KOMMENTAR

Annette Schavan – Rücktritt in kleinen Raten

Die Hüterin der Bildung, des Glaubens und des Gewissens, hatte einst eine Doktorarbeit geschrieben. Zu gern würde man sich mit ihrem Text “Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit u. Erfordernissen heutiger Gewissensbildung” auseinandersetzen. Doch seitdem der Plagiatsvorwurf unterwegs ist – 94 von 325 Seiten ihrer Dissertation enthielten Textstellen ohne Quellenangaben obwohl es Quellen gab – lässt die Frau Bildungsministerin niemanden an ihre Arbeit ran.

Seit acht Monaten zieht sich das Schavan-Verfahren nun hin. (Foto: AndreasSchepers/flickr)

Seit acht Monaten zieht sich das Schavan-Verfahren nun hin. (Foto: AndreasSchepers/flickr)

Sie verbot der Universität Düsseldorf Informationen zur Plagiats-Untersuchung an die Öffentlichkeit zu geben. Das, so Frau Dr. Annette Schavan, sei sie sich “und der Wissenschaft schuldig.” Frau Schavan schuldet der Öffentlichkeit viel: Ihr Studium an der Universität wurde aus Steuermitteln finanziert, sie lebte seit dem Ende dieses Studiums als Leiterin des katholischen Bildungswerkes Cusanus mal von Kirchensteuern, oder von gewöhnlichen Steuern als Bildungsministerin in Land und Bund: Immer wurde sie öffentlich alimentiert.

Ansonsten scheut die Dame eher das Licht der Öffentlichkeit.“Nach bestem Wissen und Gewissen”, so Annette Schavan, habe sie ihre Doktorarbeit geschrieben. Und von Gewissen sollte das Mitglied des Deutschen Bundestages und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken etwas verstehen. Als Abgeordnete ist sie, glaubt man dem Grundgesetz, nur ihrem Gewissen unterworfen. Aber hat sie ein Gewissen und wann holt sie es raus, Sonntags?

Als Katholikin unterliegt sie der Beichte, vor der Beichte liegt die Gewissensprüfung, erst dann kann vergeben werden. Aber wer soll ihr vergeben, wenn sie uns nicht prüfen lässt? – Nicht vergeben wollte die damalige württembergische Bildungsministerin Schavan dem Lehrer Michael Csaszkóczys. Der Mann war zwar bei Eltern und Schülern beliebt, auch seine Kollegen hatten an ihm nichts auszusetzen, aber Schavans Ministerium sah in ihm einen gefährlichen Radikalen, der – weil er gegen Nazis demonstrierte – nicht die Gewähr biete, “jederzeit voll für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzutreten.” Also wurde er erstmal nicht eingestellt. Als der Baden-Württembergische Verfassungs-Schutz im Jahr 2004 sein Dossier gegen den Lehrer zusammenschmierte, um die Grundlage für dessen Berufsverbot zu klittern, da durfte die NSU-Nazi-Bande noch unerkannt durch die Gegend morden.

Die Akte des Lehrers ist allerdings bis heute nicht geschreddert. So etwas wie ein Gewissen müsste zumindest zu einer Entschuldigung führen. Bei Schavan: Fehlanzeige.Die kleine Annette ist im Schatten des Neusser Quirinus-Münster aufgewachsen. Dort, wo der Konrad-Adenauer-Ring den alten Stadtkern fest umrundet. In dieser Stadt am Rhein, die bis heute von der bigott-katholischen Millionärs-Familie Wehrhahn beherrscht wird. Jahr für Jahr im Sommer marschieren dort Tausende Schützen durch die Altstadt. Mit klingendem Spiel, klimpernden Orden und kräftigen Bierfahnen prägen sie bis heute die Atmosphäre in einem Ort, der zu gern Großstadt wäre und doch immer Provinz bleibt: Geduckt, gerne groß und immer kleinlich. Wer wird darin nicht die Wurzeln der schäbigen Schadenfreude erkennen, die im hämischen Lächeln der Schavan aufblitzte, als sie und die Kanzlerin auf der Ausstellung “Cebit” die Nachricht vom Rücktritt des Plagiators Guttenberg erfuhren. Neuss meets Trebbin, zwei vorgebliche Groß-Politikerinnen zeigten ihr Gesicht. Gewissen? Gerade in der Reinigung. Inzwischen hatten sich die objektiven Wissenschaftsapparate zur Diskussion über die Doktorarbeit der Wissenschaftsministerin gemeldet: Frau Schavan sei irgendwie unschuldig, quasi, fast ganz, beinahe. Objektive Wissenschaften, das sind jene Maschinen, die sowohl die Klimakatastrophe analysieren, wie sie auch die technischen Voraussetzungen dafür herstellen können.

