BERLINALE: Priester, schwul & hübsch

Er ist attraktiv, der katholische Priester Adam. Das meint auch die junge Ewa, die gelangweilt in der polnischen Provinz hockt und dem Priester eine echte Anfechtung sein könnte. Aber Adam (Andrzej Chyra) bleibt unnahbar. Nicht ganz so standhaft ist er, wenn er sich die knackigen jungen Männer rings um ihn herum ansieht, die sich in seiner Obhut befinden. Denn Adam ist schwul. Und so riskiert er zwar einen Blick auf Lukas (Mateusz Kosziukiewicz) aber erst mal auch nicht mehr. Die polnische Regisseurin Malgoska Szumowska lässt ihren Film “In the Name of” sich anschleichen. Kleine Gesten, Augenaufschläge, verstohlene Berührungen, mehr besser nicht, erzählt sie, wenn man im Gefängnis des Zölibat steckt.

Die polnische Provinz ist eine öde, scheinbar reizarme Gegend. Doch die weite, großzügige Landschaft kontrastiert mit der Stumpfheit des Tagesablaufs der Provinzler. Ein einziger Laden ist der Ersatz für Kino und Kneipe. Diese Kulturwüste soll wahrscheinlich die schwer erziehbaren jungen Männern, die im katholischen Heim mit Sport und Beichte therapiert werden, auf Buße und Reue konzentrieren. Aber wie sollte die Sexualität unterdrückt werden können, wie sollte man sie kanalisieren können? Adam empfiehlt Sport und kalte Bäder. Und so rennt er durch die Gegend, badet viel und kann sein Begehren doch nur im Schnaps ertränken.

Das macht die Szumowska großartig, wenn sie Adam volltrunken mit einem Foto des Papstes durch die Wohnung tanzen lässt. Es gelingt ihr immer wieder Bilder für die Gewissensqualen des Priesters zu finden, für seinen verzweifelten Kampf mit der eigenen Sexualität, den er verlieren muss. Aber seinen Job scheint er – trotz einer Denunziation – nicht zu verlieren. Sein Bischof kennt das, was er ein Problem nennt, man hat ihn schon einmal versetzt, man wird es wieder tun. In einer prächtigen, wunderbar fotografierten Prozession gegen Ende des Films, kumuliert noch einmal die ganze Wirkungsmächtigkeit der katholischen Kirche auf dem Land, der tiefe Glaube an die Kraft der heiligen Fahnen und Figuren, die heilige Blindheit, deren Denkverbote Körper und Geist fesseln. Doch wenn zum Schluss der Geliebte Adams als Mitglied eines Priesterseminars auftaucht, wird die Vermutung nahegelegt, dass für den unterdrückten Schwulen die katholische Kirche ein Refugium sein könnte. Wenn das der Papst wüsste.

BERLINALE: REITEN FÜR DEUTSCHLAND
Nina Hoss auf Goldsuche in Kanada

Zutiefst bescheiden nennt Thomas Arslan seinen Film einfach nur “Gold”. Und vor dem eigentlichen Anfang zeigt er den Zuschauern einen Nugget von der Größe eines Kinderkopfes. Seht her, dröhnt der Gold-Klumpen, darum geht es, und es wird noch viel mehr davon geben. Aha. Es ist das Jahr 1898. Eine Gruppe deutscher Auswanderer macht sich auf den Weg zum kanadischen Dawson, dorthin wo die Nuggets wohnen. Gefühlte vier Monate reitet die Gruppe über die Leinwand, obwohl der Film nur 113 Minuten währt. Das gibt zu denken. Zu denken gibt auch, dass die Deutschen nur an ihrer Sprache zu erkennen sind. Und an Nina Hoss natürlich. Durch die Reduzierung auf die Goldsuche hätte die Gruppe durchaus auch aus Iren, Schweden oder Polen bestehen können. Aber das Motiv der deutschen Auswanderer (immerhin verließen zwischen 1820 und 1920 fast 6 Mio. Menschen die deutschen Staaten) hätte Hinweise auf Heute geben können und auch eine besondere deutsche Farbe. Denn die damalige Verarmung weiter Landstriche als Folge der Industrialisierung, und die Hoffnung auf die amerikanische Demokratie aus einem weitgehend despotischen Deutschland heraus, gab den Deutschen damals den Anstoß zur Auswanderung. Diese sozialen Gründe zu skizzieren, hätte zumindest den Blick auf die heutige Einwanderung nach Deutschland schärfen können. Aber “Gold” bleibt im puren Abenteuer stecken.

Den Deutsch-Faktor garantierte nur noch Frau Hoss. Die kennt jeder. Gemeinsam mit ihr hakte die Gruppe alle Punkte des klassischen Goldrausch-Filmes ab: Indianer, Lagerfeuer, Betrug und Tod. Das war bei Werner Herzogs Film “Aguirre – der Zorn Gottes” schon deutlich besser zu erleben. Ganz zu schweigen von den vielen Jack London-Verfilmungen. Das hat aber weder den WDR, den Bayerischen Rundfunk noch diverse Filmförderungs-Büros gehindert, den Film kräftig zu finanzieren. Einmal, als einer aus der Gruppe, von Uwe Bohm dargestellt, in ein Fangeinsen gerät, ruft einer aus: “Kanada ist so groß und ausgerechnet der muss in eine Bärenfalle tappen!” So ist dem Film die Kritik gleich eingebaut: Klischee und Zufall führen die Regie.

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