Frankreichs Einsatz in Mali muss mit absoluter Vorsicht genossen werden. Dass Frankreich sich nun als Retter Malis produziert, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie. Frankreich, das nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist. Angefangen mit der kolonialen Geschichte inkl. künstlicher Grenzziehung in Afrika unter der etliche afrikanische Staaten noch heute Leiden, insbesondere der Norden Malis, wo das Siedlungsgebiet der Tuareg plötzlich verschiedenen Staaten zugeteilt wurde – auch wenn viele es nicht mehr hören können, nach dem Motto: “Hör mir auf mit diesen alten Kamellen”, bleibt es doch Fakt. Bis hin zur Unterstützung von Diktatoren wie Mobutu Sese Seko im damaligen Zaire.
Es gibt so viele weitere Beispiele dafür, dass (auch) Frankreich Afrika bis zum heutigen Tag bei seiner Suche nach Frieden und Stabilität einen Bärendienst nach dem anderen erwiesen hat. Dass Frankreich nun interveniert, um dem malischen Volk angesichts der islamistischen Bedrohung ‘beizustehen’, darf getrost ins Reich der Märchen verbannt werden. Vielmehr ist es wohl so, dass Frankreich den Geist, den es selber mit aus der Flasche gelassen hat (sprich ‘die Extremisten’) nun wieder einfangen muss, bevor es gänzlich zu spät ist und das Horrorszenario eines ‘failed state’ in der Mitte Afrikas Realität wird.
Die Lesart des Konflikts in den hiesigen Medien ist in diesem Zusammenhang an Trivialität kaum zu überbieten.
La Grande Nation schwingt sich auf zum Retter der hilf- und machtlosen malischen Bevölkerung und der inkompetenten dortigen Regierung. Das ist wesentlich zu kurz gegriffen. Denn wie leider viel zu oft, wird nicht nach den Hintergründen und Zusammenhängen des Konflikts gefragt. Wer sind die Strippenzieher? Warum wird in diesem Zusammenhang so gut wie nie erwähnt, dass Saudi-Arabien und Katar seit Jahren den äußerst strengen wahabitischen Islam im Norden Afrikas finanziell und materiell fördern? In Staaten wie Mali verfängt die zugrundeliegende Strategie allerdings nicht, da in Mali seit Jahrhunderten ein toleranter Islam gelebt wird, bei dem wegen Diebstahls keine Hände abhehackt und Frauen bei Ehebruch nicht gesteinigt werden. Die Menschen in Mali wollen die Fanatiker nicht, weil sie mit ihnen nichts gemeinsam haben. Mali, dass im Mittetalter mit der Sankoré Universität in Timbuktu die größte der damaligen Welt sein eigen nannte und wo einst Bücher einer der größten Exportschlager waren…
Ja, und auch die heutigen Handabhacker im Norden Malis wären wohl ohne massive Unterstützung aus Katar nicht überlebensfähig – so ist es zumindest in etlichen Artikeln namhafter Quellen nachzulesen (einfach googlen dann stößt man drauf). So, und jetzt muss man den Kreis einfach schließen und sich die Frage stellen warum Frankreich als enger Freund sowohl Saudi-Arabiens als auch Katars, offensichtlich keinen Druck auf beide ausübt damit diese ihre Finanzierung der islamistischen Fremdkörper im Norden Afrikas unterlassen. Stattdessen schickt man nun eigene Truppen ins Land, um die überkochende Bouillabaisse abkühlen zu lassen. Fast unnötig zu erwähnen, dass anstatt Katar und Saudi-Arabien zurückzupfeifen vielmehr mit beiden Staaten neue Rüstungsgeschäfte anstehen – Deutschland ist natürlich wieder mit von der Partie. Frankreich steht in Verhandlungen mit wem? Mit Katar… um seinen Rafale-Kampfjet den bisher kaum jemand haben will zu verscherbeln – genug Werbung macht es ja seit dem vom eigenen Land angeführten NATO-Einsatz in Libyen und aktuell in Mali. Bei Deutschland geht es (diesmal) um den Spürpanzer des Typs ‘Dingo 2′ an dem Saudi-Arabien Interesse zeigt. Deutschland, dass jetzt erstmal zwei Transall-Transportmaschinen zur Unterstützung der Franzosen nach Mali geschickt hat – und dabei soll es nicht bleiben, denn die Islamisten müssen ja gestoppt werden. Der Irrsinn kennt kein Ende und erst recht keine Moral, er folgt seiner eigenen perfiden Logik.
