LITERATUR

„Die Kinder des Teufels“, von Roman Rausch, rororo

Es ist nach der „Kinderhexe“ ein weiterer Versuch des Autors Roman Rausch, Licht in eine verwirrende Zeit zu bringen. Der historisch und zugleich kriminalistisch intelligent angelegte Roman beginnt mit einer Erscheinung am Himmel sowie mit der Geburt eines Knaben, der ein geheimnisvolles Zeichen trägt.

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Zur gleichen Zeit, also um das Jahr 1629, erstrahlt außerdem ein blutroter Stern am Himmel und alle Welt erwartet fortan den Antichrist, Satan zeigt sich mal wieder. Soweit der Anfang dieses Romans.

Sicherlich, das Ende unserer geschichtlichen Zeit wurde schon hier und da erwartet und gleich zu Beginn des Christentums dachte man an ein bald kommendes Ende, das sich dann aber, Gott sei Dank (!), immer wieder verschob.
Doch jetzt, hier im Roman, in diesem Buch, wird es richtig spannend, ähnlich wie in Umberto Ecos „Name der Rose“. Denn das ausgehende Mittelalter, allerdings war es ja schon mehr die beginnende aufklärende Zeit, diese Zeit samt ihrer führenden klerikalen Schicht verhielt sich, besonders im Fränkischen, wie immer, nämlich römisch ausgerichtet, fast spätantik könnte man sagen und manchmal gar ungeheuerlich.

So erscheinen in diesem Roman denn auch zwei wichtige Personen aus Rom, die dem ganzen Treiben nachgehen, allerdings entpuppen sie sich zum Schluss überraschend als einsichtige Vertreter der kirchlichen Zunft, was doch einwenig verwundert.

In Würzburg des frühen siebzehnten Jahrhunderts geht es inzwischen drunter und drüber, wird verfolgt und gepeinigt und selbst Kleriker fallen einer „satanischen“ Verführung zum Opfer, was überhaupt nicht sein darf. Es wird also fantastisch mit Hexen, herumtollenden Raben, Erscheinungen am Himmel und Verwirrung genug bei den Menschen. Kathi und ihre Freunde stemmen sich dagegen.

Aber Amerika war doch schon entdeckt und die Erde wurde als eine Kugel gesehen (auch in Rom), jedoch: die Glaubenslehre, die Inquisition, der harte Machtwille der Kirche, es wurde beobachtet, geschnüffelt, getuschelt und es wurde verurteilt, bis das Reichskammergericht in Speyer dem Spuk endlich ein Ende setzte.

Die verantwortlichen Peiniger, die Profiteure aus dem ganzen Geschehen, sie kamen ungeschoren davon oder konnten, wie weiland Bischof Johann Georg II., Fuchs von Dornheim aus Bamberg (Bamberg und Würzburg waren oftmals in einer Bischofshand) ins Ausland fliehen. Es waren halt arg mutige Verfolger und später dann ängstliche Verfolgte, grässlich Bluthunde und zugleich feige Schwache. In Würzburg war um diese Zeit Fürstbischof Adolph von Ehrenberg die verantwortliche Person für Verfolgungen dieser besonderen Art.

Roman Rausch entwickelt sich in diesem Buch weiter zu einem diszipliniert denkenden Romanschreiber mit historischem Blick. Dabei kommt seine Begabung als gewiefter Kriminalautor zur Geltung, der schon einige bekannte Werke dieses Genres verfasst hat, alle aus dem fränkischen Raum um Würzburg, aber oftmals mit dem geschmückt, was man bei Franken eher nicht vermutet, mit Humor nämlich. Schade, dass sie noch nicht Vorlage für einen fränkischen Fernsehkrimi wurden, es wäre eigentlich höchste Zeit dafür.

