Zu einem Text von Prof. Dr. Wolfram Elsner

“Be heterodox. And be good with it.”: Wirtschaftswissenschaften – Realität – Politik

Die Ökonomik wird seit etwa 30 Jahren von einem neoliberalen Mainstream geprägt. In letzter Zeit noch verstärkter. Mit schwerwiegenden Folgen für unsere Gesellschaft. “Die etablierten Wirtschaftswissenschaften haben mit ihren Mythen und Dogmen die Deregulierung der Märkte empfohlen und zu ‘Strukturreformen’ aufgefordert, um die Kräfte des Marktes zu entfesseln und in der Globalisierung mit zu halten. Sie haben die Ökonomisierung aller Lebensbereiche vorangetrieben. Ihr Versagen wir immer offensichtlicher.” (pad-Verlag)

Aufgemerkt!; Foto: G. Altmann via Pixelio.de

Aufgemerkt!; Foto: G. Altmann via Pixelio.de

Wer es noch nicht bemerkt hat: Wir befinden uns in vielerlei Hinsicht auf dem Holzweg. Deshalb stecken wir auch in einer sich fort- und fortpflanzenden, anscheinend nicht enden wollenden Krise. Doch ist das gottgegeben? Gott bewahre! Ganz gewiss nicht! Und alternativlos – ein gern von unserer Bundeskanzlerin gebrauchtes Adjektiv – ist dieser unsere Gesellschaften immer näher ins Chaos, wenn nicht sogar in den Abgrund führende Weg schon überhaupt nicht. Aber das zu Erkennen ist vor allem für die derzeit handelnden “Eliten” offenbar schwer bis unmöglich. Wie könnte es auch Gelingen mit einem ziemlich dicken Brett vor deren Köpfen! Mit ein Hauptgrund warum wir in vielerlei Hinsicht tief in der Krise stecken ist der seit geraumer Zeit herrschende Ökonomen-Mainstream. Dieser setzt sich inzwischen fast mehrheitlich aus Apologeten des Marktradikalismus und Neoliberalismus (der bei näherer Betrachtung gar nicht so neo also: neu ist) zusammen. Das ist gewissermaßen zur Religion geworden. Und die hat eben Recht, wie einst die SED in der DDR – “Die Partei, die Partei hat immer Recht, die Partei…”. Was rechts und links des neobliberalen, nennen wir des raubtierkapitalistischen Wegs liegt interessiert nicht. Es wir getönt: der Markt richtet es! Aber was richtet er denn? Beispielsweise in der Finanzkrise? Wäre es da nach den Marktgesetzen gegangen, hätte manche Bank pleite gehen müssen. Nein, darauf beharrt diese ökonomische Schule mit dem dicken Brett vorm Kopf: Wir haben Recht, die anderen irren. Und muss das nicht auch stimmen, erstere sind in der Mehrheit. Und sogar die Medien sind auf deren Seite. Das mag so sein. Aber auch nur, weil es so gemacht wurde. Erinnert sich noch jemand an die vielen Talkshow-Sendungen von Sabine Christiansen in der ARD? Sie – unter anderen – verstärkte diesen neobliberalen Mainstream von hinten von vorne. Die Printmedien sekundierte (mehr oder weniger unkritisch) und priesen die Notwendigkeit des Holzweges. Eines Holzwegs, den noch heute so mancher Entscheidungsträger nicht zu erkennen vermag oder darf: Die Partei, die Partei, die Partei hat ja Recht. Also laut rufen im Wald und munter weiter in die Katastrophe.

Heterodoxe Ökonomie

Bei der Ökonomik, wie die Wirtschaftswissenschaft auch genannt wird - die eben keine (Natur-) Wissenschaft ist – hat sich der schon eine Zeitlang ausufernde in praxi negativ wirkende ökonomische Mainstream durchgesetzt. Mit schwerwiegenden Folgen. Denn diese neoliberalen Mainstream-Ökonomen bestimmen ja inzwischen auch nahezu durchgängig den Lehrbetrieb an den Universitäten. Die Ökonomie-Absolventen gehen mit neobliberalen Brettern hinaus in die Welt. Und richten ihrerseits neuen Schaden an. Der heute noch gar nicht abzusehen ist. Allerdings hört man inzwischen auch von kritischen Studenten die aufgrund der Krisenrealität alternative ökonomische Schulen nachfragen. An denen wird an vielen Einrichtungen seit Jahren jedoch vorbei gelehrt. Gemeint ist da vor allem die Heterodoxe Ökonomie. Diese umschreibt die Ansätze und Schulen der ökonomischen Theorie, welche außerhalb des ökonomischen Mainstream liegen, somit nicht als orthodoxe Ökonomie bezeichnet werden. Heterodoxe Ökonomie ist ein Überbegriff, der die unorthodoxen Ansätze, Schulen und Traditionen umfasst. Dies beinhaltet institutionelle, postkeynesianische, sozialistische, marxistische, feministische, österreichische, ökologische und andere sozialwirtschaftliche Ansätze (Wikipedia-Eintrag)

