su pañuelo blanco y bordan ahí, en hilo rojo, el nombre de alguna víctima de la violencia.

In Guadalajara gibt es eine Gruppe, die für den Frieden stickt. Auf Facebook gibt es viele Fotos von Leuten beim Sticken: Omis mit Brillen, Mädchen mit ihren Papas, Paare. Dort gibt es sogar eine Frau im Rollstuhl. Einige sticken im Stehen, andere halb auf der Wiese liegend, andere auf einer Bank sitzend. Sie sticken sonntags in einem Park. Sie nehmen ihr weißes Taschentuch mit und sticken dort, mit rotem Faden, den Namen eines Opfers der Gewalt.

Die Bewegung hat sich in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt ausgebreitet, wie Tokio, Japan.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers Mexikos Drogenkrieg [en].

Geschrieben von Andrea Arzaba · Übersetzt von Melina Helm

Hier geht’s zum Originalbeitrag.

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