Theater

Bloß eine Hausfrauenvorstellung vom Glück

„Fun“, sagt Adorno, „fun, meine lieben Kinder, gebt fein acht, fun ist ein Stahlbad“. Michael Jackson aka Ulli Lommel bleibt dafür das beste Beispiel. Die Kulturindustrie hat seine Leiche an die Volksbühne verschachert und da muss sie sich abends aus dem Sarg nun heben lassen – um mit anderen Leichen der Kulturindustrie in einer Geisterbahn niedlich auf makaber zu machen.

Immer ist Freitagabend und die Kapelle spielt auch immer Walk On The Wild Side und da ist immer auch Nico und singt Walk On The Wild Side. Das Lied hat man bestimmt nicht richtig verstanden: damals, als Ulli Lommel Amerika entdeckte und alle noch jung waren, die jetzt tot sind. Zu denken gibt einem das „Fucking Liberty!“, eine mitunter didaktisch aufgezogene Mickey-Mouse trifft Erich von Stroheim bei Truman Capote-Collage des amerikanischen Alptraums und seines schönen Scheins. – Oder umgekehrt: des amerikanischen Traums und seiner schwarzer Ränder.

Lommel, Jahrgang 1944, bilanziert in seinem Theaterdebüt die eigene Biografie, inklusive rüstiger Mutter, kalifornischer Ansichten, Frank Sinatra – und schwarzweißer Amateurfilmeinspielungen direkt aus der Kindheit. O-Ton: „Das war ich“. Ja, er spielt mit, zumindest befindet sich Lommel auf der Bühne. Er sagt da dies und das betont beiläufig.

Ulli Lommel begegnete Elvis Presley mit vierzehn in Bad Nauheim und begeisterte den Star mit deutschen Versionen von Welterfolgen. Jahre später traf Lommel Warhol in New York und nahm den Weltberühmten mit seinen Filmen ein. Diese Koinzidenzen erzählen von Glück. Ferner bringt „Fucking Liberty!“ Supermann mit Haushaltshandschuhen, dem Eddie vom FBI und JFK zusammen – das alles in 3-D und mit Irm Hermann und Peter Berling in heiteren Hologrammen.

Am Anfang heißt es: „Amerika begann mit einem Irrtum“, wenn auch nur mit einem kartografischen. Lommel kramt sich durch bis zum Florentiner Amerigo Vespucci und dem Martin Waldseemüller aus Wolfenweiler im Breisgau. Am Ende scheint die Sonne aus dem Arsch von Kalifornien und alles ist eher gut. In der Zwischenzeit wird man prima unterhalten mit Hits vergangener Tage und ebenso begabten wie dekorativen Wiedergängerinnen von Andy Warhol – bis Ingeborg Bachmann, die immer nur schlafen will. – Vielleicht in Anspielung an Chandlers „Tiefer Schlaf“. Das Stück strotzt vor Anspielungen, eigentlich entsteht es nur in An- und Einspielungen – und in historisch kostümierten Tanzeinlagen. Lommel, der vor Fassbinder schon ein bekannter Schauspieler war, könnte in „Fucking Liberty!“ seine persönliche Favoriten-Liste abgearbeitet haben, das würde den gewürfelten Ikonen-Aufmarsch am besten erklären.

Kathrin Angerer zeigt sich als Marilyn „Moskau“ Monroe vom Leben überfahren und unter Verdacht, ein KGB-Flittchen zu sein. Sophie Rois spielt die Bachmann als rauchende Montonistin. Die Schriftstellerin ist im Zustand der Rois kaum noch in der Lage, die Hand zu heben, so angekränkelt von des Gedankens Blässe. Immerhin weiß sie Folgendes: „Die Gegenwart existiert sowieso nicht“. Gleich von der Zukunft gehts von vornherein ab in die Vergangenheit, zitiert nach B. T. Overdrive. Alles andere entspräche „bloß einer Hausfrauenvorstellung vom Glück“. Bei so viel privatem Leichtsinn sieht eine Aktivistin bloß das Grauen der Vereinzelung im Kapitalismus. Jeanette Spassova ist, so kaltschnäuzig unter ihrem Pudel wie eine echte Black Panther, unbedingt Angela Davis.

Bernhard Schütz darf auch einmal als Monroe auftreten: im Disput mit einer himmlisch aristo-kratzbürstigen Jackie „KO“ Kennedy-Onassis. Ansonsten vergeht er sich bloß als Deutscher in britischer Generalsuniform (auch das ist amerikanische Geschichte) an George Washington (einschließlich Wasserfolter, man gönnt sich ja sonst nichts) und zieht als Gangster mit dem singenden Namen Big Boy Caprice gegen Tanzathletinnen bis zur Atemlosigkeit den Kürzeren. Ach so, die Callas kommt auch vor und stirbt elegisch in Strapsen.

„Fucking Liberty!“  23., 31.1., 6., 9., 2., 19.30 Uhr , Volksbühne

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