KOMMENTAR

Heftiger Streit um eine Anti-Medien-Seite – wird die Piratenpartei niedergeschrieben?

Aktivisten lösen Streit mit einer Anti-Medien-Seite aus und bringen Hackerorganisation “Anonymous” damit in die Bredouille.

Bis zur Landtagswahl in Niedersachsen sind es nur noch wenige Tage. Spannend ist die Wahl auf alle Fälle. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob es doch noch für schwarz-gelb reicht oder aber rot-grün die Mehrheit bekommt. Und dann gibt es noch eine politische Newcomer-Partei, die erstmals in den Landtag einziehen will. Es handelt sich um die Piratenpartei, die derzeit laut jüngsten Umfragen knapp an der Fünf-Prozent-Hürde kratzt.

Ganz so komfortabel in den Meinungsumfragen wie die Vorgänger in Nordrhein-Westfalen, Saarland und Schleswig-Holstein steht die orangefarbene Partei mit dem Piratensegel allerdings nicht da. Die Umfragewerte gingen in den letzten Monaten zurück – sind die Medien mitverantwortlich? Netz-Aktivisten haben die wahren Schuldigen für die Situation ausgemacht – die Medien. Glaubt man der Internetseite www.dermedienhype.reads.it, sollen die Freibeuter angeblich gezielt niedergeschrieben werden. Ein heftiger Vorwurf, den die Seite da erhebt. Zum Beweis sammelte man zahlreiche Zitate aus Online-Presseberichten und stellte in einer Tabelle einen Kommentar gegenüber, was man von Wort und Journalist dazu hält.

Anonymous weist Beteiligung zurück

Die Seite kommt ohne schrille Überschriften aus, wie man sie von so manchem Boulevard-Blatt kennt und sorgt trotzdem für Krawall. Denn die Seitenbetreiber stellten die Seite anonym ins Netz. Das wäre nicht weiter schlimm, allerdings baute man in die Headline das Anonymous-Logo mit dem Fragezeichen auf dem Anzug ein. Dieses bekannte Markenzeichen ist jedoch den weltbekannten Hackern vorbehalten. Die Seitenbetreiber der Anti-Medien-Seite behaupten, dazu zu gehören. Anonymous Deutschland verneint dies und gab in einer Pressemitteilung zu verstehen, dass man diese Aktion nicht gutheißt.

Anonymous hat offenbar mit dem gleichen Problem zu kämpfen, wie die Piratenpartei – jeder kann erstmal mitmachen und seine eigene Position unter das bekannte Logo packen. Anonymous kennt keine Hierarchien. Immerhin wirbt das lose Hackerkollektiv selbst mit dem Spruch “Du bist Anonymous”. Das nahmen Aktivisten offenbar wörtlich und kaperten – ganz piratig – deren Logo. Nichts anderes machten die Niedersachsen-Piraten für ihre Wahlkampagne. Sie bedienten sich gleich bei einem Dutzend bekannter Firmenabzeichen, um klarzustellen, dass man bloß keinem Plakat vertrauen solle.

Ob allerdings hinter der Seite eine gut versteckte Werbekampagne der niedersächsischen Freibeuter steckt, darf bezweifelt werden. Die Betreiber stellen auf der Seite klar, dass sie zwar thematisch der Piratenpartei nahestehen, aber sonst mit denen nichts zu tun hätten. Vielmehr geht es den Aktivisten darum, der Öffentlichkeit aufzuzeigen, mit welchen Methoden die junge Partei angeblich niedergeschrieben wird.

Tatsächlich findet man überdurchschnittlich oft Auszüge, wonach die Piraten auch Ende 2012 noch als “Partei ohne Programm” oder “Ein-Thema-Partei” – Vorwürfe, die sich spätestens seit dem letzten Bundesparteitag Ende November in Bochum nicht mehr aufrechterhalten lassen.

Buchhonorar für Schramm wird hochgekocht

Neben einem chronologisch angelegten Sammelsurium von vermeintlich hetzerischen Medienartikeln ist auch der Knaus-Verlag ins Visier der Aktivisten gelangt. Der gehört zu RandomHouse, was wiederum ein Bestandteil der Bertelsmann AG ist. Der publizierte in vergangenen September das Buch “Klick mich – Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin”. Autorin ist Julia Schramm, bis vor ein paar Wochen war sie sogar Bundesvorstandsmitglied der Piratenpartei. Das Buch, Julia Schramm und schließlich auch die Piratenpartei gerieten wochenlang in die Schlagzeilen, weil man der jungen Freibeuterin einerseits einen früheren Ausspruch, geistiges Eigentum sei “ekelhaft” vorhielt, aber sie selbst auf kommerzielle Verwertung setze. Das Buch floppte, die Kritiken beschränkten sich auf die angeblich bigotte Haltung Schramms.

