Bericht von einer Demonstration für den Erhalt der "Westfälischen Rundschau"

Mehr als tausend Menschen in Dortmund fanden: “Die WR muss bleiben!”

Der mächtige WAZ-Medienkonzern will mittels einer Hauruck-Aktion Redaktionen schließen. Etwa 300 feste und freie Journalisten sind davon betroffen. Am Sonnabend gingen sie zusammen mit Lesern, Abonennten und Freunden der Zeitung auf die Straße.

Der Demonstrationszug pro WR in der Dortmunder Innenstadt; Foto: privat

Der Demonstrationszug pro WR in der Dortmunder Innenstadt; Foto: privat

Am Sonnabend trafen sich in Dortmund Journalistinnen und Journalistinnen, Leserinnen und Leser  sowie Abonennten und Freunde der “Westfälischen Rundschau” (WR) zu einer Demontration vor dem Redaktionsgebäude der traditionsreichen Zeitung in der Innenstadt. Wie RE berichtete, will der Essener WAZ-Konzern, die Redaktionen der WR zerschlagen. Als Grund dafür wurde zu hohe Verluste genannt. Für Kritiker gilt diese Begründung für den “Sanierung” genannten Kahlschlag jedoch als vorgeschoben. Schließlich ist der WAZ-Konzern keinesfalls arm. Immerhin hatte dieser Millionen für den einstigen Geschäftsführer der in Essen ansässigen WAZ-Mediengruppe, Schröder-Intimus, Bodo Hombach, übrig. In einer Hauruck-Aktion gab die Verlagsführung am 15. Januar diesen Monats das Aus für die Redaktionen bekannt. Betroffen davon sind zirka 300 feste und freie Journalistinnen und Journalisten. Sie wurden von diesem Beschluss vollkommen überrascht. Niemand von ihnen wurde zuvor in einen Entscheidungsprozess einbezogen. Sondern eiskalt vor vollendete Tatsachen gestellt. Bereits Anfang Februar wird die WR nur noch eine Mogelpackung sein: Der überregionale Mantel wird von der WAZ übernommen. Die Lokalteile werden von Konkurrenzblättern [sic!] übernommen und in die WR hineingeflickt. In Dortmund soll es gar vom einzigen Konkurrenzblatt, den “Ruhr Nachrichten” zugeliefert werden. So wird  Meinungsvielfalt vorgekaukelt, die keine ist. Und die Zeitung verkommt zu einer Mogelpackung. Betrachtet man Dortmund, so wird es dort zwar weiter zwei Zeitungen, aber künftig nur noch eine Meinung geben. Es bleibt abzuwarten, ob sich WR-Leser und Abonennten derart für dumm verkaufen lassen werden.

Ein Slogan vereinte die Kundgebungsteilnehmer: “Die WR muss bleiben!”

Das bitterkalte Winterwetter hielt insgesamt etwa 1500 WR-Mitarbeiter, Abonennten, Leser und Freunde der Zeitung nicht davon ab, sich im wahrsten Sinne des Wortes hinter den Slogan “Die WR muss bleiben!” und “ihre” Zeitung zu stellen.  Ein treuer WR-Freund, hieß es, war dazu eigens aus Bayern nach Dortmund gereist. Man versammelte sich 11 Uhr vorm WR-Redaktionsgebäude am Brüderweg. Dort sprach NRW-DGB-Vorsitzender Andreas Meyer-Lauber solidarische Worte. Alle Redner brachten ihr Unverständnis gegenüber der schwerwiegenden Entscheidung der WAZ-Konzernzentrale. Ein Grußwort des aus Termingründen verhinderten Regierungspräsidenten Gerd Bollermann (SPD) wurde von einem Vertreter verlesen. Dann setzte sich ein langer Demonstrationszug durch die Dortmunder Innenstadt in Bewegung. Unterwegs stoppte dieser einige Male, um die Passanten über die Situation der Dortmunder WR zu informieren. In Höhe der Reinoldikirche wandte sich die Dortmunder Bundestagsabgeordnete der LINKE, Ulla Jelpke, an die Versammlungsteilnehmer. Jelpke, die selbst journalistisch tätig war und gelegentlich (für die “junge Welt”) noch ist, erinnerte daran, wie wichtig Pressefreiheit und Meinungsvielfalt in einer Demokratie seien. Jelpke, obwohl politisch viel weiter links verortet als die SPD-nahe WR, setzte sich vehement für den Erhalt dieser Dortmunder Zeitung ein. Das Eintreten für Meinungsvielfalt, so Jelpke, sei unabdingbar in einer Demokratie. Die ihr am Megaphon nachfolgende Bundestagskollegin der SPD, Ulla Burchardt, berichtete von der Enttäuschung und der Wut, die die Mitglieder der SPD-Bundestagsfraktion in Berlin  erfasste, als man von der fatalen WAZ-Konzern-Entscheidung Kenntnis erhielt. Burchardt kündigte an, ihr Abo der “Westfälischen Rundschau” Anfang Februar beenden zu wollen und empfahl das auch anderen Abonennten. Schließlich zog der Demonstrationszug weiter durch das Dortmunder Zentrum, zum Alter Markt.

Auch ein Ex-Chefredakteur zeigte sich solidarisch

Rasch bevölkerten die Demonstranten den Alter Markt. Darunter auch der Bundestagsabgeordnete der SPD, Dieter Wiefelspütz, die Dortmunder DGB-Chefin Jutta Reiter und deren Vorgänger im Amt, Eberhard Weber, sowie der 2004 aus der WR-Redaktion ausgeschiedene Chefredakteur Frank Bünte. Bünte hatte diese Woche in einem WDR-Fernsehinterview sein tiefste Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die WAZ-Bosse gleich mit dem Buschmesser durch die WR gehen wollten, statt nach vernünftigen, verträglicheren Mitteln, beispielsweise dem Skalpell zu greifen.