Damit keinerlei Missverständnisse auftreten, Frankreich muss nun intervenieren, alles andere würde in die Katastrophe führen, doch trotzdem ist es wohl so, dass Mali hier nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat. Frankreichs Intervention ist so, als würde sich der Brandhelfer als Feuerwehr aufspielen. Noch nie hat sich Frankreich in der Region für die Belange der jeweiligen Bevölkerung interessiert, sondern stets nur eigene Macht- und vor allem Ressourcenpolitik betrieben. Der Einsatz findet statt, weil die Destabilisierung auch durch extern finanzierte Extremisten nun einen Höhepunkt erreicht hat, der abzusehen war, für den sich aber niemand interessiert hat. Natürlich spielen darüber hinaus ein gerüttelt Maß an Eitelkeit (Stichwort Franceafrique), sowie natürlich Rohstoffe und in diesem speziellen Fall die zukünftige Energieversorgung Europas eine entscheidene Rolle. Dass die nun von Frankreich unterstützte malische ‘Regierung’ ebenfalls versagt ist eine traurige Tatsache. Man muss sich allerdings auch die Frage stellen, wer dort eigentlich gegen die demokratisch legitimierte Regierung geputscht hat, ausgerechnet einen Monat bevor sowieso Wahlen stattgefunden hätten…
Apropos Destabilisierung… Schon im Falle Libyens war klar, dass wenn es der von Frankreich geführten NATO-Mission gelingen sollte Gadaffi zu stürzen, würde dies die gesamte Region erschüttern.
Et Voilá… Etliche der Kämpfer im Norden Malis stammen wohl auch aus Libyen oder sind über das Land nach Mali eingesickert – ein Großteil der Waffen sowieso. Lybien, das noch vor kurzer Zeit zu den wohlhabensten Staaten der Region und ganz Afrikas zählte. Was ist aus dem Land geworden? Das Land ist unendlich weit von ruhigen Verhältnissen und, ach ja, Demokratie entfernt, noch immer wird hier und dort gekämpft und ein ehemaliger Al Qaida Mann war sogar Stadthalter von Tripolis – legitimiert durch die USA und Frankreich. Aber egal, dass lybische Öl ist wieder unter westlicher Kontrolle. Sowieso, immer wieder Al Qaida. Dieses Phantom das immer dann auftaucht, wenn es gilt eine komplexe Sachlage auf ein bekanntes Feindbild zu reduzieren und eine Intervention irgendwo auf der Welt zu rechtfertigen. Wann hat sich schonmal irgendeiner dieser bösen bärtigen Turbanträger sei es in Mali, Algerien, Irak oder sonst wo jemals als Mitlgied einer Organisation mit dem Namen ‘Al Qaida’ geoutet? Und selbst wenn, warum wird auch nie darauf verwiesen, dass es ohne zutun von Staaten wie den USA und deren Geheimdiensten diese offenbar stets exzellent ausgerüstete und finanzierte religiös fanatische Gruppierung gar nicht gäbe?
