Kulturereignis

Dortmund: Seelsorgender Querdenker Eugen Drewermann mit Buch zu Mitmenschlichkeit

Die katholische Kirche entzog Dr. Eugen Drewermann im Jahre 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis. Töricht aber aus Sicht der Papstkirche wohl folgerichtig. Ein Verlust für die Kirche. Für die Menschen hatte der Theologe, Therapeuth und Schriftsteller künftighin mehr Zeit. Ein Gewinn für viele Menschen. Ob gläubig oder nicht. Nun hat Drewermann ein neues Werk vorgelegt. Das Thema: Mitmenschlichkeit.

Manches tritt im Laufe der Jahre etwas in den Hintergrund. Anderes gerät einem dafür neu in den Sinn. Die Gründe dafür sind verschieden. und im Lauf des Lebens zu suchen. Nichts jedoch, was einem einmal zu etwas Wichtigem wurde, verschwindet völlig. Zu gegebener Zeit tritt es wieder hervor, macht sich abermals bemerkbar. Man kann es wieder aufnehmen. Daran anknüpfen. Herein ins Taxi, in welchem ich neulich saß, „blickte“ in jener Sekunde, da wir daran vorbeikamen – ausgerechnet auf diesem von dessen Chauffeur gewähltem Weg – ein alter „Bekannter“ aus zurückliegender Zeit: Eugen Drewermann von einem Dortmunder Werbeplakat. Jener Theologe Drewermann, der mir aufgrund seines so klug gegen den katholisch-kirchlichen Stachel löckenden Wesens wichtig gewordene gesellschaftskritische Querdenker. Der wegen seines psychoanalytischen Anspruchs wohl schlicht nicht anders konnte.  Sich dementsprechend äußern musste. Welcher mir bereits ins Blickfeld geriet, bevor ihm 1991 schlussendlich (töricht zu nennen, aber wohl folgerichtig?) die Lehrerlaubnis seitens der katholischen Kirche entzogen wurde. Ein Verlust für die katholische Kirche, wie viele damals fanden. Aber ein Gewinn für die Menschen. Die nun vermehrt in den Genuss der von Drewermann gehaltenen Vorträge und der von ihm geschriebenen Bücher, die Land und Leute geistig bereicherten, kommen konnten. Drewermann wieder in Dortmund – durchfuhr es mich: Nichts wie hin!

Gesichtspunkt Mitmenschlichkeit

Diese Woche hielt der Gesellschaftskritiker und Querdenker Dr. Eugen Drewermann einen Vortrag im wegen seiner Architektur Tortenstück genannten Gebäudeteil des Dortmunder Harenberg City-Center. Thema waren diesmal die Märchen der Gebrüder Grimm, die Drewermann (wie manch anders zuvor) unter dem Gesichtspunkt der Mitmenschlichkeit analysierte.

Drewermann fesselte sein Publikum von Anfang an mit seinen Analysen und den von ihm angestellten Vergleichen. Wie immer, versteht sich, in freier Rede. Es ist immer wieder verblüffend, welche hohe Form der Vortragskunst Eugen Drewermann beherrscht. Konzentriert und niemals auch nur eine Sekunde stockend, sorgt er dafür, dass er die Menschen auf seinen Zug der klugen Gedanken mitnimmt. Die Zeiten sind kalt geworden. Drewermann geht es in seinem neuen Werk um Mitmenschlichkeit. Um die Anregung eines neuen Umgangs der Menschen miteinander. Sein aktuelles Buch heißt „Geschichten gelebter Mitmenschlichkeit – oder: wie Gott durch Grimm’sche Märchen geht“ (Patmos, 2012). Um das deutlich zu machen hat sich Drewermann drei Märchen der Gebrüder Grimm als Textgrundlage genommen. Während seines Dortmunder Abends las er aus zwei davon. Um sie dann bis ins Kleinste hinein analysierend auszulegen.

Blick nach Griechenland

Es geschah dies am Donnerstag. Da die EZB-Räte um Ex-Goldman-Sachs-Bänker, den nunmehrigen Präsident der Europäischen Zentralbank,  Mario Draghi zwecks Aufkauf von Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder berieten. Just da hatte, so berichtete Drewermann, ihn eine Journalistin gefragt, was er denn in dieser Krise tun würde, hätte er Macht. Drewermann lächelte. Denn das würde nie sein. Die Antwort blieb er dennoch nicht schuldig: Er würde im Falle Griechenland einen Schuldenschnitt, ja sogar einen Schuldenstrich verfügen. Um einem von der Krise und der Troika gebeutelten und malträtierten, bis aufs Blut ausgepressten (auf Jahre hinaus!) Lande wieder auf die Beine zu helfen. Einem Land, so Drewermann, welchen Europa und die Demokratie viel verdanke.