Kritik und Sprechblasen

Auf der LKW-Bühne am Alter Markt wurde u.a. auch Kritik an der allgemeinen Tatenlosigkeit der Politik geübt. Viel zu lange, beklagte ein WR-Redakteur, habe man dem schon einige Zeit währendem gewissenlosen Treiben und einiger Vertreter in der Zeitungsverlagsbranche zugeschaut. NRW-Medienministerin Dr. Angelica Schwall-Düren übte ebenfalls Kritik am teilweisen verantwortungslosen Geschehen im Zeitungssegment. Sie lud alle Interessenten ein, mit ihr ins Gespräch gekommen, um gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Der Kritik an der Politik konnte die Ministerin aber anscheinend kaum den Wind aus den Segeln nehmen. Das konnte man den Gesichtern von Kundgebungsteilnehmern förmlich ablesen. Wie alle anderen Redner erhielt auch Ministerin Schwall-Düren aus den Händen des Redakteurs ein WR-Schlüsselband als Anerkennung für ihr solidarisches Eintreten für die bedrohte Redaktion. Daneben jedoch auch ein WR-Seifenblasenröhrchen, zum herstellen von Sprechblasen.

Ein kämpferischer NRW-Arbeitsminister: Eine Zeitung ist kein Blumenkohl

Ihr Kollege, der in Dortmund wohnende Arbeitsminister Guntram Schneider, warf sich kämpferisch ins Zeug für “seine” WR. Schneider erinnerte an die Vergabe der WR-Lizenz durch die britische Besatzungsmacht. Der Minister erinnerte an die Zerstörung der Pressefreiheit im nationalsozialistischen Deutschland. Und die damit untergegangene Meinungsvielfalt. Er plädierte ausdrücklich für private Zeitungsverleger, erinnerte sie aber auch an deren Verantwortung für die Garantie eines Qualitätsjournalismus und die Stärkung der Meinungsvielfalt. Auch in Schneiders Statement kam der WAZ-Konzern verdiente Watschen. Es könne nicht sein, so der NRW-Arbeitsminister, dass Zeitungen zu einer reinen Ware verkämen. Als Beispiel nannte er den Blumenkohl, der nebenan auf dem Wochenmarkt gegen dessen Ende gleich billiger werde. Ebenso spielte er auf die Gefahren an, die letztlich auch für unsere Demokratie entstünden, wenn Pressefreiheit als Recht von ein paar reichen Leuten verstanden würde, ihre Meinung zu verbreiten. Der Minister spielte damit auf folgenden Satz an: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“ (der deutsche Publizist Paul Sethe in einem Spiegel-Leserbrief 1965.)

Verunsicherung: WR-Anzeigengeschäft bricht weg

Die “Westfälische Rundschau” muss bleiben! Dieser Meinung waren am Sonnabend in Dortmund etwa 1500 Menschen. Sie gingen dafür bei knackigen Wintertemperaturen auf die Straße. Sie forderten “jeden Bürger und jede Bürgerin auf, sich dem Protest gegen den Kahlschlag bei der WR anzuschließen und die Beschäftigten zu unterstützen, um gegen den geplanten Einheitsbrei auf dem Zeitungsmarkt zu demonstrieren!” Nicht zuletzt vertraten sie unser aller Recht auf Meinungsvielfalt. Und damit auch unsere Demokratie. Schon jetzt, war auf der Demo zu erfahren, seien der WR Anzeigen weggebrochen. Der Betriebsrat spricht von Verlusten in Euro-Millionenhöhe. Verständlich: Wer will schon Anzeigen in einer Zeitung schalten, die künftig ohne Redakteure sein wird. Und womöglich auch weniger Leser. Hat sich die WAZ-Mediengruppe mit dem “Sanierung” genannten Kahlschlagvielleicht sogar  selbst ein Ei gelegt? Oder ist das alles schon mit eingerechnet? Was kommt als Nächstes? Zeitungsmitarbeiter, Leser und treue Abonennten sind verängstigt und verunsichert. Einige ballen bereits die Faust nicht mehr nur in der Hosentasche. Das Widerwärtigste aber für einen Zeitungsverlag ist – betonten heute eigentlich alle Rednerinnen und Redner unisono – dass den WR-Mitarbeitern Berichte über ihre eigene Lage verboten wurden. Ein Bericht ist sogar vom Verlag entfernt und durch einen anderen ersetzt worden. Das ist Zensur! Wäre dergleichen in China passiert, das Geschrei hierzulande wäre groß gewesen. Ein kritischer Bericht über die Situation ist jedoch diese Woche dank eines pfiffigen WR-Mitarbeiters durchgekommen. Die Zensoren aus der Verlagschefetage haben ihn wohl einfach übersehen. Das fragwürdige, offenbar nur noch auf Rendite ausgerichtete Gebaren der WAZ-Mediengruppe rief einmal mehr Protest hervor. Auf einem Plakat war dann auch Folgendes zu lesen: “Die WAZ-Axt schlägt wieder zu! Westfälische Rundschau: Zeitung ohne Redaktionen?” Eine der Kernfragen. Auf eine Antwort aus dem Essener WAZ-Konzern wartet man bislang vergebens.

Weitere Informationen finden Sie hier , hier und hier.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Das passieret wenn man schlecht über gute Kunden schreibt. Die Anzeigen werden weniger und plötzlich sind alle arbeitslos.

    Vielleicht stellt Herr Bärenfänger die Leute ja jetzt ein.