Vorstellung des ND-Altarchivs

Altes “Neues Deutschland” steht vollumfänglich im Netz

Das “Neue Deutschland” wurde 1946 mit sowjetischer Zeitungslizenz gegründet. Kluge Redakteure wollten journalistisch ein neues Deutschland befördern. Doch bald wurde das “Neue Deutschland” als “Zentralorgan” der SED zur reinen Propapandamaschine missbraucht. Mit dem Ende der DDR 1990 war auch damit Schluss. Fortan schwamm die Zeitung im kalten Wasser der Marktwirtschaft. Inzwischen schreibt es sich “neues deutschland”. Ab heute sind alle Altausgaben des “Neuen Deutschland” von 1946 bis 1990 im Netz zum Download verfügbar. Für Abonnenten kostenlos. Andere private Interessenten oder Institutionen bekommen gegen einen Obulus freien Zugriff auf das gesamte Archiv.

2013-01-14 10.26.24

Zeitungen in Deutschland haben es momentan nicht einfach. Selbst die einst so wichtige “Frankfurter Rundschau” musste einen Insolvenzantrag stellen. Laut Wikipedia war sie im “amerikanischen Sektor die erste Tageszeitung, der die Information Control Division eine Gruppenlizenz zusprach. Die Zeitung wurde am 1. August 1945 auf Veranlassung der US-amerikanischen Besatzungsmacht und durch die Überreichung der Zulassungsurkunden durch General Roger McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee, gegründet, um den freiheitlich-parlamentarischen Gedanken zu verbreiten.”

“Neues Deutschland”: 1946 mit sowjetischer Lizenz gegründet

Im Osten Deutschland, im sowjetischen Sektor, war es die sowjetische Militäradministratur, die 1946 eine Zeitungslizenz für ein Blatt namens “Neues Deutschland” erteilte. Ohne ein Lizenz der jeweiligen Besatzungsmächte konnte im Nachkriegsdeutschland keine Zeitung gegründet werden. Das dann meist nur kurz “ND” geheißene Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) ging durchaus hoffnungsvoll und mit guten Leuten und ebensolchen, ehrlich gemeinten Vorsätzen – für ein neues, friedliches Deutschland zu wirken – in den Druck. Doch schon bald erstickten Parteidisziplin und Einflußnahme des “großen sowjetischen Bruders” journalistische Ansprüche mehr und mehr. Kritische Geister mussten ihren Hut nehmen. Das “ND” verkam mehr und mehr zu einem Propaganda- und Verkündigungsblatt der SED. (Lesen Sie dazu auch einen älteren RE-Beitrag.)

Das Ende der DDR und der Sprung des “ND”  ins kalte Wasser der Marktwirtschaft

Dieses “Neue Deutschland” war 1990 mit dem Ende der DDR ebenfalls an ein Ende gekommen. Die Zeitung blieb aber im Gegensatz zur DDR erhalten. Trotz großer Schwierigkeiten und jede Menge Steine, die man dem Blatt in den Weg legte, ging man daran, dieses Blatt von Stund an als sozialistische Tageszeitung auf der Basis eines demokratischen Rechtsstaates quasi neu zu erfinden. Was auch einen Sprung ins kalte Wasser der Marktwirtschaft bedeutete. Inzwischen hat die Zeitung einen Relaunch hinter sich. Sie kommt mit einem frischen Layout als nun klein geschriebenes “neues deutschland” in die Briefkästen der Abonnenten und in die Auslagen von Zeitungskiosken. Längst ist das “nd” nicht nur als gute alte “Holzzeitung”, für Freunde der haptischen Wahrnehmung, sondern auch als e-paper für die Fans neuer elektronischer Medien zu bekommen. Abonnenten des “nd” können beides zu einem Preis nutzen.

Das Altarchiv des “ND” ist nun erreichbar

Nun tritt das “nd” wieder mit etwas Neuem auf dem Plan. Freilich ist das Neue, genauer betrachtet, das Alte. Jedoch in moderner Form: Das nd-Altarchiv ist via Internet erreich- und nutzbar. Wie die Leiterin der nd-Dokumentation, Angela Wichmann, in einem Beitrag für das “nd” am Sonnabend schrieb, habe man vor gut sechs Jahren damit begonnen, sich ernsthaft mit der Digitalisierung des historischen ND-Archivs zu beschäftigen. Vor allem ältere Ausgaben seien von der langen Zeit im Keller gezeichnet gewesen. “Der teils beklagenswerte Zustand war uns Anlass, im Interesse der eigenen Nutzung des Archivs, aber auch, weil wir an die Verantwortung glauben, diesen einzigartigen, historisch wertvollen Zeitungsbestand der Jahre 1946 bis 1990 für die Öffentlichkeit zu erhalten.”

Alle Ausgaben aus 43 Jahren des einstigen “Zentralorgans” im Netz

Dank der perfekten Zusammenarbeit des “nd” mit einer Bad Homburger Firma gelang die Bewahrung papiernen Geschichte der Zeitung ins Werk zu setzen. Angela Wichmann: “Mit innovativen Verfahren sind rund 150 000 Zeitungsseiten mit insgesamt knapp zwei Millionen Einzelartikeln gescannt und für die Texterkennung aufbereitet worden.” 43 Jahre des einstigen “Zentralorgans der SED” stehen nun im Netz zur Verfügung. Das hat viel Geld gekostet und brauchte Zeit. Eine weitere Firma half ein einfach zu nutzendes Internetportal zu entwickeln. Ab heute, informiert das “nd”, sind “vom ersten “Neuen Deutschland”, das am 23. April 1946 mit einem “Manifest an das deutsche Volk” erschien, bis zum letzten ND in der DDR alle Ausgaben nachzulesen. Am 2. Oktober 1990 formulierte der damalige Chefredakteur Rainer Oschmann in seinem Leitartikel übrigens ein paar Wünsche an die neue Zeit, zum Beispiel, dass es “allmorgendliche Pflichtübung für jedermann« werde: “Mindestens einmal Toleranz buchstabieren! In 40 DDR-Jahren haben wir vieles gelernt – Toleranz war nicht dabei.”

