LITERATUR

Auf den Spuren der Literatur – Teil 49

Diese Ballade ist oft schon vorgetragen worden und selbst auf „YouTube“ kann man sich einige Versionen anhören und sogar ansehen, wobei man ja selbst sich schon wahrscheinlich ein Bild, eine Vorstellung gemacht hat und somit kann dem Gedicht überhaupt nichts angetan werden, sogar wenn es persifliert wird. Es ist einfach phänomenal.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Der Erlkönig

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm,

Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

 

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -

Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? –

Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

 

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!

Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;

Manch bunte Blumen sind an dem Strand,

Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

 

Mein Vater, mein Vater und hörest du nicht,

Was Erlenkönig mir leise verspricht? –

Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

In dürren Blättern säuselt der Wind. –

 

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?

Meine Töchter sollen dich warten schön;

Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn

Und wiegen und tanzen und singen dich ein“

 

Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort

Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:

Es scheinen die alten Weiden so grau. –

 

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“

Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!

Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

 

Dem Vater grauset`s, er reitet geschwind,

Er hält in den Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not,

In seinen Armen, das Kind war tot.

 

(Aus literaturwelt.com)

 

Interpretation

„In seinen Armen, das Kind war tot.“ Das ist die Quintessenz der Ballade, wie ich meine. Goethe beschreibt den Todeskampf eines Kindes, das an einer Grippe oder an Lungenentzündung stirbt. Daher auch das Präteritum am Ende: „war tot“.

Denn der Knabe stirbt schon vor Beginn der letzten Strophe, das ist ganz klar ersichtlich, nachdem ihm „ein Leid`s angetan“ wurde.

„Er hält in den Armen das ächzende Kind“ ist wohl ein weiterer Beweis für meine Annahme, denn man ächzt wirklich in einer solchen Todesstunde und ringt nach Luft in einer derartigen Situation. Goethe hat also gut beobachtet, denke ich. -

Nun ist diese Ballade oft schon vorgetragen worden und selbst auf „YouTube“ kann man sich einige Versionen anhören und sogar ansehen, wobei man ja selbst sich schon wahrscheinlich ein Bild, eine Vorstellung gemacht hat und somit kann dem Gedicht überhaupt nichts angetan werden, sogar wenn es persifliert wird. Es ist einfach phänomenal.

Pädophilie ist diesem Gedicht auch schon unterstellt worden und anderes mehr. Ja, selbst die Pubertät musste herhalten, was auch irgendwie verständlich ist, der pubertierende Knabe, der dem fürsorglichen Vater entwischt. Das könnte der Dichter ebenfalls gemeint haben -

Ja, es ist ein großes Gedicht und unser Meister Goethe steckt einmal wieder, wie so oft (oder wie wohl alle Dichter und Dichterinnen!) tief in dieser Ballade.

Angemessen und schön vorgetragen, ist diese Ballade ein Hochgenuss der Poesie und selbst beim bloßen Lesen wirkt sie irrlichternd und geheimnisvoll. Ich würde außerdem sagen, dieses Gedicht sollten wir (unter anderen!) unseren Migrantenkindern in der Schule empfehlen. So würden sie sich unter Umständen besser integrieren, sich damit auch in Deutschland vielleicht etwas besser fühlen, was nur zu wünschen wäre.

 

Klaus Grunenberg

Photo: birgitH, via pixelio.de

 

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