LITERATUR

Auf den Spuren der Literatur – Teil 54

Die Lyrikliebhaber kennen diesen Dichter. Er wurde uns in der Schule vorgestellt und zwar meist durch eines seiner schönsten Gedichte, „Herbsttag“: „Herr, es ist Zeit.“ Doch auch die kriegsbegeisterte Jugend des Ersten Weltkrieges hatte eines seiner Werke im Tornister, wie man so schön sagt, denn „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ soll den Ansturm bei Langemarck mit begleitet haben, wie es später kriegsromantisch hieß.

Rainer Maria Rilke

 

Großer Gesang

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

 

(Rainer Maria Rilke, Gedichte, Reclam 1981)

 

Interpretation

Die Lyrikliebhaber kennen diesen Dichter. Er wurde uns in der Schule vorgestellt und zwar meist durch eines seiner schönsten Gedichte, „Herbsttag“: „Herr, es ist Zeit.“ Doch auch die kriegsbegeisterte Jugend des Ersten Weltkrieges hatte eines seiner Werke im Tornister, wie man so schön sagt, denn „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ soll den Ansturm bei Langemarck mit begleitet haben, wie es später kriegsromantisch hieß. -

Rilke, der 1875 in Prag geboren wurde, hatte ein ruheloses Leben. Seine Eltern trennten sich früh und er wurde zudem die ersten Jahre von seiner Mutter als ein Mädchen gekleidet (sie konnte sich vom Tod ihres ersten Kindes nicht innerlich befreien). Aber auch weiterhin begleitete Unwägbares sein Leben. Schulabschlüsse wurden verschoben, eine militärische und eine handelsberufliche Karriere abgebrochen, schließlich aber doch ein Gymnasiumsabschluss erreicht.

Späteres Studium in Prag und danach Aufenthalt in München sowie die Bekanntschaft mit Lou Andreas Salomé, mit der er zeitlebens in Verbindung blieb, bereicherte sein Leben immens. Die Jahre von 1896 bis etwa 1902 verbrachte er in der Nähe von Lou Andreas Salome in Berlin, reiste viel, auch nach Russland, wo er Lew Tolstoi und Boris Pasternak traf und heirate dann die Malerin Clara Westhoff.

Doch das behütete Familienleben behagte ihm nicht (unruhiger Geist in unruhiger Zeit!) und er ging deshalb lieber nach Paris, wo er für Jahre der Sekretär von Auguste Rodin war.

Rainer Maria Rilke hatte verschiedene Arbeitsperioden, dazwischen aber schon mal für etliche Jahre eine Ruhepause eingelegt. Sein Ruhm als einer der führenden Lyriker der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts überdauert bis heute. Deshalb ist die Frage erlaubt, ob er nicht gar der größte deutsche Lyriker dieser Zeit war (meinen Zuschlag hat er).

Abgesehen vom Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ ist Rilke der große Dichter, der vor allem in seinen späten Werken „Duineser Elegien“ und „Die Sonette an Orpheus“ brillierte.

Das oben angeführte wunderschöne kleine Gedicht ist wohl eines seiner Werke, die wie von selbst entstanden sind. Doch es ist alles enthalten, was ihn als denkenden und fühlenden Menschen ausmacht, „die bescheidene Gebärde des wahren Dichters“, wie es im Nachwort der „Gedichte“ (Reclam) von Erich Pfeiffer-Belli heißt. Und es ist eine weltläufige, eine offene Seele zu spüren, die „Furchtbarkeit und Seligkeit“, wie es ebenso im erwähnten Nachwort heißt, bekundet. Rilke war außerdem sehr selbstbewusst, denn das Wort vom „großen Gesang“, es hat schon etwas von einem starken Ich.

Rainer Maria Rilke, der emsige Vagabund deutscher Sprache, der dem Französischen zugetan war und der adligen oder großbürgerlichen Welt ebenso, ist ähnlich wie Hugo von Hofmannsthal, ein aus dem süddeutschen (habsburger!) Raum erwachsener lyrischer Künstler von Weltbedeutung. Seine Dichtung schwebt und beleuchtet die Dinge des Lebens und des Todes, des Glücks sozusagen. Die Dichtung wird ihm zur Natur und zwar so, dass man sie, wenn man nur einwenig davon in sich trägt, imitieren könnte. Er wird und wurde auch deswegen bisweilen gerügt. Doch das beweist nur, dass im Dichten, im Weben etwas steckt, was nicht mit der so genannten Vernunft nur begriffen werden mag, sondern mehr aus der Musik, die in allem „schläft“.

 

Klaus Grunenberg

Photo: birgitH, via pixelio.de

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