KUNST

Das Malschwein im Karton – Einar Schleef wird gesichtet

„Er reagierte auf alles unmittelbar“. In dieser Beobachtung von Susan Todd lief auch alles zusammen, was ein Abend zu Ehren von Einar Schleef (1944 – 2001) in der Berliner Galerie Parterre an Einsichten aufzubieten hatte. Folglich war alles Fülle. „Leute, die glaubten, vertraute Zugänge zu haben, wurden (nach seinem Tod) überrascht“.

Vom reichen Erbe berichtete der Kunsthistoriker Michael Freitag. Über sechstausend Zeichnungen gehören dazu. Die meisten Sachen sind nie ausgestellt worden. Der Schriftsteller, Maler, Fotograf, Regisseur und Schauspieler Schleef schuf viel, das in Kartons verschwand. Nun muss „der Nachlass erst einmal in sich selbst erforscht werden“. So sagte es Freitag in der sehr belebten Galerie im Prenzlauer Berg.

Einar Schleef ist ein Säulenheiliger der Brasch-Generation. Einerseits Heiner Müller, andererseits Einar Schleef: so buchstabiert sich der Osten auf dem Theater, im Westen war eine Weile auch Fassbinder – der gern mit Schleef kollaboriert hätte. Allein Schleef konnte den Wert des Angebots nicht ermessen – das jedoch später einsehen. Das war die schönste Geschichte des Abends, wie einer im Interview Schleefs Weigerung, mit Fassbinder zu arbeiten, mit monumentaler künstlerischer Konsequenz sich erklärte, während Schleef, so uneitel wie Polen, einfach zugab, zu blöd gewesen zu sein, um eine Chance zu erkennen. „Die Piefigkeit meiner Kindheit hat sich in mir knallkopfmäßig erhalten“.

Der Nachlass hielt sich verborgen auch in der Absichtslosigkeit des Autors. Schleef brachte Kunst hervor wie andere bloß atmen, das sieht man unmöglich in einem ständigen Verwertungszusammenhang. „Die besten Arbeiten habe ich ohne Auftrag gemacht“.

In seiner Frankfurter Zeit fing Schleef an zu fotografieren, affiziert von neonationalsozialistischer Lyrik und Prosa an den Ecken und Kanten der Untergrundbahnschächte. Schließlich fotografierte er noch mehr, so dass es jetzt 8500 Fotos und Kontaktabzüge zu archivieren gibt.

Ursprünglich wollte Schleef an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Maler so werden, wie es sich gehörte vor multimedial. Doch schon in Weißensee nannte man ihn deshalb „Malschwein“, weil er jedes Ding mit einem schnellen Strich auffasste. Erzählende Prosa verstand Schleef als Erinnerungsarbeit für sein anhaltisches Geburtskaff Sangerhausen und Mutter Gertrud. Die Mutter zeichnete er noch auf dem Totenbett. „Hat sich hingelegt und war tot“. Den Stadtplan von Sangerhausen zeichnete Schleef auf Spanplatten. „Am liebsten würde ich jeden Meter von Sangerhausen fotografieren. – Die Kapelle, in der Thomas Müntzer gepredigt hat, haben sie natürlich abgerissen“.

Die Anstrengung von Begriffen über ihre konkreten Bedeutungen hinaus, lehnte Schleef ab. Er malte das Personal der DDR direkt aus den Ansichten am Fenster in der (Galerie nahen) Dunckerstraße. Er wurde relegiert und wieder zugelassen und er malte Hintergründe für „Mosaik“-Comics. In den 1970iger Jahren blieb Schleef bei Gelegenheit im Westen. Von 1985 bis 1990 führte er Regie am Schauspiel Frankfurt. Er wohnte in Ffm-Bornheim und nahm die U-Bahn zum Dienst. So wurde Schleef Fotograf. Den Opernbrand (im Schauspielhaus) 1987 hielt er zuerst für einen Jux. Er machte dann im Bockenheimer Depot mit Stegen weiter, die er wie über den Main verlegte. Schleef-Experte Wolfgang Behrens meinte in seinem Vortrag, Schleef sei „über Frankfurt wie ein Naturereignis“ gekommen – „mit lauter grundsätzlichen Arbeiten“.

1993 kehrte Schleef ans Berliner Ensemble zurück, wo er Hochhuths „Wessis in Weimar“ zur Aufführung brachte. In der Galerie wurde ein Film erstmals gezeigt, der Schleef von Hochhuth belustigt zeigt. Man sieht ihn auch vor dem Schillertheater kurz vor Schließung des Hauses. Rigoros probt er auf der Freitreppe mit geradezu erfrorenen Schauspielern. Damals lebte Schleef an der Nußbaumallee.

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