Schon vor Jahrzehnten wurden religös-fanatische Gruppierungen gezielt aufgerüstet und logistisch aufgepäppelt, um bspw. gegen die Sowjets in Afghanistan zu kämpfen. Damals waren es freilich Freiheitskämpfer – die sog. Mudschaheddin. Blöd nur, dass aus diesen dann später auch Cliquen wie u.a. die Taliban, diverse weitere Gruppierungen und eben das ominöse Schreckgespenst Al Qaida mit dem ultimativen Terrorfürsten Osama bin Laden an der Spitze entstanden sind (bin Laden, der ja bekanntlich einst an der Seite der Amerikaner in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfte und einer der wohlhabendsten saudi-arabischen Familien entsprang). Aber egal, denn nach wie vor leisten diese ausgeflippten Rambos bestimmten Staaten hervorragende Dienste, siehe eben Libyen, aber aktuell auch Syrien, wo radikal islamische Kämpfer gezielt ins Land geschleust werden/wurden, um beim Sturz des jeweiligen Machthabers mitzuhelfen und je länger der Konflikt in Syrien dauert, desto mehr dieser Schweinereien kommen ans Tageslicht mit zum Teil bestialischen Berichten und Bildern.
Dass es irgendjemandem dabei um Demokratie oder Menschenrechte geht, glaubt hoffentlich sowieso keiner mehr, aber worum geht es dann?
Es geht immer um geopolitisches Kalkül – sprich Rohstoffe. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle ob du Diktator oder fürsorglicher Demokrat bist, denn mal bist du Freund mal bist du Feind, je nach machtpolitischer Gemengelage. In Afrika sowieso, davon kann Frankreich ein Liedchen singen. Zum ‘bösen Tyrannen’ wirst du erst, wenn du dich den Interessen in den Weg stellst. Erst dann wirst du zum verrückten Despoten der “sein eigenes Volk bombadiert”. Sollte jetzt auch Syrien fallen, gilt für die Region das gleiche wie jetzt in Nordafrika – Chaos, in das dann heldenhaft ein Staat wie die Grande Nation als ‘Retter’ eingreifen muss – gefeirt und flankiert von den Medien von links bis rechts.
Dass Frankreich nun in Mali ganz cool durchgreift und man überall in den Zeitungen und im Internet Fotos von glänzenden Kampfjets und tätowierten Soldaten sieht die alle für einen ersten Preis bei einem mittelmäßigen Fotowettbewerb taugen würden, darf dabei getrost als Propaganda betrachtet werden. Was soll der Quatsch denn sonst?
Wie gesagt, die Intervention ist nötig und Frankreich hilft dabei ein Symptom zu bekämpfen – wobei es allerdings selbst Teil der Krankheit ist.
Vieles in Ihrem Artikel kann ich unterschreiben: Die postkolonialen Rohstoffwünsche, das ungelöste, aber von Frankreich verursachte Tuareg-Problem und die Nähe Frankreichs zu den Hauptverursachern der islamistischen Bewegung Saudi Arabien und Katar.
Wie sie aber nach dieser Analyse zu diesem Satz kommen: “Wie gesagt, die Intervention ist nötig und Frankreich hilft dabei ein Symptom zu bekämpfen” erschließt sich mir absolut nicht. Es wird so kommen wird in Afghanistan, wo unter dem Vorwand von Problemlösungen der Westen nichts anderes lösen wollte als seinen Rohstoffhunger und die Lage natürlich verschlimmerte statt sie zu bessern.
http://www.readers-edition.de/2013/01/15/der-ali-in-mali-schnell-mal-krieg-machen/
… Vielleicht erschließt sich der Satz nicht weil er noch weiter geht: ” – wobei es allerdings selbst Teil der Krankheit ist.” Das Bild von Symptom und Krankheit soll darauf verweisen, dass alles was dort zur Zeit passiert nicht zum Wohle Malis ist und war. Die ‘Islamisten’ mussten jetzt zunächst einmal gestoppt werden, auch wenn die Entwicklung hin zu dieser Situation maßgeblich von Frankreich mitverschuldet wurde. Um diese absurde Situation geht es in dem Satz. Fördere eine Situation die dein Eingreifen nötig macht und lass dich dafür feiern. Danach hast du freie Hand. So in etwa stelle ich mir das vor. Mag sein, dass ich mit meiner Analyse nicht ganz richtig liege – macht aber nix denn, “Ich weiß, dass ich nichts weiß”.