OLYMPIA 2012

Afghanistan: Wenn Bronze mehr als Gold bedeutet

Der afghanische Taekwondokämpfer Rohullah Nikpai hat bei den Olympischen Spielen in London 2012 in der Kategorie der “Männer unter 68kg” Bronze gewonnen. Der 25-jährige Sportler wiederholte seinen Erfolg der Pekinger Spiele vor vier Jahren, wo er ebenfalls Bronze gewonnen hatte. Die beiden Bronzemedaillen des Kampfsportlers sind die ersten olympischen Medaillen, die Afghanistan je gewonnen hat, was Nikpai in dem kriegsgeschundenen Land zu einem Volkshelden werden lieβ.

Nikpais olympischer Erfolg kam angesichts seines Werdegangs ziemlich unvermutet. The New York Times berichtete, dass der Athlet in einem Flüchtlingscamp in Iran lebte und vier Jahre vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 nach Kabul zurückkehrte. Auch nach seiner Rückkehr konnte Nikpai nur am frühen Morgen und späten Abend trainieren, da er gezwungen, war als Frisör zu arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen. Einem Bericht des Guardian zufolge entstammt Nikpai den Hazara, einer ethnischen Minderheit, die schon seit Langem von anderen Gruppierungen in Afghanistan diskriminiert wird.

Taekwondokämpfer Rohullah Nikpai holte für Afghanistan in den Olympischen Sommerspielen 2008 und 2012 zwei Bronzemedaillen. Screenshot des Videos ”Afghanischer Taekwondostar will hoch hinaus”, das am 13. Juli 2012 von AFP auf YouTube hochgeladen wurde.

Nikpais Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2012 sorgte in den sozialen Medien für Furore.

Ashraf Jawadi schrieb auf Facebook [fa]:

چقدر احساس غرور نمودم با اشک شادی نیکپاه من هم گریستم. دیشب تا آخرین لحظه ها پای تلویزیون نشستم… اما نشستنم نتیجه داد و قهرمان عزیزما همه ی ما را مفتخر گردایند. نیکپاه عزیز ما بتو ارج می نهیم. تو پرچمدار غرور از دست رفته ای این مردمان هستی…

Ich war so stolz. Als Nikpai [nach seinem Sieg] vor Glück weinte, habe ich auch geweint. Letzte Nacht bin ich aufgewacht und habe ihm bis zur allerletzten Minute im Fernsehen zugeschaut… Aber es ist egal, dass ich wach war, unser geliebter Held erfüllte uns alle mit Stolz. Lieber Nikpah [Nikpai], wir zollen dir Beifall. Du bist der Fahnenträger des [afghanischen] Volkes…

Raymond Leong äußert seine Meinung auf Twitter:

Rohullah Nikpah ist für viele eine Eingebung. Er holte in Peking für Afghanistan eine olympische Medaille und wiederholte seinen Erfolg in London!

Afghanen auf der ganzen Welt waren der Meinung, dass Nikpais Bronze wertvoller sei als die vielen Gold- und Silbermedallien anderer Länder.

Fariba Nawa, eine afghanisch-amerikanische Journalistin und Autorin, schrieb folgendes in New Media America:

In einem Jahr, das von Selbstmordanschlägen, Giftmorden in Schulen und Entführungen geprägt ist, bedeutete Bronze für Afghanistan mehr als Gold.

Nesar Ahmad Bahawi, ein weiterer afghanischer Taekwondokämpfer, verfehlte es, seinen italienischen Gegner Mauro Sarmiento in der Trostrunde um die Bronzemedaille in der Kategorie der “Männer unter 80kg” zu besiegen und schied in greifbarer Nähe einer Medaille aus.  Der 28-jährige Sportler, der in der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London Afghanistans Flaggenträger war, hatte sich während des Kampfs eine Beinverletzung zugezogen.

Taekwondokämpfer Nesar Ahmad Bahawi war einen Schritt davon entfernt, in London eine weitere olympische Medaille für Afghanistan zu gewinnen. Screenshot des Videos “Afghanischer Taekwondostar will hoch hinaus”, das am 13. Juli 2012 von AFP auf YouTube hochgeladen wurde.

Nesar Ahmad Bahawi trägt die afghanische Flagge in der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London. Screenshot des Videos “Afghanistan at the London 2012 Olympic Ceremony”, das aseman1994 am 9. August 2012 auf YouTube hochlud.

Sven T. Rebbin schrieb auf Twitter:

Nesar Ahmad Bahawi verdient großen Respekt dafür, dass er sich in diesen Olympischen Spielen trotz einer schweren Verletzung Kampf für Kampf weiter durchschlug…

Ahmad Farzad Lami, ein afghanischer Journalist und Blogger, twitterte:

Wir lieben Nesar Ahmad Bahawi heute weitaus mehr als gestern. Wir sind stolz auf dich.