Reiche: Stets von Gier getrieben

Anhand des Märchens „Der Arme und der Reiche“ gelang es Drewermann sehr gut darzustellen, was die Menschen seit ewigen Zeiten an Negativem begleitet: Gier und Neid:

„Der liebe Gott auf Wanderschaft will abends bei einem Reichen einkehren, weil er dem wohl wenig zur Last fällt, aber wird abgewiesen. Der Arme im Haus gegenüber und dessen Frau nehmen ihn freundlich auf, essen mit ihm und bestehen darauf, dass er ihr Bett zum Schlafen nimmt. Morgens gewährt Gott ihnen drei Wünsche, und der Mann wählt Seligkeit, Gesundheit und bekommt noch ein schöneres Haus dazu. Als der Reiche das hört, ärgert er sich. Seine Frau lässt ihn dem Wanderer nachreiten und auch drei Wünsche erbitten. Gott rät ab, doch auf dem Heimweg überlegt er krampfhaft, wie er sich genug wünschen könnte. Dabei stört ihn sein unruhiges Pferd so, dass er es totwünscht. Er läuft mit dem Sattel auf dem Rücken und verwünscht seine Frau, die daheim ist, dass sie auf dem Sattel sein muss […] (Wikipedia)

Und da kommt Drewermann ein weiteres Mal auf Griechenland. Dort sei schon in der Antike bedingungslose Gastfreundschaft allgegenwärtig gewesen. Und Drewermann bemüht dazu auch ein persönliches Erlebnis aus seiner Jugendzeit. Da sei er für wenige D-Mark und per Autostopp nach Griechenand gefahren. Und Gastfreundschaft sei ihm dort in einem winzigen Wagen einer armen Bäuerin widerfahren. Das Erlebnis habe ihn sehr geprägt.

Doch Drewermann malt nicht schwarz und weiß oder nur in gut und böse: Während der Arme nichts zu verlieren hat, plagt nämlich den Reichen stets die Angst vor dem Verlust des Reichtums. Den er befürchtet zu verlieren. Deshalb ist er auch ein von der Gier Getriebener. Und deshalb ist er offenbar dazu verdammt, immer mehr und noch mehr haben müssen. Drewermann hat recht: Es ist dies ein sich durch die Jahrhunderte ziehendes Psychogramm des Kapitalismus. Das Märchen eine Metapher dafür. Zustände, wie wir es heute mehr denn je erleben.

Der Kapitalismus mit seiner ihm innewohnenden Gier ist und bleibt unfähig zum Innehalten. Das ist sie wieder, Drewermanns Systemkritik. Drewermann verdeutlichte jedoch, dass die Reichen in diesem von Menschen selbst geschaffenen System dem Zwange unterliegen, menschenfeindlich zu handeln. Dennoch, davon ist Drewermann überzeugt, ist dieses Tun keineswegs alternativlos. Immer gibt es auch die Möglichkeit innezuhalten, sich von Unmenschlichkeit abzukehren und die Gesellschaft gerechter auszurichten. Menschlichkeit zu leben.

Das Religiöse im Märchen

Das zweite Märchen „Der Schneider im Himmel“ hat ebenfalls mit Mitmenschlichkeit zu tun. Es ist sogar ein Märchen dem eine gewisse Komik, aber auch Tragik innewohnt. Abermals ist die Aufnahme von Fremden und Hilfsbedürftigen Thema. In den ausgewählten Märchen spielen religiöse Figuren („der liebe Gott, „Petrus“ etwa) eine Rolle. Vielleicht ist uns das als frühe  Leser – und zuvor den vorlesenden Eltern als Kinder zuhörend ohnehin – gar nicht aufgefallen. Eugen Drewermann animiert uns, diese Märchen aus der Kinderzeit vielleicht noch einmal wiederzulesen.  Sie sozusagen mit anderen Augen zu sehen, um sie neu und mit Gewinn für unser gegenwärtiges Leben zu entdecken.

Wie viel steckt doch in ihnen! Philosophie, Mythologie, Theologie – der Psychologe Drewermann legt immer wieder Märchen – diese scharf sezierend – mit hohem Gewinn für uns Leser aus. Das geschieht ein ums andere Mal immer lehrreich, an keiner Stelle belehrend. Aber immer mit Bezug auf das gegenwärtiges Weltgeschehen.

Wie würden wir selbst handeln?

