Ende der Meinungsvielfalt in Dortmund

Trauerzug für die von der “WAZ-Axt” redaktionell enthauptete “Westfälische Rundschau”

Kaum zwei Wochen brauchte der mächtige und reiche WAZ-Konzern, um aus der “Westfälischen Rundschau” eine “Zeitung ohne Redaktionen” zu machen. Ein einmaliger Vorgang in der bundesrepublikanischen Pressegeschichte. Die Trauer ist groß. Über 300 Journalisten verlieren Lohn und Brot. Am Samstag wurde die WR zu Grabe getragen. Von nun an gilt in Dortmund: Zwei Zeitungen, aber nur noch eine Meinung. Mit den den Redaktionen der WR starb nicht nur die Meinungsvielfalt, sondern auch ein Stück Demokratie.

Trauermarsch für die "Westfälische Rundschau"; Foto: privat

Trauermarsch für die "Westfälische Rundschau"; Foto: privat

Es ging rubbeldiekatz und ohne Rücksicht auf  die Verluste der Betroffenen zu nehmen. Kaum mehr als zwei Wochen haben die auf Rendite verpflichteten Manager des mächtigen und reichen WAZ-Medienkonzerns benötigt, um die rund 300 festen und freien Mitarbeiter der traditionsreichen “Westfälischen Rundschau” (WR) und mit ihnen zugleich eine 67-jährige Tradition abzuwickeln.

Im Jahre 1946 hatte die britische Besatzungsmacht eine Zeitungslizenz an die Antifaschisten und  SPD-Politiker Fritz Henßler, Paul Sattler und Heinrich Sträter vergeben. Laut Redaktionstatus ist die WR der sozialen Demokratie verpflichtet. Die jetzigen Eigner und Manager des WAZ-Medienkonzerns sind einzig auf hohe Rendite verpflichtet. Man kann ihnen aus urkapitalistischer Sicht  (Gier) betreffs der von ihnen ins Werk gesetzten WR-Redaktionsschließungen nicht einmal einen Vorwurf machen. Höchstens vielleicht die Frage in den Raum stellen, ob eine Zeitung in die Hände solcher Verleger gehört. Schließlich, dass sagte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider auf einer Solidaritätskundgebung für die WR, ist eine Zeitung kein Blumenkohl, der zum Ende des Wochenmarktes stets billiger werde (RE berichtete). Verleger eines journalistischen Medium genießen vom Grundgesetz (Art. 5 Grundgesetz (Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit des Verlegers) Tendenzschutz. Ob die Väter und Mütter des Grundgesetz allerdings solche Verleger wie die des WAZ-Konzerns darunter verstanden haben, darf man bezweifeln. Und manch Kritiker fragt: Ist der Tendenzschutz nicht besser abzuschaffen, wenn dadurch geldgierige Manager profitieren, auch wenn sie eine Zeitung zu einer Ware wie Wurst oder Knöpfe machen?

“Redaktionsschluss”

Letzte Woche kam also kaltherzig das Aus für gleich mehrere Redaktionen der “Westfälischen Rundschau”. Seitdem hat der Begriff “Redaktionschluss” in den Ohren der betroffenen Redakteure und freien Mitarbeiter – aber auch für die Leserinnen und Leser der WR – eine ganz andere, schmerzliche, Bedeutung bekommen. Am Sonnabend gegen elf Uhr trafen sich vor dem Redaktionshaus der WR am Dortmunder Brüderweg mehrere hundert Menschen – Redakteure, Leser und Freunde der Zeitung – zu einem Trauermarsch für das sozusagen ihres Hauptes, nämlich der Redaktion, amputierten Blattes. Seit dem 2. Februar erscheint zwar weiterhin die “Westfälische Rundschau” mit einem in Essen verfertigten Mantel, jedoch ohne die bisherigen Lokalseiten für Dortmund und andere umliegende Städte. Ein bislang einmaliger Vorgang in der bundesrepublikanischen Pressegeschichte. Die Lokalseiten werden nun von anderen Blättern beigetragen. In der 500.000-Einwohnerstadt Dortmund ausgerechnet vom einzigen Konkurrenten, den als “schwarzes” Blatt geltenden “Ruhr Nachrichten”! Abonennten und Leser der WR müssen sich nun veralbert vorkommen. Der Dortmunder Kabarettist bringt es auf einen Punkt: “Ab Februar beginnt jeder Tag mit einer Lüge. Einer Lüge, 100.00-fach gedruckt. Morgens am Frühstückstisch musst du dafür die Zeitung gar nicht erst aufschlagen. Du musst sie nur zur Hand nehmen. ‘Westfälische Rundschau’ wird da stehen, oben auf der ersten Seite. Aber dann kommt Irgendwas. Zusammengekauft, zusammengeklaubt und zusammengekloppt.” Etliche Abonennten sollen bereits gekündigt haben. Wer wollte es ihnen angesichts dieser dreisten Verschaukelung verübeln?

