LITERATUR

Auf den Spuren der Literatur – Teil 55

Nebelzeit im Herbst und die Fahrzeuge sind gefährdet, weil sie rutschen können, die Menschen sind gefährdet, weil Sterbezeit ist, Gedenktage, Todestage anstehen. Und die Natur legt sich zur Ruhe. Aber, dass in Deutschland, zumal an den einzelnen Landesgrenzen, an der Grenze von Unterfranken zu Thüringen ganz besonders (wie anderswo auch, an der Oder zum Beispiel), dass dort der Herbst bei den Menschen einzieht und Winter droht, das ist nicht neu und trotzdem immer wieder erschütternd festzustellen.

Nebel über dem Land

 

Einsame Fenster und voll derber Sprünge das Holz,

ein grauer Tag, der wartet, und lichter Nebel webt sein Netz um die Häuser.

 

Das zerbrechliche Pfarrhaus hat einen verwilderten Garten für alle Ewigkeit,

Gras wächst im Hof.

Die echte Schönheit der kleinen Kirche berührt uns.

 

Betreten treten die letzten Bewohner auf die Straße, sie kommen vom Friedhof,

einer sitzt im Rollstuhl und erzählt von damals.

Wir machen uns bekannt, man kennt uns.

 

Stolze Häuser von einst, neu hergerichtet und auch geduckte Bauten mit

selten schönem Fachwerk.

Eines steht erhöht wie auf einem Wall.

Sie sagen, Paul wäre ab und zu da und bessere die Fenster aus,

käme einmal wieder, um alles zu übernehmen.

 

Mitten im Dorf aber das gepflegte Anwesen vom Seidenfabrikanten aus Krefeld,

die Nachkommen pflegen es gerne.

 

Wir gehen die Straße entlang und erblicken wirkliche Gärten.

Eine Katze schnurrt über die Gasse, ein Hund bellt.

 

Und endlich wieder Gespräche wie einst.

Es gehen die Lichter an und aus dem Nachbarhaus kommt Gertrud.

Langes Reden über alles. Der Abend wird kalt,

kälter noch die Gewissheit, dass verloren ging, was früher war.

 

Ruhig gleiten die Räder des Gefährts auf dem Feldweg und gemächlich

fahren wir entlang des dunkelnden Waldes, rechts fließt der Bach.

 

Schon leuchten auf die Fenster des schönen Nachbardorfes, das früher zur Hälfte

von Juden bewohnt war, von Händlern und Bauern wie alle hier. –

 

Vergessen heute – so scheint es – der Abzug von damals, vergeblich baten

die Blicke um Hilfe, umsonst, wegschauen war die Devise und man gedachte

nicht der freundlichen Bitte des jüdischen Vaters aus schöner Jugendzeit,

als alle sich noch kannten: „Kimmst heid owend auf`n Danz un dänz mit der Betti!“

 

Klaus Grunenberg

 

Interpretation

 

Nebelzeit im Herbst und die Fahrzeuge sind gefährdet, weil sie rutschen können, die Menschen sind gefährdet, weil Sterbezeit ist, Gedenktage, Todestage anstehen. Und die Natur legt sich zur Ruhe. Aber, dass in Deutschland, zumal an den einzelnen Landesgrenzen, an der Grenze von Unterfranken zu Thüringen ganz besonders (wie anderswo auch, an der Oder zum Beispiel), dass dort der Herbst bei den Menschen einzieht und Winter droht, das ist nicht neu und trotzdem immer wieder erschütternd festzustellen.

Auch mitten im Land herbstet es menschlich sehr, wo hier und da Unheil im Fernsehen verkündet wird oder schon auf der ersten Seite der Morgenzeitung ein Kampfhund von irgendeinem Idioten dessen kleines Kind zugerichtet hat; und der Hund ist neu und nicht mal angemeldet. Da kommt Wut auf und Verzweiflung ob der sichtbaren Dummheit nicht nur des Halters dieser Tierart, sondern auch der behördlichen Zulassung überhaupt.

 

Wie wenn die Menschen nicht zu begeistern wären! Zum Beispiel mit einer harschen Rockmusik, die eine rechtslastige Jugend gerne in sich hineinsaugt. Und sie, diese Jugend, wäre vielleicht dankbar, wenn sich jemand ihrer annähme, sich für sie interessierte, mit ihnen spräche und sie nicht nur ausschließe.

Doch kein Platz in irgendeiner dieser Talkshows, wo man sich einmal ausdrücken könnte, keine Geduld mit ihnen, wenn sie daherfaseln.

Und es fehlt auch an Fährtensuchern, an Menschen, die sich auf den Weg machen und andere Menschen in ähnlicher Situation, wie die genannte, finden wollen.

Zum Beispiel an der oben erwähnten Grenze Unterfrankens zu Thüringen. Bier und Bratwürste gibt es auf alle Fälle und beim Gang durch wunderschöne alte Dörfer und Städtchen kann man mit den Menschen sprechen und sie erzählen einem dann gerne, wie es war damals, als die Grenze aufging und früher. Dass sie mit den Russen sangen und tanzten und dass diese ihnen auch mal das Brot wegkauften beim Bäcker und dass sie trotzdem überlebt haben und heute ist es schöner irgendwie, sagen sie, aber auch langweilig und die Jungen wandern ab.

Sicher, früher tanzte man auch gerne. Da sind wir schon beim Kern des Gedichtes. Früher, als halbe Dörfer in dieser genannten Gegend von Juden bewohnt waren und die Väter der charmanten Jüdinnen manchen jungen Burschen animierten, mit der Betti oder der Steffi zu „dänzen“ und sie ihnen, wie „Alte Herren“ edler Studentenverbindungen, Geldscheine in die Jackentasche steckten. Und trotzdem haben die meisten Menschen etwas später weggeschaut, als der Geist von Bluthunden herrschte (da haben wir sie wieder, die Bestien!) und die Tänzerinnen samt Gefolge abtransportiert wurden.

Deshalb, ja deshalb ist es wichtig, auch heute noch darüber zu reden und der Vernichtungsgeist, der auch anderswo sich austobt, wie wir gerade wieder merken, nicht gewinnen kann. Erst reden, dann aber auch handeln, aber bitte endlich gerecht, ausgewogen also.

Photo: birgitH, via pixelio.de

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.