Der Begriff heterodox bedeutet andersdenkend, andersgläubig und hat seinen Ursprung in der Religion.

Der Text zum Thema

Der Ökonom Prof. Dr. Wolfram Elsner hat sich in “Wirtschaftswissenschaften – Realität – Politik” (basierend auf einem öffentlichen Vortrag auf der Tagung “Die Krise des Kapitalismus und die Zukunft der ökonomischen Wissenschaft. Mainstream – Heterodoxien – Pluralismus?” des Arbeitskreises Postautistische Ökonomie e.V. und der Hans-Böckler-Stiftung an der Universität Kassel am 28./29.09.2011) Gedanken zum Thema gemacht.

Seine im pad-Verlag Bergkamen vorliegende Broschüre endet mit folgendem Satz: “Fragenden jungen und angehenden Ökonomen und allen, die sich kritisch suchend mit Ökonomie und Ökonomik auseinandersetzen, kann nur geraten werden: ‘Be heterodox. And be good with it. Do it. And be professional.’” Heterodox zu arbeiten heisst ja nichts anderes als pluralistisch vorzugehen. Es ist eben das Gegenteil von der “Die (eine) Partei hat immer Recht”. So arbeiten (und zu lehren) bedeutet eben nicht nur stur gerade aus zu blicken, sondern auch Wegen rechts und links davon ins Auge zu nehmen und prüfen, ob die nicht womöglich gangbarer wären.

Die Broschüre ist nicht umsonst in das “Ökonomische Alphabetisierungsprogramm” des pad-Projektes in Kooperation mit Labournet aufgenommen worden.

Wolfram Elsner kommt das Verdienst zu, auf unter hundert Seiten Text den Verlauf der ökonomischen Wissenschaft kompakt dargestellt und kommentiert zu haben. Begleiten wir Elsner lesend auf diesem Weg, erfahren wir, dass es in den 1920er und 1930er Jahren schon einmal ein “(fast) ‘pluralistisches Zeitalter” gegeben hat. Schon damals jedoch, schreibt Elsner, “wollten (und konnten und durften)” die “Neoklassiker” nicht hören: “Zu verlockend war der mögliche Reputationsgewinn bei den Herrschenden durch eine ‘naturwissenschaftlich exakte’ Sozialwissenschaft der ‘perfekten Marktwirtschaft’ - gegenüber der Konkurrenz der anderen ökonimischen und sozialwissenschaftlichen Paradigmata.” (Seite 6 unten)

“Neoklassisch inspiriert und sanktioniert: Nach offizieller Lesart waren plötzlich ‘die Märkte’ ‘im Prinzip’ im ‘Gleichgewicht’, müssten aber (wieder) zum (‘perfekten’) Funktionieren gebracht werden, also zu diesem Zweck ‘befreit’ werden. Die Mittel dazu waren den ‘Neoklassikern’ und er vorherrschenden Politik damals schon so offensichtlich klar, wie heute den offiziellen ‘Griechenland-Rettern’: weniger Staat, staatliche Sozial- und Vorsorge-Ausgabe-Reduktion und Lohnsenkung, verbunden mit dem Zwang des Arbeiters, dem ‘Individuum Firma’ nur noch als ‘Individuum Arbeiter’ und nicht als ‘marktstörendendes’ Kollektiv ‘Belegschaft’ oder ‘Gewerkschaft’, also ‘doppelt frei’ (von allen Vermögen und allen Rechten) und damit ‘gleichberechtigt’, entgegentreten zu müssen (wie ja auch die imperialistische Troika in Griechenland genau weiß, was die Ursache der griechischen Krise ist: die Löhne und die Tarifhoheit der Arbeiter, die entsprechend zuerst kleingehauen werden mussten). Mit dieser Strategie der ‘Brüning und Co.’ kam man in fast allen kapitalistischen Hauptländern natürlich zunächst nicht raus aus der Depression, sondern tiefer rein (auch hier dürfen sie bis heute nichts lerneen, s. Griechenland (…)” (Seite 7 Mitte, bis 8 oben)

Alles schon einmal dagewesen

Da also schon das Brett vorm Kopf. Ähnliche (verhängnisvolle) Austeritätsrezepte wie sie den Krisenländern heute verschrieben werden. Einzig US-Präsident Franklin Roosevelt ließ sich nach anfänglicher Ablehnung überzeugen. Der New Deal half den USA aus der Großen Depression.