Denn, so Drewermann in Dortmund, wie handelten wir denn selbst? Wenn heute zum Beispiel ein Schwarzafrikaner an unsere Türe klopfte, um nach Hilfe anzusuchen? Wer ließe ihn denn sofort ein? Da ist Misstrauen. Vielleicht auch Angst. Hat er gültige Papiere? Ist er ein Asylant? Darf er sich überhaupt hier aufhalten? Gingen einen nicht solche Fragen durch den Kopf? Müssten wir als brave Untertanen nicht gleich die Polizei herbeirufen, oder wenigstens die Ausländerbehörde in Kenntnis setzen? Ja, Fremdenfeindlichkeit ist nach wie vor ein Thema. In Deutschland und anderswo. Daran übt Eugen Drewermann Kritik. Zu Recht! Denn, ist es nicht wie im Märchen „Der Arme und der Reiche“? In jedem Hilfesuchenden könnte man Gott entdecken. Sollten wir ihnen deshalb nicht mehr und öfter beistehen? Wie können wir Europäer es zulassen, dass das Mittelmeer Jahr um Jahr mehr zum Grab für tausende von Hilfesuchenden wird, die die die Hoffnung antreibt, im Westen fänden sie eine besseres Leben als in der jammerarmen Heimat?

Ist das wirklich so schwer zu machen, zu was uns Dr. Eugen Drewermanns “Geschichten gelebter Menschlichkeit oder Wie Gott durch Grimmsche Märchen geht”, weise anregen wollen? Etwas, an das sich doch von alters her fast alle Menschen gehalten haben und noch heute manche halten. Nämlich so zu handeln wie Drewermanns einstige Wirtin in Griechenland: Gastfreundlich zu einem Fremden und hilfsbereit gegen Arme sein.
Und während des gewinnbringenden Vortrags von Eugen Drewermann beginnt man sich selbst auch an die eignen Nase zu fassen: Wie oft sind wir selbstgerecht, oder erheben uns zu Richtern über andere Mitmenschen. Drewermann erklärte, wie manches dafür seine Ursachen in einer vermeintlichen oder wirklichen Verletzung in frühester Kindheit hat. Manchmal können wir deshalb nicht anders. Und handeln als Erwachsene sogar wie die Kinder. Weil wir uns ungerecht behandelt fühlen. Wie einst von der Mutter, die unser Schreien anscheinend kalt ließ. Sie in Wahrheit aber mit so vielen anderen Sachen beschäftigt war. Doch sollten wir es öfters wenigstens versuchen, fremde Schuld – diese zwar nicht gut zu heißen – aber dennoch vergeben. Statt darüber selbstgerecht richtend den Stab zu brechen. Auch das sagte uns Eugen Drewermanns Vortrag in Dortmund: Üben wir uns im ehrlicheren Umgang mit uns selbst, wie auf humorvolle Weise das Märchen vom „Schneider im Himmel“ darlegt.

Wahrer Seelsorger und Querdenker von Format

Dies wie manch anderes verlieren wir zuweilen aus dem Auge. Aber nicht ganz aus dem Sinn. Denn da „wohnt“ es weiter. Neben neu Hinzugekommenen. Entdecken wir es neu. Einer ungeplanten Taxifahrt verdanke ich den erneuten Gang zu Eugen Drewermann. Ich will ihn und seine Schriften nun wieder im Auge behalten. Und ich empfehle es auch den Leserinnen und Lesern. Drewermann ist sich treu geblieben. Nur die gesellschaftlichen Umstände haben sich weiter verschlechtert. Der Mann mit seiner analytischen Begabung und seiner perfekten Wissens- und Erkenntnisvermittlung via freier Rede sowie auch übers gedruckte Wort ist stets auf Neue eine wahre Bereicherung, die begeistert und Kraft auf den weiteren Weg gibt. Eugen Drewermann ist ein erfreulich unprätentiöser Seelsorger, der diesen Begriff wie selten jemand anderer mit Leben erfüllt. Als Theologe, praktizierender Psychotherapeut, als Vortragsredner und Schriftsteller. Und nicht zu vergessen: Als erfreulich tief und über jeden Tellerrand hinaus schürfender Gesellschaftskritiker. Ein Querdenker von Format, von denen unser Land mehr gebrauchen könnte.

 

Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare.

  1. “Die katholische Kirche entzog Dr. Eugen Drewermann im Jahre 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis”

    WEIL :

    [HiG.03_64.03.19,19] Was ist von einem solchen sein wollenden Stellvertreter Gottes auf Erden zu halten, der sich selbst ‚Heiliger Vater‘ und ‚Seine Heiligkeit‘ titulieren läßt zu halten?!

