KINO

Die Irren Europas

Das Amerika des 19. Jahrhunderts war ein Spielplatz der Anti-Psychiatrie. Die Irren Europas fluteten den Kontinent mit ihren Ideen. Sie fanden sich grandios und nannten sich Gentleman, obwohl es im großen Plan nie vorgesehen war, dem Bodensatz der Menschheit Gelegenheiten zur Nobilitierung aus schierer Selbstbegnadigung zu gewähren. In Amerika brach das Kartenhaus der Legitimation zusammen, während im Trubel der Selbstermächtigungen Identitäten Karussell fuhren.

n diesem Treibhaus der sozialen Evolution nistet Quentin Tarantinos „Django Unchained“. Das ist eine Donnerbüchse der Pandora und außerdem eine Versammlung der schönsten Sonnenuntergänge, Schusswechsel, Sklavinnen und schwülen Stimmungen des Südens. Jeder Superszene des Genres hat Tarantino eine Kuppel aufgesetzt, der Film quietscht vor Zitaten. Zur Sprache kommt von Siegfried bis Shaft alles Mögliche aus Nibelungen und anderen Pride-Produktionen. Das kann man nicht unbedingt alles ernst nehmen.

Egal, darum geht es nicht. Die Anspielungen sind mitunter klasse, so wenn ein Sklavenhalter als Big Daddy so ungestüm herrscht und stirbt wie einst Big Daddy Pollitt, the richest cotton planter in the Mississippi Delta, in Tennessee Williams´ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“. – Wenn sie den Italo-Western parodieren oder adeln, je nachdem. Bekanntlich ist Ironie Feigheit, aber vielleicht dann doch nicht bei Tarantino … der dem Django-Erfinder Sergio Corbucci mannigfaltig seine Referenz erweist. – Und Old Django Franco Nero kurz auftreten lässt. Ausgerechnet ihm erklärt der Mann in seinen Fußstapfen die Stimmlosigkeit des D in seinem Namen. Tarantino legt auch Johnny Cash auf, „Ain’t no grave“. Fast zum Schluss spielt der Regisseur als DJ Richie Havens´ „Freedom“ ein, vermutlich freut das den Dechiffrierer am heimischen Herd.

„Django Unchained“ erzählt von einem schwarzen Mann, dem irgendwo in Texas von dem dämlichen Deutschen King Schultz eine Chance zur Freiheit eröffnet wird. Gut gelaunt und ebenso bewaffnet sucht Django  (Jamie Foxx) die herrlich ausgestatteten Brutstätten menschlicher Niedertracht in der Gestalt von Plantagen heim. Am Ende hat er alle umgelegt, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Er taugt insofern auch zum Germanen-Sigi, als dass der Motor seines Engagements die Liebe zur Gattin Broomhilda von Shaft – in dieser Schreibweise von Brunhilde – ist.

Christoph Waltz soll ein großartiger Schauspieler sein, vor mir aus. Jedenfalls macht er in „Django Unchained“ einen auf elaborierten Kopfgeldjäger, mit einer Vergangenheit und Tarnung als Zahnarzt. Als Dr. King Schultz, in diesem Namen steckt von Martin Luther King bis Carl Schurz jede Menge Geschichte, und in der Figur auf jeden Fall Doc Holliday, geht er allen auf die Nerven. Man wundert sich wohl, wieso der so lange am Leben bleibt. Saures gibt es für ihn erst von Monster-Sir, manche sagen Monsieur Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), einem frankophilen Großgrundbesitzer und Kampfneger-Züchter down in Mississippi. Er lebt auf Candyland wie in einer anachronistischen Disneyworld. Candie – eine Fratze des Südens – eiert schon so gewaltig in der Dekadenz, dass ihn „die Überlegenheit der weißen Rasse“ langweilt – deshalb kommt ihm Django mit seiner Dreistigkeit gerade gelegen. King & Kong aka Doc & Django geben sich als Sklavenhändler auf der Suche nach Gladiatoren aus. So verschleiern sie die im Prinzip doch humane Absicht, Djangos Gattin aus Candies Klauen zu befreien.

SELBSTVERSTÄNDLICHE SKLAVEREI

Eine amerikanische Frage lautet: Was wäre geschehen, wenn nicht die Industrialisierung das 19. Jahrhundert bestimmt hätte? – Folglich der Norden von Landwirtschaft so abhängig geblieben wäre wie der Süden. Viele Einwanderer kamen auf der Flucht vor den elenden Auswirkungen der Industrialisierung Europas nach Amerika. Dabei hielt man etwa Iren kaum für Weiße. Sie konkurrierten mit den freien Schwarzen um Jobs. Ihre katholische Armut machte sie selbst schwarz. Es gab in Amerika regelrechte Unfreiheit mit sämtlichen Merkmalen der Leibeigenschaft für „Weiße“, Kinderhandel inklusive, in einer Welt, die Sklaverei in Jahrtausenden so selbstverständlich fand wie deutlich kürzer den Kirchgang am Sonntag. Nun eitelt Quentin Tarantinos Liebeserklärung an den Italowestern in der Zeit, als der Süden noch mit schwereren Gewichten auf die Begriffe von Macht und Moral einwirkte als bald nach seiner Niederlage. Der Sezessionskrieg steht dem Land erst bevor, aber seine Debatten haben die Gemüter schon erhitzt. Ein Fin de siècle kurz nach Halbzeit des Jahrhunderts: so vulkanisch und zugleich erschöpft erscheint der Süden als Sklavenhalter-Gesellschaft. So sehr im Recht wirkt alles, was hier den Untergang beschleunigt. – Und doch, die amerikanische Premiere von „Django Unchained“ sollte kurz vor Weihnachten 2012 in Los Angeles groß aufgezogen werden. Dann floss an der Sandy Hook Elementary School zu viel echtes Blut – und man versenkte das Ereignis. Offensichtlich traute man dem Film nicht zu, sich glasklar ausweisen zu können mit der Feststellung: Hier spritzt Blut alldieweil in die richtige Richtung. Der Regisseur verglich die Sklaverei vorsichtshalber mit dem Holocaust, ein Zuschauer parkte tiefer ein: „It is funny how the the majority of whites do not want to face the truth of the real history of America. Your wealth was not given by hard work and justice. It was given by evil and robbing other cultures“.

AN EINEM NARRATIVEN RANDALIERER

Tarantino interessiert sich offensichtlich nicht für Entwicklungen, zumindest bildet sich sein Django ganz frei von jeder Entwicklung ab. Man lässt ihn von der Kette, gibt ihm eine Knarre und fertig ist der Killer. Das passt schon, „Django Unchained“ funktioniert als Comic.

Kerry Washington kommt als Broomhilda von Shaft very sexy vor. Das ist ihr Job in lauter Kostümfilmeinstellungen. Broomhilda steht am Ende der Suche nach Brundhilde, Gewalt, Mut, Liebe und Hoffnung haben zu ihr geführt, nun gibt es nur noch Gewalt.

An einem narrativen Rand zeigt „Django Unchained“ Wirkungen des Selbsthasses der Versklavten. Ein brutal hinterlistiger Onkel Tom (Samuel Jackson) ahnt die wahren Wünsche der vorgeblichen Sklavenhändler. Sein Sadismus erreicht die Margen seines Masters Candie. Das scheint so übel, dass man dem Verwalter mehr vorwerfen möchte als seinem Eigentümer. An seinem Beispiel exekutiert Tarantino die einzige Charakterdarstellung.

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