Hier, in diesem historischen Krimi aber geht es weniger um gelegentlichen Humor, der das Leben bereichern kann, als um das Leben selbst und um seine Rettung vor Nachstellungen seitens der Kirche. Selbst Kleriker werden verdächtigt, freilich, zum Beispiel, wenn sie sich der „neuen Religion“ anschließen oder sich eine eigene Meinung verschaffen wollen.
Es spricht fast eine Art verzweifelter Wut aus dem Geschriebenen, dass man sich des Eindrucks nicht entziehen kann, hier einen Autor anzutreffen, der spät, aber gerade noch rechtzeitig damals geschehene Verbrechen rächt und in ein Gleichgewicht der späten Bedeutung bringt. Vielleicht entschuldigt sich ja auch die offizielle katholische Stelle in Würzburg noch irgendwann für alle derartigen Übergriffe.

Roman Rausch hat für diesen Roman ausführlich recherchiert und einen (allerdings fingierten) Brief des damaligen fürstbischöflichen Kanzlers in Würzburg, nämlich Dr. Johannes Brandt angeführt. In diesem Brief wird die ganze Hysterie der damaligen Zeit offenbar. Allerdings verwendet der Autor hier besonders die Fantasy – Schablone, denn eigentlich war die damalige Situation sogar noch schlimmer, weil sie gierig, neidvoll und ganz gezielt angezettelt wurde, um sie zu bereichern und um einzuschüchtern.

Der Geist dieser durchaus verbrecherischen Gesinnung sollte viel später in unserer Welt wiederum auftauchen und weiteres, noch schrecklicheres Unheil anrichten. Er kann wohl gänzlich unter uns Menschen nie besiegt werden, wenn nicht doch noch ein wirkliches Wunder der Einsicht geschieht.

Das Buch ist bei rororo erschienen, kostet 9.99 Euro und ist, schon wegen des großen Fantasy-Anteils, für Jugendliche gut geeignet.

Kommentare

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  1. “In diesem Brief wird die ganze Hysterie der damaligen Zeit offenbar.” :

    Lorber:

    35. Kapitel – Von Hexen und Hexenprozessen.

    22. Februar 1847

    [Er.01_035,01] Es wird kaum einen Menschen geben, der noch nie von den sogenannten Hexen etwas gehört hätte; denn es ist von der Zeit eben noch nicht gar so lange her, in welcher noch Gerichte Hexenprozesse führten und unter diesem Namen eine große Menge der allerunschuldigsten Menschen mit dem schmerzhaftesten Tode aus dieser in die andere Welt beförderten.

    [Er.01_035,02] Wie kam aber die Menschheit zu den Hexen? – Diese Frage wollen wir mit einigen Histörchen beantworten.

    [Er.01_035,03] In den früheren Zeiten, in denen die Menschen noch viel einfacher lebten als jetzt, gab es häufig solche, die das sogenannte doppelte Gesicht hatten und ganz naturgemäß in den beiden Welten lebten. Es könnten auch Menschen in dieser Zeit gar leicht dahin gelangen, so ihre Kost einfacher wäre; aber zu allermeist schadet ihnen die gegenwärtige, komplizierte Kost. Mit der Kost verpatzen und verdummen sie ihre Natur so, daß in selber die Seele wie ein Vogel unter den Leimspindeln sich verwickelt und verkleistert, daß sie unmöglich zu jener Regsamkeit und Gewandtheit gelangen kann, in der ihr ein freier Auf- und Ausflug möglich wäre.

    [Er.01_035,04] Worin bestand denn dann die Kost jener früheren, einfachen Menschen?

    [Er.01_035,05] Die Kost bestand zumeist in Hülsenfrüchten, die ganz einfach, weich gekocht, etwas gesalzen und dann nie in heißem Zustande genossen wurden. So war auch einfaches Brot, Milch und Honig ebenfalls eine gar uralte, einfache Kost, bei welcher die Menschen zumeist ein sehr hohes Alter erreichten und fortwährend bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens im Besitze des zweiten Gesichtes waren.

    [Er.01_035,06] Wohl kann jedermann dann und wann mäßig den Wein genießen, jedoch nie soviel, daß er sich berauscht fühlen würde.

