Telemedizin

Altersgerechte Assistenzsysteme: Länger selbstbestimmt wohnen

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wurden in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an Forschungsprojekten zum Thema häuslicher Unterstützung unter dem Schlagwort Ambient Assisted Living (AAL) gestartet. Auf dem 6. AAL-Kongress, der gemeinsam vom BMBF und dem VDE in Berlin ausgerichtet wurde, standen unter anderem Themen wie vernetzte Hausautomatisierung, die Potenziale der digitalen Infrastruktur in ländlichen Räumen, telemedizinische Assistenz in der Rehabilitation und erste Erfahrungen von sensorbasierten Sicherheitssystemen in der Notfallerkennung auf dem Programm.

In einem Gemeinschaftsprojekt des Oldenburger Instituts für Informatik (OFFIS)  mit der Universität Oldenburg und der Universität Bremen stellte Frerk Müller vom OFFIS anlässlich des Kongresses das Projekt „Länger selbstbestimmtes Wohnen“ ((LsW) vor. Seinen Ausführungen zufolge integriert dieses aktuelle Szenarien häuslicher Unterstützung durch bereits auf dem Markt etablierte Systeme in der realen häuslichen Umgebung.

„Die notwendigen Anforderungen, die Auswahl der Szenarien und die Evaluation laufen in engster Abstimmung mit den Bewohnern, in deren Wohnungen die Technologien auch über das Ende des Projekts verbleiben werden“, erklärte Müller. Im Fokus der Untersuchungen hinsichtlich des Nutzens solcher Systeme lag insbesondere die Untersuchung von mobilen Geräten als Mensch-Maschine-Schnittstelle, die Nachrüstbarkeit von Heimautomatisierungskomponenten in Bestandswohnungen, die Anbindung der mobilen Geräte an die Hausautomatisierung, sowie die Vernetzung verschiedener Wohneinheiten untereinander.

In der Provinz ist Breitband angesagt

Über die Potenziale der digitalen Infrastruktur und von AAL-Lösungen in ländlichen Regionen referierte Annette Spellerberg vom Lehrgebiet Stadtsoziologie der TU Kaiserslautern. In ihrem Beitrag zeigte sie unterschiedliche Strategien auf, wie lokale Akteure den Zugang zu einem schnelleren Internet erlangen können. „In ländlichen Gegenden ist Breitband besonders wichtig, weil von einem weiteren Bevölkerungsrückgang auszugehen ist und die Nahversorgung schwieriger wird“, unterstrich die Expertin.

So wird für ländliche Regionen ein weiterer Bevölkerungsverlust von 15 Prozent vorhergesagt. Die Neuorganisation vieler Lebensbereiche und Versorgungsstrukturen ergibt sich notwendigerweise aus den damit verbundenen Tragfähigkeitsproblemen. Die Projekte, in denen die Referentin mitgearbeitet hat, sind eigenen Angaben zufolge dem Ziel, intuitiv bedienbare und für den Alltag nützliche AAL-Techniken zu entwickeln, ein großes Stück näher gekommen. Spellerberg empfahl, die Zielgruppe in den Entwicklungsprozess einzubinden und in deren Alltag das AAL-System unter realen Bedingungen zu erproben.

Telemedizinische Herausforderungen in der akuten und nachsorgenden Rehabilitation

Auch die medizinische Rehabilitation verlangt nach innovativen telemedizinischen Konzepten. So beantragen immer mehr Menschen in Deutschland eine medizinische Rehabilitation. Zwar steht ihnen hierfür ein ausgezeichnetes Rehabilitationsnetz zur Verfügung, allerdings ist die Regeldauer medizinischer Reha-Leistungen auf drei Wochen begrenzt, wodurch oftmals notwendigen Reha-Ziele nicht oder nur teilweise erreicht werden können.

Am Heinz Nixdorf-Lehrstuhl für Medizinische Elektrotechnik der Technischen Universität München wurde in Zusammenarbeit mit der DRV Bayern-Süd Klinik Höhenried das telemedizinische Assistenzsystem COMES® eingesetzt, welches sowohl dem behandelnden Arzt als auch dem Patienten die Möglichkeit eröffnet, die während des Reha-Aufenthaltes angelernten Lebensstiländerungen, wie beispielsweise die Zunahme der Bewegung, aufrecht zu erhalten und zu erweitern. Durch von COMES® automatisch generierten Nachrichten werden die Probanden über ihren Fortschritt zusätzlich informiert. Im Anschluss an den Reha-Aufenthalt verwenden die Rehabilitanden das COMES® System zuhause weiter.

Erste Erfahrungen mit intelligenten Notfallsystemen

In einem Gemeinschaftsprojekt der Karlsruher Vitracom AG, der Reutlinger Bruderhaus Diakonie Stiftung, des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung sowie der Heidelberger Sikom Software GmbH wurde auf dem AAL-Kongress das sensorbasierte Sicherheitssystem „safe@home“ vorgestellt, welches eine automatische Erkennung von Notsituationen in der alltäglichen häuslichen Umgebung ermöglicht und ohne explizite Bedienung des Benutzers autonom Alarmierungsmaßnahmen einleiten kann. Die Entwicklung wurde im Rahmen des Projekts „sens@home“ vom BMBF gefördert.

Angaben der Entwickler zufolge wurde „safe@home“ auf der Basis von preiswerten optischen und akustischen Sensoren entwickelt. Dies verfügen über den Vorteil, dass sie typische Notfälle innerhalb weniger Sekunden automatisch erkennen, keinerlei Berührung oder Interaktion mit dem Nutzer erfordern und darüber hinaus ohne Umbaumaßnahmen preiswert in jede Art von Wohnraum integrierbar sind. Die Akzeptanz der Systeme sowohl bei den Probanden als auch beim Betreuungspersonal bezeichneten die am Projekt beteiligten Entwickler als sehr gut.

 

 

 

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