Das Buch war zuletzt kaum noch beachtet. Doch die Medienhype-Seiten-Aktivisten kochen das Thema noch einmal richtig hoch. Sie sind der Meinung, dem Knaus-Verlag sei es nur darum gegangen, die Piratenpartei zu beschädigen. In einem langen Text nehmen die Seitenbetreiber die außergewöhnlich hohe Buchvergütung für Julia Schramm Stück für Stück auseinander, dröseln Buchhonorar, Herstellungskosten und Mehrwertsteuer auf und kommen zu dem Schluss, dass der Verlag bei den niedrigen Erlösen schlicht böswillige Absichten verfolgt haben muss.

Und dann warten die von Anonymous losgelösten “Anonymous-Aktivisten” schließlich noch mit einem ganz besonderen Trumpf auf. Sie behaupten im Besitz einer E-Mail zu sein, laut der eine Redaktion tatsächlich die Anweisung gegeben haben soll, die Piratenpartei nicht zu “protegieren”, was soviel heißt wie “nicht zu fördern”. Das klingt zwar nicht so scharf, wie der Vorwurf, die Journaille würde die Freibeuter-Bewegung gezielt plattmachen, wäre aber trotzdem ein Skandal.

Durch die Enthüllungsseite feinden sich nun alle gegenseitig an. Die Medien hassen angeblich die Piraten, die Aktivisten hassen dafür die Medien und Anonymous sowie die Piraten feinden wiederum die Aktivisten an. Das klingt widersprüchlich, ist aber so. Nachdem der SPIEGEL irritiert einen Beitrag schrieb und sich vom Piraten-Bundesvorsitzenden Bernd Schlömer bestätigen ließ, dass man sich auch nicht “heruntergeschrieben” fühle, fügte Schlömer eilig hinzu: “Das sind irgendwelche Verrückte!”

Und schon sitzt der nächste in den Nesseln. Denn während der offizielle Twitter-Account der Piratenpartei die Aktivisten-Seite noch als “sehr interessant” anpries und auch Landesverbände eifrig einen Link zu der Seite twitterten, gab Schlömer eilig ein Statement für die Piratenpartei ab, vergaß dies aber als Eigenmeinung abzugrenzen. Die Aktivisten freuten sich hingegen, dass der SPIEGEL von ihrer Seite nun Kenntnis genommen habe und stellten auch zu dem Artikel eine kommentierte Tabelle online. Jetzt könnte man das ganze einfach bei diesem Stand auf sich beruhen lassen und Frieden schließen.

Domainservice seit Tagen komplett lahmgelegt

Doch das wäre zu einfach, schließlich befindet sich gefühlt die halbe Welt im Cyber-Krieg – irgendwelche Aktivisten, Anonymous, die Piratenpartei und fast alle großen Zeitungen Deutschlands. Und da irgendwie jeder gegen jeden kämpft, ist es einfacher zur nächsten Waffe zu greifen, als das Kriegsbeil beizulegen. Und genau das passierte. Diesmal auf Seite von Anonymous. Denen ist schließlich ein Dorn im Auge, dass die Aktivisten offiziell unter “Anonymous” firmieren.

Also bekämpft man Feuer mit Feuer. Plötzlich trat eine andere Gruppe namens m3du5a in Erscheinung, die sich auch Anonymous zugehörig fühlt, aber nicht offiziell dazu gehört. Diese hält also im Prinzip denselben Status wie jene Aktivisten um die Medienhype-Seite. Die Gegen-Aktivisten legten kurzerhand die Domain der Enthüllungsseite lahm, die beim Registrierdienst e7.to gehostet ist. Es handelt sich dabei um einen Domainservice. Die Ddos-Attacke schoss aber nicht nur die Aktivisten-Seite ab. Bis heute sind sämtliche Domains down, die bei e7.to gehostet sind. Damit werden unbeteiligte ahnungslose Webseiten-Betreiber, die sich am Monatsende über die einbrechenden Besucherzahlen womöglich sehr wundern werden, in den Krieg mit hinein gezogen. Im schlimmsten Fall könnte einige Online-Shops deswegen sogar pleite gehen.

Vielleicht zieht die Piratenpartei ja tatsächlich am Sonntag in den fünften Landtag ein. Es ist immerhin eine Aussicht, dass sich dann kurzfristig die Wogen glätten.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Zitat: “Es handelt sich um die Piratenpartei, die derzeit laut jüngsten Umfragen knapp an der Fünf-Prozent-Hürde kratzt.” Die Piraten kratzen in keiner Umfrage an den fünf Prozent. Außer man wertet die überall verzeichneten drei Prozent als Kratzen. Aber wen juckt das schon?