    [Er.01_035,07] Fleischspeisen sollten nur zu gewissen Zeiten, und da nie länger als sieben Tage nacheinander, sehr mäßig und allezeit von frisch geschlachteten Tieren genossen werden, und da ist das Fleisch der Fische besser als das Fleisch der Tauben, das Fleisch der Tauben besser als das der Hühner, das Fleisch der Hühner besser als das Lämmerfleisch, dieses besser als das Ziegenfleisch, und dieses besser als das Kälber- und Rindfleisch, – wie unter den Brotarten das Weizenbrot das dienlichste ist; jedoch soll von den angezeigten Speisen nie mehr als eine mit etwas Brot genossen werden, so wie auch das Obst allezeit nur mäßig und allezeit von bester Reife nur sollte genossen werden, desgleichen auch einige Wurzelfrüchte, aber nur eine auf einmal.

    [Er.01_035,08] Bei solcher Kost würde der Leib nie zu jener Wülstigkeit gelangen, in welcher er träg, schläfrig und schwerfällig wird, daß dann die Seele über Hals und Kopf zu tun hat, solch eine schwerfällige Maschine in der Bewegung zu erhalten, geschweige, daß sie sich neben solch einer Arbeit noch mit etwas anderem beschäftigen könnte.

    [Er.01_035,09] Sehet, so einfach lebende Menschen, wie schon oben bemerkt, gab es in der früheren Zeit viele, und besonders einfach lebten jene Menschen, die sich an Bergen ihre Wohnstätten aufgerichtet hatten. Diese Menschen hatten denn auch beständig das zweite Gesicht, hatten bei Tag und Nacht einen ganz natürlichen Umgang mit den Geistern und ließen sich von ihnen in den mannigfachsten Sachen belehren. Die Geister zeigten ihnen die Wirkungen der Kräuter und zeigten ihnen auch an, wo hie und da das eine oder das andere edle oder unedle Metall in den Bergen verborgen lag, lehrten sie auch das Metall aus den Bergen zu bekommen und durch Schmelzen und Schmieden zu allerlei nützlichen Dingen brauchbar zu machen.

    [Er.01_035,10] Kurz und gut, es war da selten ein Haus auf den Bergen, das da nicht seine eigenen Hausgeister gehabt hätte, die wie ein anderes Hausgesinde ganz gewöhnlich zum Hause gehörten. Dadurch aber gab es denn auch eine Menge Weiser, namentlich auf den Bergen, welche mit den geheimen Kräften der Natur, mit unseren Geistern nämlich, in der größten Vertrautheit lebten, – oder diese Kräfte oder Geister standen ihnen sozusagen fast allezeit zu Gebote.

    [Er.01_035,11] Wenn dann Menschen aus den tieferen Gegenden, als wie aus größeren Dörfern, Märkten und Städten, zu diesen weisen Gebirgsmenschen kamen, so mußte ihnen da freilich so manches für sie Unheimliche und Geheimnisvolle überaus auffallen, und besonders, wenn oft Bösgesinnte es mit einem solchen Bergbewohner in irgend einer Sache streitend aufnehmen wollten; denn so ein Streiter bekam sicher irgend einen für ihn unbegreiflichen sogenannten Merks-Tölpel, von dem er freilich nichts anderes halten konnte, als dieser sei ihm von dem leibhaftigen Satan oder wenigstens von seinen Helfershelfern beigebracht worden.

    [Er.01_035,12] Was war die Folge? – Der auf diese Weise gewitzigte Märktler, Dörfler oder Städter ging sogleich zu seinem Ortsgeistlichen, der in der Zeit gewöhnlich entweder noch dümmer oder doch wenigstens boshafter als der Kläger war. Da wurden Messen, Prozessionen und Exorzismen angeordnet, natürlich fürs bare Geld, welches allezeit eine ganz tüchtige Summe, wenn nicht das sämtliche Vermögen samt Haus und Hof des in jedem Falle verhexten, wo nicht schon durch und durch verteufelten Klägers ausmachen mußte.

