LITERATUR

Auf den Spuren der Literatur, Teil 56

Hans Magnus Enzensberger ist einer der großen der noch lebenden deutschen Dichter hier im Lande. Er hat noch die Schrecken des letzten Weltkrieges in den Knochen und ist mit seinem Intellekt der gefürchtete Ankläger, vermittelnde Vermittler und abenteuerliche Springinsfeld in der deutschen Dichterlandschaft. Zeitweilig der APO zugeneigt, hat er aber immer wieder sich verändert, dazu gewonnen, kann man sagen und seine Meinung mutig abgegolten.

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Hans Magnus Enzensberger

 

Kleine Theodizee

 

Erst erfindet ihr ihn,

dann versucht ihr,

euch zu vertilgen,

wechselseitig,

in seinem Namen,

und dann taucht auch noch

so ein armer Pfarrersohn

aus Sachsen auf

und erklärt ihn für tot.

 

Wen wundert`s,

daß sein Interesse

an solchen Wichtigtuern

sich in Grenzen hält?

Jetzt seid ihr beleidigt,

nur weil Gott gähnt

und von euch absieht.

 

(Aus: „Die Geschichte der Wolken, 99 Meditationen“, Suhrkamp)

 

Interpretation

 

Hans Magnus Enzensberger ist einer der großen der noch lebenden deutschen Dichter hier im Lande. Er hat noch die Schrecken des letzten Weltkrieges in den Knochen und ist mit seinem Intellekt der gefürchtete Ankläger, vermittelnde Vermittler und abenteuerliche Springinsfeld in der deutschen Dichterlandschaft. Zeitweilig der APO zugeneigt, hat er aber immer wieder sich verändert, dazu gewonnen, kann man sagen und seine Meinung mutig abgegolten.

Allen interessanten Themen aufgeschlossen, vor allem, wie gesagt, in den sechziger Jahren aufmüpfig und oft gnadenlos gegen ewig Gestrige, den Anhängern des Zeitgeistes einer verbrecherischen Ideologie überhaupt nicht gewogen, mischt er sich auch heute, mitten in Deutschland, immer wieder ein. Recht so!

In Essays, aber vor allem in seiner Lyrik, die keinesfalls nur lyrisch ausfällt oder gar so gemeint ist, wird er oftmals philosophisch. Das fällt auch in dem hier gezeigten Gedicht auf.

In kurzen Strichen, skizzenhaft fast, lässt er die Klage oder Frage an Religion sich ergießen (oder abprallen), vielmehr sogar an Gott, den sich die Menschen erst erschaffen und dann abschaffen. Nietzsche ist hier mit dem armen Pfarrersohn gemeint.

Unglaublich gebildet, auf dem Parkett der Literatur wie zuhause und dem Verlag Suhrkamp zugetan, der sich im Moment in der Zukunftsdiskussion befindet, wird uns Hans Magnus Enzensberger hoffentlich noch lange überraschen. Er wurde 1929 in Kaufbeuren geboren, wuchs aber in Nürnberg auf und lebt heute in München-Schwabing.

Mich wundert es schon, dass er noch nicht den Literatur-Nobelpreis bekommen hat.

Hans Magnus Enzensberger gehört meines Erachtens auch zur Gruppe der größten deutschsprachigen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Klaus Grunenberg

Photo: birgitH, via pixelio.de

 

 

 

 

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