Krisengeschichte

Die Broschüre kann freilich (und will es) auch nicht die komplette Wirtschaftsgeschichte darstellen. Dennoch ist es Wolfram Elsner sehr gut gelungen deren Wege von 1920 bis ins Heute aufzuzeigen. Besonders ökonomische Laien werden einen großen Nutzen aus dessen Arbeit ziehen. Hilft sie doch auch Irrtümer zu verstehen, aber genauso Alternativen aufzuzeigen. Die Krisengeschichte baut sich vor unserem inneren Auge auf. Bis hin “zum sich gegenwärtig zuspitzenden Krisen-Zustand der kapitalistischen Realität”. Ich lege diese pad-Broschüre wirklich allen ans Herz, die verstehen wollen. Offenbar wird uns der Beitrag der herrschenden Ökonomik zur momentanen Wirklichkeit und “zu ihrer Verantwortung” dafür “in den letzten knapp hundert Jahren.”

Klassenkampf von oben

Besonders empfehlen möchte ich das Kapitel III. “Der lange vorbereitete Paradigmenwechsel zum ‘neobliberalen’ Post-Wohlfahrtsstaat wird vollzogen” (S. 19). Dieser begann bereits Mitte der 1970er Jahre. Die Unternehmer begannen sozusagen den Klassenkampf von oben. Ein roll back wurde eingeleitet. Soziale Errungenschaften wurden aufs Korn genommen. Altbundeskanzler Schmidt begann ‘neoliberal’ (was weder neo (neu) noch liberal bedeutete, sondern auf Proftit für die Unternehmer orientierte) zu reden und zu handeln. Die Chicago Boys traten auf den Plan. Die Pinochet-Diktatur in Chile stellte ihnen das Land quasi als Versuchslaboratorium des Neoblibalismus zur Verfügung. Später bauten darauf Margaret Thatcher (nach deren Meinung es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt) in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA auf. Nicht zu vergessen Bundekanzler Gerhard Schröder mit seinen “Reformen” (eine Entwicklung, welche m.E. nebenbei bemerkt Albrecht Müller von den NachDenkSeiten sehr gut skizziert hat.) Diese Politik, schreibt Wolfram Elsner funktionierte nach folgendem Prinzip: ‘Der Staat ist doof! Die Gewerkschaften sind gefährlich!’ – ‘”‘Privat’ dagegen ist gut, rational, optimal, gleichwertig und stabil (…)”

Hier kann nicht auf all die von Elsner zusammengetragenden Fakten eingegangen werden. Deshalb heißt es: Selber lesen! Die Broschüre erhellt den Blick auf die Realität. Und hilft beim Einordnen der Verantwortlichkeiten. Wir sitzen nicht nur in der Falle “der ‘unmöglichen’ Profitrate” (Wolfram Elsner) sondern auch gründlich in der Patsche. Doch wir lernen durch Elsners Text verstehen: Wir kamen nicht wie die Jungfrau Maria hopplahopp zum Kinde (in die Dauerkrise). Und schon gar nicht unbefleckt!

Wir können aus der Patsche kommen

Elsners Text gibt uns Anreize dazu. Ob es dazu kommt, steht indes in den Sternen. Der neoliberale Ökonomik-Mainstream, sagt der dem Leser, kann es nicht sein. Dieser Weg ist aus Holz und führt(e) in die Katastrophe. Elsner Broschüre klärt auf. Er ist an diejenigen Menschen gerichtet, welche etwas ändern wollen. Der Text endet nicht umsonst mit der Aufforderung “Be heterodox”. Und das gilt in erster Linie – aber nicht nur- für die Ökonomen. Der Ruf hätte auch lauten können: Schwimmt nicht länger im Mainstream! Kehrt um! Reißt euch die Bretter von den Augen und schmeißt sie auf den Müll!