Afghanen auf der ganzen Welt waren stolz auf die sechs Athleten, die Afghanistan in der Londoner Olympiade repräsentierten. Die Teilnahme der Athleten am wichtigsten Wettbewerb der Welt wird als zuträglich für den Sport im Land eingeschätzt. Zurzeit müssen Sportler in Afghanistan ohne die modernen Einrichtungen, ohne die Ausrüstung und Unterstützung auskommen, die sie benötigen, um sich in ihrem Sport auszuzeichnen. Besonders schwierig ist das Sporttreiben für die Mädchen und Frauen des Landes.

Einer der Athleten, die Afghanistan bei den Spielen repräsentierten, ist die 23-jährige Läuferin Tahmina Kohistani. In einem Artikel im Telegraph, beschrieb sie ihre olympischen Erfahrungen:

Es ist für jeden Athleten äußerst schwierig bei den Olympischen Spielen Medaillen zu gewinnen und für mein Land und mich ist es noch schwieriger. Die Trainingseinrichtungen sind viel schlechter als in den meisten anderen Ländern, sodass wir uns nicht ebenso gut vorbereiten können. Aber ich wusste, als ich herkam, dass ich keine Medaille gewinnen würde; ich bin hier, um eine neue Ära für die Frauen in Afghanistan einzuläuten und um den Menschen zu zeigen, dass wir dieselben Dinge tun können wie Leute aus anderen Ländern. Zwischen uns gibt es keine Unterschiede.

Vielleicht das wichtigste Resultat der Teilnahme afghanischer Athleten an den Olympischen Spielen in London und Nikpais Bronze ist ein Gemeinschaftssinn, der entstand, als hundertausende Afghanen mit unterschiedlichen ethnischen, regionalen und religiösen Hintergründen zusammenkamen, um die Wettkämpfe der in London antretenden Athleten des Landes gemeinsam im Fernsehen zu verfolgen.

Lina Rozbih-Haidari, eine afghanische Journalistin, schrieb auf ihrer Facebookseite [fa]:

تجربه اتحاد میان تمام مردم افغانستان را در طول مسابقات المپیک خارق العاده بود، آنقدر حس خوبی بود که به گفته تعدادی آرزو میکنم که سیصد و شصت و پنج روز سال المپیک باشد و ملت افغانستان متحد با هم به دری و پشتو و هزاره گی و ازبکی….شعار داده و از یک افغان خود حمایت و پشتیبانی کنند، ایا میتوان این اتحاد را در میان ملتی که همه انها مساویانه از جنگ صدمه دیده اند زنده نگه داشت…به چند روز المپیک فکر کنید که چقدر بدور از تبعیض و تنفر با یکدیگر یکجا بودید، به حس خوبی که این اتحاد در میان یک ملت دارد، به شادی که در پیروزی همه با هم داشتیم، به اندوهی که در شکست با هم تجربه کردیم…افغانستان را تنها همین اتحاد میان شما نجات خواهد داد و نه چیز بیشتر…..

Das Gemeinschaftsgefühl unter den Afghanen während der Olympischen Spiele war unglaublich. Es war dermaßen sensationell, dass sich mancheiner wünschte, alle 365 Tage des Jahres wären olympisch und die afghanische Nation unterstützte gemeinsam einen afghanischen [Athleten] auf Dari, Paschtu, Hazaragi und Usbekisch [Sprachen]. Auch andere kriegsgeschundene Nationen müssen von diesem Gemeinschaftsgefühl profitiert haben…Denkt an die Tage von Olympia und erinnert euch, ohne auf Boshaftigkeit und Diskriminierung zurückzugreifen, dass ihr alle eins wart. [Erinnert euch] an das Gemeinschaftgefühl der Nation, an unsere Freude nach jedem Sieg [unserer Athleten], unsere Verzweiflung nach [ihren] Niederlagen… Einzig und allein dieser Zusammenhalt kann Afghanistan retten.
Anwohner Kabuls verfolgen wie Rohullah Nikpai während der Olympischen Spiele in London auf einen iranischen Gegner trifft. Bild von Kawoon Khamoosh, mit Genehmigung genutzt.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers Olympia 2012 in London.

Geschrieben von Omid Bidar · Übersetzt von Jasmin Lewis

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Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Ich einem Land, das praktisch ALLE olympischen Medaillen anstrebt, damit ja kein anderes Land etwas abkriegt, ist es schwer sich Gedanken darüber zu machen, wie es den anderen Ländern so geht, die keine Medaillen abkriegen. Solche Länder werden erst dann interessant, wenn dort ein Krieg stattfindet…