Im Fall von Frau Schavan war es die “Allianz der deutschen Wissenschaften”, deren Mitglieder – Humboldt Stiftung, Fraunhofer Gesellschaft oder die Hochschulrektorenkonferenz zum Beispiel – zu den wissenschaftlichen Schwergewichten gehören, die sich zur Verteidigung der Ministerin gemeldet haben. Zwar haben auch sie die Doktorarbeit nicht gelesen, stehen aber alle auf der Zuwendungsliste des Ministeriums. Soweit zur Objektivität. Seit acht Monaten zieht sich das Schavan-Verfahren nun hin. Offenkundig hat die Universität Düsseldorf jetzt ein “ergebnisoffenes” Verfahren zum Entzug des Doktortitels eingeleitet. Einen Tipp zur weiteren Entwicklung sollte man Frau Schavan mit auf den Weg geben: Die Kanzlerin hat mehrfach betont, dass sie hinter ihrer Bildungsministerin stünde. Das ist genau jene Position von der aus man gut zurückgetreten werden kann. Ganz sicher wird Frau Merkel diesen Schritt im Einklang mit ihrem Gewissen gehen.

Kommentare

Dieser Artikel hat 4 Kommentare.

  1. Schavan ist mir wie alle Politiker zuwider. Das BlaBla der vom Gotteswahn befallenen Politiker ist eine Zumutung, die ich nur mit folgender Weisheit ertragen kann:

    “Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt, was man weiß, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach nur lächelt.”
    (unbekannt)

    Schöne Grüsse aus der Freidenker Galerie
    Love and Peace
    Rainer Ostenorf
    http://www.freidenker-galerie.de
    Zitate, Bilder, Sprüche, Weisheiten

  2. Diese Frau Schavan ist schon lange überfällig sie sollte ihren unrechtmäßigen Dr.-Hut nehmen und in die Tonne klopfen.

    Für mich als Souverän ist es unerträglich das es in unserem Land Politiker gibt die Vorbilder sein sollten, sich die Macht durch Betrug ergaunert haben.
    Ich bin dafür dass alle Politiker sich einer Prüfung unterwerfen wie kompetent sie für ihr Amt sind oder anders ausgedrückt wie rein die Weste des Abgeordneten ist.

    Auch Merkel sollte nun endlich ihre Dr.Arbeit und Stasiakten der Öffentlichkeit Preis geben.
    Vertrauen ist Gut Kontrolle ist besser.

    Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen welches Gewissen?
    Dieser nachfolgende Artikel des GG gefällt mir überhaupt nicht der sollte überarbeitet werden.

    • Die Immunität
    Bundestagsabgeordnete dürfen wegen einer Straftat erst nach Zustimmung des Bundestages verfolgt werden (Ausnahme: frische Tat). Bis dahin sind sie vor Verfolgung nach Art. 46 Abs. 2-4 GG geschützt und genießen Immunität

  3. Frau Schavan sollte sich endlich aus ihrem Amt verabschieden.
    Ihr ist auch die glorreiche Idee zu verdanken, die Gasthörer an den Universitäten zur Kasse zu bitten. Bildung für alle war damals schon ein Fremdwort für sie und irgendwie freut es mich diebisch, dass sie nun aufgeflogen ist.
    Wie schon ein Vorschreiber bemerkte, solche Vorbilder braucht kein Land.