WR-Betriebrat Uwe Tonscheidt: „Danke, dass ihr mit uns seid.“

Sichtlich gerührt, aber auch wütend, geißelte WR-Betriebsrat Uwe Tonscheidt in seiner gestrigen Trauerrede vorm WR-Redaktionsgebäude das vorgehen des WAZ-Konzerns. Er bedankte sich für die große Solidarität: „Danke, dass ihr mit uns seid.“ Nicht einmal der Betriebsrat sei vorher in die Abwicklungspläne einbezogen worden, kritisiert Tonscheidt empört. Am Donnerstag war ihm zufolge “Redaktionschluss” im traurig-wahren Wortsinne für die WR-Journalisten. Es sei zack, zack, zack gegangen, berichtet der WR-Betriebsrat. Sogar die Schlösser der Redaktionsstuben seien stehenden Fusses ausgetauscht worden. „Ich kann es kaum glauben“, zeigte sich Tonscheidt betroffen und fassungslos. Demütigend sei das gewesen. Überdies habe sich der WAZ-Konzern ausschließlich für eine Lösung mit der Axt entschieden. Eine Variante, die nichts kostet. Herzlos, habe man sogar an die Gründung einer Transfergesellschaft für die entsorgten Mitarbeiter erst gar nicht gedacht, oder sei bereit darüber zu verhandeln. „Dass so etwas in so kurzer Zeit möglich ist” sagte Tonscheidt mit Blick auf die Kürze des Abwicklungsvorgangs, “lässt mich an der sozialen Demokratie zweifeln.“

Kranzaufschrift: “Zu früh gestorben”

2013-02-02 11.22.53Hatte soeben noch der Himmel über Dortmund geweint, wie ein weiterer Redner nach einem zuende gegangenen Regenschauer sagte, war nun gewiss auch manch vor die Tür gesetztem Journalisten selbst danach, Tränen zu vergießen. Der Musiker Tim Grube spielte “Il Silenzio” auf der Trompete. Schwarze Luftballons wurden aufgelassen. Am Vestibül des Rundschauhauses legten Herren in Schwarz mit Zylinder ein Kranz mit der Aufschrift “Zu früh gestorben” auf den Kranzschleifen nieder. Eine Trauerminute wird eingelegt. Danach setzte sich der Trauermarsch in Bewegung. Er stoppte mehrmals im Zentrum, um die Passanten über dessen Zweck zu informieren. Gerade hatte es Zwölf geschlagen (wenn das nicht wie die berühmte Faust aufs Auge passte!), da erreichte die unterwegs noch Zulauf bekommen habende Trauergemeinde den Petrikirchof. Der Petrikirche gegenüber haben die Lambert-Lensing-Wolffschen “Ruhr Nachrichten”, der bisherige Konkurrent der WR, ihren Sitz. Dem WAZ-Konzern hat es das Blatt nun zu verdanken, dass es von nun an die Meinungshoheit in Dortmund hat. Meinungsvielfalt adé! Jutta Reiter, die Vorsitzende des DGB Dortmund-Hellweg, beklagte an Ort und Stelle den Verlust der Medienvielfalt und betonte, den unterschiedlichen medialen Blickwinkel künftig vermissen zu müssen. Einflüsse und Interessen des Marktes bewirkten gewissermaßen eine mediale Verarmung, bzw. gar Gleichschaltung. Das sei nicht gut.

Riesenwut

Die Abschlusskundgebung an diesen nicht nur für Dortmund traurigen Tag fand auf dem Alten Markt statt. Auch dort wurde harte Kritik am renditegetriebenen Vorgehen der WAZ-Gruppe geübt.

Kajo Döhring, Hauptgeschäftsführer DJV, machte seiner Wut, ja seinern “Riesenwut” über das WAZ-Management Luft. Es schlüge, so Döhring, dem Fass den Boden aus, dass man den entlassenen WR-Mitarbeitern nun auch noch jede Hilfe, etwa über eine Transfergesellschaft, verweigere. Er betonte ausdrücklich: Der WAZ-Konzern befände sich keineswegs in einer Notlage. Man verdiene Millionen. Beklagt wurde ebenfalls das zunehmende Fehlen von Verlegern mit Zeitungsbewußtsein. Sie seien offenbar Leuten gewichen, die eine Zeitung wie ein Werk für “Schrauben oder Knöppe” behandelten.

“Pseudozeitung”

Der Kabarettist und Schriftsteller Fritz Eckenga machte sich in Bezug auf die morgendliche Lektüre der “neuen” WR folgende seine ganz eigenen Gedanken: „Das Ding stinkt doch jetzt schon, und morgen wird eh der Fisch drin eingewickelt.” Fritz Eckenga bezeichnete die “neue” WR als “Pseudozeitung” und stellte die Vermutung an, dass es sogar tote Fische gebe, die sich weigern würden, darin eingewickelt zu werden.

Wertedebatte führen!