Das Schlimme: Nichts was uns hier und jetzt passiert ist neu. Wir müssen nur einmal hundert Jahre zurückschauen. Mit Wolfram Elsner zum Beispiel und seinem erhellenden Text.

 

Wolfram Elsner

Wirtschaftswissenschaften – Realität – Politik

Der Beitrag des ökonomischen Mainstream zum Kasino-, Krisen- und Katastrophen-Kapitalismus – und Perspektiven der heterodoxen Ökonomik

pad-Verlag Bergkamen; ISBN 978-88515-242-8

Preis 5 Euro

E-Mail: pad-verlag@gmx.net

Artikelfoto: G. Altmann via Pixelio.de

 

Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare.

  1. Steht in dem Text auch, wie es dazu kam, dass der Neoliberalismus zur Hegemonie gelangen konnte? Den Hinweis, dass der New Deal so großartig funktionierte, hat nun wohl jeder schon einmal von den Keynesianerinnen vernommen, der sich dafür interessiert.

    Aber eine Analyse, wie es möglich war, eine Mehrheit gegen den Sozialstaat zu erlangen, die mehr Personen als die eigentlichen Profiteure von “Leistung muss sich wieder lohnen” bewogen haben muss, die Konservativen/Liberalen zu wählen, steht meines Wissens immer noch aus.

  2. Das größte “Raubtier” in diesem angeblichen “Neoliberalismus” ist unbestritten der Staat mit seiner Staatsquote von über 50%, Tendenz steigend.
    Selbst die Mustersozialstaaten von Skandinavien haben inzwischen längst erkannt, dass das falsch ist und senken ihre Staatsquote seit Jahren.
    Der zweite Fehler ist, dass dem Staat diese exorbitant hohen Einnahmen nicht reichen,
    er macht Schulden.
    Auch hier sind die skandinavischen Länder, übrigens auch Russland wesentlich vernünftiger, teilweise werden dort sogar Rücklagen gebildet statt Schulden zu machen.
    Und schließlich mischt sich der wirklich strohdumme Staat derart in die Wirtschaftspolitik ein, dass man z.B. in der Energiepolitik nur von Planwirtschaft reden kann, bei der durch die völlig irrationale Politik der angeblichen Klimarettung Hunderte Milliarden verpulvert werden.
    Wo ist da bitte noch “Marktwirtschaft”???

    Schließlich ist die hier geäußerte Meinung, dass Marktwirtschaft “von alleine” funktioniert natürlich falsch, siehe Stichwort Monopole, die immer der Tod jeder Marktwirtschaft sind.
    Natürlich muss der Staat und kein anderer Regeln festlegen und durchsetzen, die einen freien Markt ermöglichen und vor allem den Verbraucher vor Schäden der “Marktwirtschaft” schützt.
    Eine gewisse gesellschaftliche Tendenz zur “Entsolidarisierung” scheint mir allerdings unbestreitbar,
    ich nenne das “Amerikanisierung”, jeder denkt nur an sich, man kann nicht alles am Dollar messen.
    Natürlich ist die Basis jeder “Demokratie” persönliche Freiheit, aber verbunden mit Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit.
    Die persönliche Freiheit hat eindeutig abgenommen (Überwachungsstaat), die Ehrlichkeit und Rücksichtnahme auf den Mitmenschen auch.
    Ein Illusionist ist der, welcher meint, “der Staat” könne alles richten.
    Er ist imho eindeutig die Schwachstelle in unserem “System”

    mfG

    • @w.paul: Darf ich Sie darauf hinweisen, dass die Mär vom “Raubtier” Staat neoliberales Gedankengut in Reinkultur ist? Die von ihnen angesprochene Staatsquote versprach damals eine Thatcher ebenfalls deutlich zu senken, geschafft hat sie es nicht. “Starving the beast”, hieß das übrigens unter Reagan.

      Dass nur der/die etwas zählt, die Geld hat, es keine Solidarität unter den Menschen gibt außer als Fernstenliebe in Form von Spenden, sind die Konsequenzen der neoliberalen Hegemonie. So ganz damit anfreunden können Sie sich offenbar nicht.

      Um es deutlich zu sagen, ich bin kein staatsgläubiger Mensch, aber dass die neoliberale Doktrin vielfach reflexhaft heruntergebetet wird, ohne dass die Leute wissen, woher die Ideen stammen, ist schon frappierend. Und genau dieser Umstand wird Hegemonie genannt.