    [Er.01_035,13] Hatte der Kläger seinem Geistlichen auf diese Weise Genüge geleistet, so wurde der Fall dem weltlichen Gerichte angezeigt. Dieses ging dann mit allerlei, von dem Geistlichen verordneten, geweihten antihexischen und antiteuflischen Apparaten zu dem Hause, wo der Kläger vermeintlicherweise verhext oder verteufelt worden war. Dieses weltliche Gericht nahm dann gewöhnlich die ganze Einwohnerschaft auf eine scheußliche Weise gefangen, führte sie oft ohne weiteres Verhör schnurgerade auf den brennenden Scheiterhaufen und nahm alle Schätze samt Haus und Grund – aber freilich nach vorhergehender siebenmaliger exorzistischer Weihe – in den Beschlag, für welche Weihe aber freilich wieder ganz tüchtig bezahlt werden mußte.

    [Er.01_035,14] In der späteren Zeit trieb man es oft noch ärger; denn da wurde am Ende schon ein jeder, der außer dem geistlichen Stande im schwarzen Rocke gesehen ward und schneller gehen konnte als ein anderer, für einen baren Teufelskerl gehalten, und es brauchte nur eines einigermaßen boshaften Klägers, und der Schwarzberockte ward vor das Hexengericht gestellt, – bis in der jetzigen neueren Zeit die Naturforscher und Chemiker es endlich doch dahin gebracht haben, daß die überaus dumme Menschheit einzusehen angefangen hat, daß ihre vermeintliche Hexerei eine allerbarste Dummheit ist.

    [Er.01_035,15] Aber man ging da von einem Extrem zum andern und vergaß des Sprichwortes: In medio beati; denn so gefehlt es ist, sich als natürlicher Mensch ganz mit Geistern herumbalgen zu wollen, so und noch mehr gefehlt ist es, das ganze Geisterreich zu verbannen und als null und nichtig zu erklären.

    [Er.01_035,16] Es ist freilich wohl nicht zu leugnen, daß sich in dieser früheren Zeit manchmal Menschen mit bösen Geistern in einen Konflikt gesetzt haben, mit deren Hilfe sie manchmal irgend einen örtlichen Schaden angerichtet haben; aber eben diese Bösen hatten allezeit eine ganz tüchtige Kontrolle und ganz tüchtige Zuchtmeister an ihren guten Nachbarn, welche auf ein Haar wußten, was irgend ein Böser in seinem argen Sinne hatte. Allein darauf nahm damals die Geistlichkeit, so wie jetzt, gar keine Rücksicht, und es mußte, ob Engel oder Teufel, alles ins Feuer; denn da sah man nicht, ob gut oder böse, sondern nur ob es was einträgt. Hatte der Kläger kein Vermögen und der vermeintliche Zauberer auch keines, so war es: Requiescant in pace! Nur wenn bei einem oder dem anderen Teile einiges Vermögen verspürt wurde, da lief die Sache freilich nicht so gut und friedlich ab. Es war damals mit diesen Hexen fast also, als wie gegenwärtig mit den Begräbnissen, wo bei dem Reichen alle möglichen Zeremonien und Gebete verrichtet werden, und der Arme muß sich bloß mit einem Pater noster und requiescat in pace begnügen; und kann der Arme durchaus nichts zahlen, so mag er sich bloß mit der geweihten Erde begnügen!

    [Er.01_035,17] Heißt das nicht auch Zauberei treiben? – Ah nein! Da heißt es: Der Arme kommt ohnedies in den Himmel; nur der Reiche soll noch vorher etwas schwitzen, bevor ihm die Himmelspforte aufgetan wird! – Oh, das wird im Geisterreiche ganz hübsche Komödien abgeben!

    [Er.01_035,18] Diese Handlungsweisen hält jedermann für ehrbar und rechtlich, während sie in geistiger Hinsicht noch viel ärger sind als alle früheren Hexenprozesse; den deren Grund war gewöhnlich Dummheit, hier aber ist es reine Habsucht, und ein Hexenprozeß aus Habsucht ist viel ärger als einer aus Dummheit. Und was ist so ein Exequienwesen anderes als ein Hexenprozeß, durch den man an dem Verstorbenen noch so manches Teuflische wegzuexorzieren wähnt.

    [Er.01_035,19] Ich meine, diese Sache ist klar; daher fürs nächste nur noch ein paar Histörchen hinzu, und dann weiter!