    [HiG.03_64.03.19,20] Ich sage euch, ebensoviel als von seiner Heiligkeit, –

    – vom Stuhle Petri in Rom, welche Stadt Petrus nie gesehen hat,

    – und von den Kreuzpartikeln etwa desjenigen Kreuzes, auf dem Ich gekreuzigt wurde, das sich auf der ganzen Erde ebensowenig als echt irgend mehr vorfindet,

    – als wie wenig Mein Leibrock, der zu Trier in Deutschland zu öfteren Malen gezeigt wurde, echt ist

    – oder die Gebeine der Drei Könige zu Köln

    – oder die drei eisernen Nägel in Mailand, da es deren in allen römischen und griechischen Kirchen zusammen eine solche Anzahl gibt, daß man mit ihnen eine Eisenbahn von nahe einer Meile Länge herstellen könnte.

    [HiG.03_64.03.19,21] — Daß man bis jetzt bereits über drei echte Köpfe Johannes des Täufers gefunden hat, — daß man in der Grotte Meiner Geburt noch fortwährend versteinerte Milch Meiner Mutter Maria auffindet und an die frommen Pilger verkauft –

    [BM 23.10] ……….Was Papst, was Bischof, was Mönch, was Luther, was Calvin, was Mohammed, was Moses, was Brahma, was Zoroaster?! Das gilt nur auf der dummen Welt etwas; hier im Reiche der Seelen und Geister hören alle diese irdischen dummen Unterschiede so gut wie ganz auf! Hier gibt es nur eine Losung, und diese heißt Liebe! Mit dieser allein kommt man hier weiter; alles andere zählt soviel wie nichts!

    [HiG.03_64.04.25,02] ……unter den späteren Nachfolgern dieses Kaisers (Nero) wußten sich die Juden dennoch wieder in Rom einzuschmuggeln und machten aus Rom ein zweites Jerusalem…..Und wie das geschehen war, so wurde besonders das römische Jerusalem (Rom) stets mächtiger und mächtiger und fabrizierte sich – zum Teil aus den Judenevangelien und zum Teil aber auch mit der Annahme der alten jerusalemischen Tempelgebräuche und auch mit der der römischen Heiden – das, was das römische Pontifikat betroffen hat.

    [HiG.03_64.04.25,03] Die Römer waren demnach im Besitze aller möglichen Judenevangelien sowie der alten Judenschriften und auch der Heidenevangelien und stellten da gewisse gelehrte Kirchenväter auf, welche die Hauptfabrikanten der römischen Dogmen waren…

    [HiG.03_64.03.19,22] Haltet euch an den Evangelisten Johannes, denn dieses Evangelium sowie seine Offenbarung sind von seiner Hand geschrieben. Nach Johannes ist Markus noch am meisten zu berücksichtigen, denn das, was er in aller Kürze gibt, hat er zumeist aus den Schriften und Lehren des Apostels Paulus geschöpft.

    http://www.j-lorber.de

    Um mICH zu finden, musst Du jede scheinheilige Kirche verlassen und in Deine eigene geistige Tiefe hinabsteigen („Wisst ihr denn nicht, das ihr den Tempel Gottes in euch tragt?!“).

    http://www.holofeeling.de/

  2. Sehr geehrter Herr Stille,

    “zufällig” flatterten mir gestern etliche Bücher von Herrn Drewermann ins Haus und natürlich ist er mir seit langem ein Begriff. ich würde ihm auch gerne schreiben, hab aber leider keine e-Mail-Adresse von ihm und bräuchte deshalb Ihre Hilfe.

    Da ich (60 Jahre) seit vielen Jahren prophetische und symbolische Träume habe und innerhalb der kath. Kirche keine Unterstützung finde, weil Priester in Traumdeutung leider nicht genügend ausgebildet sind (oder keine Zeit für mich haben), wage ich jetzt den “Sprung nach außen” und hin zu Herrn Drewermann.

    Mir wurde von einem Seelsorger geraten, mich an einen Psychotherapeuten zu wenden, da meine Träume es wirklich wert wären, tiefenpsychologisch gedeutet zu werden. Seit vielen Jahren bin ich deshalb auf der Suche nach diesem einen Priester, der mir die Hand reicht (Traumsprache) und ich hoffe jetzt, ihn vielleicht in Herrn Drewermann zu finden.

    Es wäre wunderbar, wenn ich durch Sie mit Dr. Eugen Drewermann in Kontakt kommen könnte.

    Bitte diese Mail nicht veröffentlichen, sondern vertraulich behandeln.

    Herzliche Grüße aus Regensburg -
    Gertraud Schütze