KOMMENTAR

Der Winter ist schuld – Schnee verbrennen mit Brüderle

Der Winter ist es. Das weiß man beim SPIEGEL, der SÜDDEUTSCHEN und auch beim FOCUS. N24 verkündet die Wetterbotschaft, die THÜRINGER ALLGEMEINE bemerkt es, der BAYERISCHE RUNDFUNK weiß davon zu erzählen, wie sollte der STERN da schweigen können: Weil es Winter ist, gibt es jetzt mehr als drei Millionen Arbeitslose. Eine eiskalte Medienlandschaft schweigt sich über die Fälschung der Zahlen einheitlich aus. Obwohl jeder weiß, dass mit über sechs Millionen Beziehern von Hartz IV die wirkliche Zahl auf der Hand liegt.

(Foto: CarbonNYC/flickr)

(Foto: CarbonNYC/flickr)

Weihnachten ist vorbei, für einen kurzen Moment der Caritas hatte man die Flaschenpfand-Sammler und die Müllesser im Feuilleton erwähnt, jetzt müssen wieder die Anzeigenkunden erwärmt werden.

Kühl rechnet die WIRTSCHAFTSWOCHE vor, dass im kommenden Jahr so beliebte Anzeigenkunden wie Siemens, Lufthansa oder E.On mindestens 50.000 Arbeitsplätze abbauen werden. Das mag angesichts von 40 Millionen Erwerbstätigen gering erscheinen. Aber wenn zum Beispiel bei Air Berlin, der Commerzbank oder RWE Stellen gestrichen werden, dann hat das immer Folgen bei weiteren, kleineren Unternehmen: Dienstleister aller Art entlassen im Gefolge der großen Konzerne. Es sind frostige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Da, wo es Arbeit gibt, geht es heiß her: Burnout ist die neue Volkskrankheit, und die gleichen Medien, die uns den Wintereinbruch der Arbeitsplätze verkaufen, stehen staunend neben den Ergebnissen eines Stresstestes, den das Bundesamt für Arbeitsschutz veröffentlicht: 43 Prozent der Deutschen klagen über Stress, die Zahl der psychischen Erkrankungen wächst, und während die da draussen um einen Arbeitsplatz zittern, sind die da drinnen wie angefroren an ihren Plätzen: Länger als acht Stunden arbeiten ist normal, Wochenendarbeit ist normal, unbezahlte Überstunden sind normal, dass die Pause wegfällt ist supernormal. Denn jeder weiß: Mach ich das nicht mit, gibt es auf dem Markt jederzeit Ersatz für mich.Eingefroren ist auch das Gehirn der Arbeitsministerin. Zwar weiß sie: “Wir haben 2011 rund 59 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen registriert. Das ist ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den letzten 15 Jahren.” Aber ihr eisiger Kommentar gilt den “Produktionsausfällen von sechs Milliarden Euro: Es kostet richtig viel Geld.” Starr vor Herzenskälte die gesamte Regierungskoalition: Die Schwarz-Gelben hatten ihr Spitzentreffen und während sonst Eisberge kreißen und wenigsten Mäuschen gebären, konnte der Koalitionsausschuss nur den Schnee von gestern verkünden: Es gibt im September Wahlen. Zur Arbeitslosigkeit kein Wort. Schließlich war ja aus allen Medien zu erfahren, dass der Winter schuld habe. Was soll die Koalition schon gegen die Macht der Naturgewalten unternehmen?

Doch während die Medien starr vor lauter Kälte nicht mehr zwei und zwei zusammenzählen können, während sie die gefälschten Arbeitslosenzahlen im Dunkel der Winternächte nicht erkennen, während ihnen der Zusammenhang von Entlassungen und Krankheit vor lauter Schneetreiben nicht deutlich wird, lassen sie Tag um Tag die Frühlingsgefühle des Herrn Brüderle zum heißesten Thema der Woche erblühen. Der Fraktionschef der FDP hatte vor einem Jahr einen schalen Herrenwitz gemacht, hat sich so benommen, als ob die Geschlechter-Marktgesetze ausgerechnet bei ihm außer Kraft gesetzt wären. Als ob mangelnde Intelligenz und schlechtes Aussehen ihn für jüngere Frauen attraktiv machen würden. Dieses bisschen heiße Luft, schon lange abgestanden, konnte die Talkshows füllen, die Kommentarspalten überquellen lassen und die kältestarren Redakteure auftauen: Was soll ihnen die schäbige soziale Wirklichkeit der Arbeit, die Gegend unterhalb der Gürtellinie ist ihre Kampfzone, wenn es um Auflagen und Quote geht.

In Gerhart Hauptmanns Drama “Die Weber” ruft der über den Aufstand höchst entsetzte Webermeister Hilse aus: “Hie bleiben mer sitzen und tun, was mer schuldig sein, und wenn d’r ganze Schnee verbrennt.” Hier könnte die Hoffnung der Markt- und Wettergläubigen liegen. Nach einer allgemeinen Schneeverbrennung, vielleicht durch massenhaftes Burnout, belebt sich der Arbeitsmarkt wieder, und auch die ziemlich tote FDP steigt aus ihrem Grab während Rainer Brüderle auf den pfälzischen Winzerfesten Leitungswasser in Spätlese verwandelt. – Webermeister Hilse wird gegen Ende des Dramas an seinem Arbeitsplatz durch eine verirrte Kugel getötet. Was an den Arbeitsplätzen des deutschen Journalismus geschehen wird ist unbekannt. Aber wahrscheinlich werden die Damen und Herren nach dem Brand ausrufen: “Die Asche bleibt uns doch.”

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