Franz-Josef Drabig, Unterbezirksvorsitzender der Dortmunder SPD, beklagte hinsichtlich der Verlegerschaft “ein früheres Entgegenkommen”. Das räche sich wohl jetzt. Drabig: Wenn der Tendenzschutz als Verleger-Privileg derartig missbraucht würde, wie im Falle der WR, dann gehöre er weg. Wütend donnernte der SPD-Mann: Er kündige sein WR-Abo. Die WAZ-Bosse, so Drabig weiter, sollten sich schämen und ihre Stühle freimachen. Hart ging Drabig mit seinem SPD-Mitgenossen Bodo Hombach, dem einstigen Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, ins Gericht, für welchen der Konzern bei dessen Ausscheiden eine Million Euro Abfindung übrig hatte. Franz-Josef Drabig nannte das meinscheinfeindliche Vorgehen des WAZ-Konzerns “einen Anschlag auf die Demokratie”. Wacht die SPD auf? Für Drabig zumindest, findet ein neben mir stehender, sich als langjähriger Leser der WR bekennender älterer Kundgebungsteilnehmer, scheint das zu gelten. Denn der Mann sagt: Es würde Zeit in diesem Land endlich mal wieder eine “Wertedebatte” zu führen.

Zwei Zeitungen – eine Meinung

2013-02-02 13.09.47Zwischendurch trat Jutta Reiter (DGB) mit zwei Lokalausgaben an den Rand der LKW-Rednerplattform und zeigte die Samstag-Ausgaben der Lokalseiten Hagen der WR und der “Ruhr Nachrichten” (RN). Empörung in der Menge auf dem Alter Markt: Beide Seiten sind Fotos und Texte betreffend vollkommen identisch. Zwei Zeitungen. Aber nur eine Meinung. Einzig die verwendete Druckfarbe ist unterschiedlich: In der WR rot, in der RN blau. Einhellige Meinung: Eine unglaubliche Frechheit!

“Wir lassen uns nicht zu Grabe tragen!” – Solidarität der Opelaner

Aus den von Schließung bedrohten Opel-Werken Bochum war Betriebsrat Murat Yaman nach Dortmund gekommen, um den entlassenen WR-Mitarbeitern solidarisch beizustehen. Yaman schilderte noch einmal wie unwürdig der General Motors-Manager mit ihnen umgesprungen war. Nach dreizehn Minuten Rede sei dieser durch die Hintertür abgehauen. Beschützt von 50 bis 60 Sicherheitsleuten! Was müssen die, so Yaman, für eine Angst vor den Arbeitern haben! Nicht einmal das Opel-Jubiliäum habe man sie feiern lassen. Die Feier jedoch werde man im März – im Stadtgebiet von Bochum – nachholen. Yaman: “Wir lassen uns nicht zu Grabe tragen!” Dieser Satz müsse auch für die WR gelten. Den Journalisten werde man stets solidarisch zur Seite stehen.

“Vorbildliche und kritische” journalistische Arbeit

Daniela Schneckenburger, MdL Bündnis 90/Die Grünen erinnerte in ihrer kurzen Rede an die bisher immer “vorbildliche und kritische” journalistische Arbeit der WR. Als nur ein Beispiel nannte Schneckenburger die Aufdeckung des Envio-Skandals durch die Zeitung.

Hochnotpeinlich!

Eindringlich auch die Worte von Ulrich Janßen von der Deutschen Journalisten Union (DJU) in der Gewerkschaft ver.di, der das Verhalten der WAZ-Bosse “peinlich, ja hochnotpeinlich findet”: “Mein Appell, meine Bitte, meine Forderung an die WAZ-Führung: Lassen Sie die Leute nicht hängen, die Angestellten nicht und die Freien nicht. Erzählen Sie uns nicht, dass Sie sich das nicht leisten können. Millionen und Abermillionen wollen Sie allein aus der Schließung der Redaktion der Westfälischen Rundschau Jahr für Jahr ziehen. Sie können sich das leisten!” (hier: die ganze Rede)

Mogelpackung

Ohne Rücksicht auf Verluste hat es die WAZ-Gruppe gewagt, die “Westfälische Rundschau” redaktionell zu enthaupten. Die traditionsreiche Zeitung mutierte so zu einer Mogelpackung. Eine Karikatur von M. Hüter macht das überdeutlich. Auf ihr zu sehen ist links ein Guilliotine deren Fallbeil heruntergesaust ist. Auf dem davor stehenden Papierkorb steht: “WR-Köpfe”. Rechts im Bild der Henker die kopflose WR am Arm ziehend, welche die WR-Ausgabe mit der Überschrift “Hallo, Guten Morgen” in der anderen Hand hält. Der Henker sagt: “Ach, das merkt doch keiner!” Wirklich nicht? Sind die Leser tatsächlich so dumm? Schon hagelt es Abo-Kündigungen. Und das Anzeigengeschäft bricht weg. Womöglich hat sich der WAZ-Konzern selbst geschadet. Auf jedem Fall aber schadet das Niedersausen der “WAZ-Axt” auf die WR der Meinungsvielfalt in der Region. Sie wurde am Sonnabend symbolisch zu Grabe getragen. Und der Demokratie im Allgemeinen. Der Meinung waren am vergangenen Sonnabend nicht nur die Redner auf der Trauerkundgebung in Dortmund, sondern auch die zahlreich versammelte Trauergemeinde.

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