    36. Kapitel – Von den Zauberbergen.

    23. Februar 1847

    [Er.01_036,01] Daß in der früheren Zeit ganz zuverlässig sicher auf den Bergen hellsehende Menschen gewohnt haben, die mit den Geistern Umgang pflogen, davon zeugen noch heutigestages, wenn sonst auch nicht viel mehr, so doch noch die eigentümlichen Benennungen der Berge.

    [Er.01_036,02] In eurem Lande gibt es eine Menge solcher Berge, die in ihrem Namen noch das bergen, was sich in der früheren Zeit zutrug. In Kärnten, in Tirol und in der Schweiz, in Savoyen, auf den Bergen Deutschlands und allenthalben, wo Berge sind, gibt es eine Menge Berge, aus deren Namen leicht zu entnehmen ist, was sich einst auf ihnen zutrug. So ist euer Schöckel schon ein solcher Berg, der seinen Namen von daher hat; denn nach einer alten Landessprache bedeutete das Wort „Schögeln” soviel als Wettermachen. Es hieß aber auch bei einem Menschen, der so einige Naturkünste zuwege brachte etwa in der Art wie die heutigen Taschenspieler, daß er ein Schögler ist. Auch Menschen, die auf dem Seile tanzten und sonst gewaltige Sprünge machten, wurden Schögler genannt. Dieses Wort „Schögeln” ist ein gar uraltes, asiatisches Wort, nach welchem die dortigen Zauberer auch Jongleurs, Jogles heißen.

    [Er.01_036,03] In der deutschen Sprache ist noch heutigestags ein gangbares Wort, aber freilich etwas veraltet, das von diesem abstammt, nämlich das Wort „Schock”, z.B. ein Schock Menschen oder ein Schock Garben. Man benannte ein gewisses Häuflein Menschen darum einen Schock, weil man darunter gewöhnlich einen Menschen vorhanden glaubte, der etwas mehr weiß als die anderen, der sonach sicher ein Schögler war und die Menge daher von ihm den Namen Schock hatte. Auch sah man die Menschen auf den Bergen gewöhnlich schockweise beisammen, was auf den Bergen ganz natürlich ist, da es nicht ratsam wäre, wenn so hie und da vereinzelte Menschen Arbeiten vornehmen, zu denen fürs erste eine einzelne Menschenkraft nicht hinreichen würde, und fürs zweite, wenn sie auch noch hinreichte, so könnte dem Arbeiter doch etwas zustoßen, wo er dann niemand zur Hilfeleistung um sich hätte. In dieser früheren Zeit aber dachten da die Talbewohner alsogleich, wenn sie so ein Schöckchen Menschen auf einem Berge erblickten und etwa zufälligerweise irgend ein Wölkchen über dem Berge, daß sich nun diese Menschen schon mit der Zauberei abgeben und auf jeden Fall ein Wetter zu machen anfangen. Auf diesem eurem Schöckel war dieses in früherer Zeit, wie noch jetzt, bis aufs Wettermachen, der Fall.

    [Er.01_036,04] Dieser Berg war bei weitem eher bewohnt als die Talgegenden, und sein urerster Name war „Freitauer”; als aber in späterer Zeit die Täler von verweichlichteren Menschen bewohnt wurden, da fingen bald die Talbewohner diese Bergler als Zauberer zu verdächtigen an, und der Name „Freitauer” hat sich bald in den Namen „Schöckel” oder „Zauberberg” umgewandelt, und es hat Zeiten gegeben, von denen kaum noch hundert Jahre her sind, wo dieser Berg noch so berüchtigt war, daß sich kein ehrlicher Christ wagte, seinen obersten Scheitel zu besteigen, weil jedermann, der einigen katholisch-christlichen Sinn hatte, vor der Schöckelhexe auf das eindringlichste gewarnt wurde. Man hat darum auch seine höchste Kuppe entwaldet, um dadurch der Schöckelhexe die Schlupfwinkel wegzunehmen, damit sie sich nicht verbergen könnte, wenn von allen Seiten mittelst geweihten Pulvers auf sie geschossen wurde. Das Wetterloch ist noch zu sehen; daß daraus aber nie ein Wetter kam und noch weniger je eine Hexe den Schöckel bewohnt hat, das braucht euch kaum näher gezeigt zu werden; daß aber in der früheren Zeit dieser Berg, wie auch noch jetzt, von sehr vielen sogenannten Berggeistern bewohnt war, mit denen die alten Bewohner dieses Berges nicht selten ganz natürlichen Umgang pflegten und darum auch um vieles weiser waren als die Talbewohner, das könnt ihr ganz unbezweifelt annehmen, sowie auch, daß dieser Berg einst ein Feuerspeier war und seine Wetterlöcher nichts als noch offengebliebene Krater sind.