Wer braucht das alte “Neue Deutschland” heute noch?

Mancher mag nun gewiss fragen: Wer braucht die alten ND’s heute noch? Das einstige “Zentralorgan” der SED, das mit Kritikern der DDR nicht gerade sanft umsprang, die Zeitung als propagandistische Waffe gegen sie missbrauchte und dagegen die führenden SED-Genossen und deren Tun in riesigen Bleiwüsten über mehrere Seiten hinweg mit rosaroten Worten über den grünen Klee lobten? Nichts, sagt man zwar, ist so alt wie die Zeitung von gestern. Dennoch: Das ND-Altarchiv dürfte im geschichtlichen Kontext interessante Aspekte zu offenbaren imstande sein.  Und bei dem einen oder anderen vielleicht sogar Wissenlücken zu schliessen vermögen. Auch und gerade betreffs der Entwicklung der beiden deutschen Staaten von der Nachkriegszeit bis zur sogenannten Wiedervereinigung. Besonders ergiebig und interessant könnten womöglich die Anfangsjahrgänge des “Neuen Deutschland” bis zum Jahr 1949 sein. Denn damals war das “ND” noch nicht zur reinen Progagandamaschine der SED umgemodelt – besser ausgedrückt: verkommen. Aber auch in den Jahrgängen danach könnten wir auf Artikel stoßen, die uns hier und da die Augen öffnen für bestimmte Ereignisse und deren Hintergründe.

Schon damals : Gefährliche Situation im Nahen Osten - Westliche Propagandamanöver gegen Syrien

Ich habe mir einmal heute spontan das “ND” vom 8. Dezember 1956 herausgepickt. Dabei ist mir besonders die Meldung des ADN*-Korrespondenten aus Moskau ins Auge gefallen. Darin geht es um eine gefährliche Situation im Nahen Osten. Genauer gesagt Syrien betreffend. Flüchtig drübergelesen meint man direkt diese Meldung käme aus dem Heute:

“Der sowjetische Außenminister Schepilow erklärte auf einem Empfang in der finnischen Botschaft in Moskau, die Situation im Nahen Osten sei gegenwärtig die Hauptgefahr für den Frieden. Unter Hinweis auf die Truppenkonzentration einiger Länder an der syrischen Grenze und die Erklärungen westlicher Politiker gegen Syrien fügte er hinzu, große Propagandamanöver dienten bestimmten Kreisen oftmals als Vorläufer zu kriegerischen Aktionen. Die großaufgemachten Meldungen westlicher Presseorgane über sowjetische Waffenlieferungen an Syrien sollten nur dazu dienen, von den aggressiven Absichten dieser Kreise abzulenken.”

ND-Altarchiv als “zeitgeschichtliche Fundgrube”

Angela Wichmann erklärt warum und für wen das ND-Altarchiv von Interesse sein könnte: “Gründung der DDR oder Machtkampf in der SED, ob Prager Frühling oder Realismus-Debatte, ob Wohnungsbauprogramm oder Ernte-Schlagzeilen: das Archiv des historischen “Neuen Deutschland”  ist eine zeitgeschichtliche Fundgrube. ” Da liegt Angela Wichmann  sicher nicht falsch. Für Studenten, Autoren, Dozenten, Journalisten, Historiker, Politiker, Aktivisten, Freizeitforscher oder Archivare könnte das Archiv einer wahre Fundgrube sein. Zeitungsseiten und Artikel aus der Zeit von 1946 bis 1990 stehen als hoch aufgelöste PDF zum Download bereit.

Während die Nutzung des kompletten Altarchivs des “Neuen Deutschland” von 1946 bis 1990 für nd-Abonnenten (Print oder Online) kostenlos ist, muss, wer das “nd” nicht oder nur teilabonniert hat, 60 Euro im Jahr (ermäßigt 45 Euro) für den frein Zugriff berappen. Institutionen, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen will die Zeitung gegen Aufpreis einen Gruppenzugang ermöglichen. Fragen rund um das nd-Archiv, informiert “nd”, können telefonisch unter (030) 2978-1695/-1696 (Ansprechpartnerinnen sind Ellen Sternkopf und Angela Wichmann) gestellt werden, bzw. per e-mail über kontakt@nd-archiv.de und archiv@nd-online.de .

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern? Mag sein. Aber interessant ist es dennoch immer wieder in alten Sachen herumzustöbern. Gleich ob das  in alten Koffern der Großeltern auf dem Dachboden oder wie hier im Altarchiv des “nd” geschieht.

*ADN: Allgemeine Deutsche Nachrichtenagentur (Nachrichtenagentur der DDR)

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.

  1. Es wäre nützlich, würde im ND noch einmal kurz erläutert, wie auf das Altarchiv zurück gegriffen werden kann. Meine bisherigen Bemühungen (Abonnent) waren trotz Anmeldung vergeblich.
    Wolfgang Kopitzsch