    [Er.01_036,05] So aber wie der Schöckel haben noch eine Menge Berge von Steiermark ihre geheimnisvollen Namen, welche alle erörternd herzusetzen der Raum dieser Mitteilung nicht gestatten würde. So ist die „Raxalpe” eben ähnlichen Ursprungs; denn das Wort „Rax” ist gewisserart apostrophiert von „Racker”, der so gewisserart ein halber Teufel ist. – Das „Tote Weib” hat schon in dem Namen das tüchtigste Kennzeichen, was dieser Berg einst war, nämlich ein Boden voll Hexen, durch die einst ein Weib, welches von ihnen abgefangen wurde, sich aber ihrem Willen nicht fügen wollte, in einen Stein verwandelt ward. Mit dieser Verwandlung war sie natürlich auch tot.

    [Er.01_036,06] In der späteren Zeit hat man tiefer unten eine Eremitage eingerichtet, in welcher auch einmal ein Weib tot gefunden wurde, und wie sich noch mehrere dergleichen Sagen an diesen Berg knüpfen, welche aber natürlich ebensoviel Wahres an sich haben als die Lüge selbst; sondern der Grund der Verdächtigung und der üblen Benennung solcher Berge ist der gleiche, wie er schon im ganzen Verlaufe dieser beigefügten denkwürdigen Histörchen angegeben ist.

    [Er.01_036,07] So ist der „Hohe Schwab” ebenfalls gar überaus berühmt als ein Zauberberg. Sein Name rührt von einem Abkömmlinge oder Auswanderer Schwabenlands her, welcher als einer der berühmtesten Zauberer in dieser Gegend existierte und dort sein Unwesen trieb, bis ihm dann der nahe errichtete Wallfahrtsort, den ihr wohl kennet, ein Ende machte. So existiert auch ein „Teufelsstein”; diesen weiter zu erkären ist unnötig. Der „Predigerstuhl” ist gleichen Ursprungs; denn da soll einst der leibhaftige Satan den Hexenmeistern die Verhaltungsregeln vorgepredigt haben.

    [Er.01_036,08] So ist der „Grimming” auch in einem gleichen verdächtigen Ansehen. Besonders verdächtig aber war das ziemlich weit und breit gedehnte „Tragelgebirge”, welches die Grenze zwischen Salzburg, Oberösterreich und Steiermark bildet. Dieses Tragelgebirge war gewisserart die Hochschule für alle Zauberer und Hexenmeister von ganz Steiermark, Österreich und Salzburg; denn der Name ist noch heutigestags überaus verdächtig, und noch ist kein Bewohner etwa von Altaussee oder von der Ramsau leicht dazu zu bewegen – besonders wenn er mehr der sogenannten unteren Volksklasse angehört –, auf dieses kahle Gebirge zu gehen, außer Raubschützen, die freilich wohlweislichermaßen auf die Hexen nichts mehr halten, aber um desto mehr auf die fetten Gemsen, die auf diesem weitgedehnten Bergstocke so ganz eigentlich zu Hause sind.

    [Er.01_036,09] Wir brächten noch wenigstens ein paar hundert solcher Berge in Steiermark zusammen, wollen uns aber mit den bis jetzt angeführten begnügen und fürs nächste noch über ein paar Berge Kärntens, Tirols und auch einen aus der Schweiz in obiger histörchenartiger Hinsicht uns besprechend hermachen, welche Berge noch vor ungefähr hundertzwanzig Jahren eine ganz außerordentlich mystische Rolle gespielt haben.

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