KOMMENTAR

Ich will leben – und nicht nur überleben!

Bildung als Garant für eine gut bezahlte Stelle ist schon lange nicht mehr gültig, doch wie sieht die Realität aus für Absolventen?

Nach Angaben von statista besitzt ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland NACH Abzug von Miete und Lebensmitteln ein Netto-Einkommen in Höhe von 1.350 Euro zur freien Verfügung für Freizeit, Mode und Sport. Davon können viele Absolventen nach ihrem Studienabschluss nur träumen – rund 6 Monate vergehen laut Günther Stienecker vom so genannten Career Center der Bremer Universität vom Abschluss bis zum ersten festen Job. Diese Zeit überbrücken viele Absolventen mit schlecht bezahlten Praktikumsstellen. Bei 400,- Euro monatlicher Praktikumsvergütung und einem Arbeitsaufwand von 40 Stunden pro Woche verdient ein Praktikant 2,50 Euro pro Stunde. Eine Reinigungskraft verdient etwa 12,93 Euro brutto pro Stunde bei einem Arbeitsaufwand von 40 Stunden pro Woche. Das  sind 2070,- Euro brutto pro Monat, etwa das 5-fache des studierten Praktikanten, der höchst wahrscheinlich staatliche Sozialleistungen wie Hartz IV oder Wohngeld beantragen muss, um überleben zu können.

Nach der Uni erst mal Hartz IV

Viele Absolventen beantragen gleich Hartz IV nach ihrem Diplom, um sich auf die Jobsuche und das Schreiben von Bewerbungen zu konzentrieren. Langfristig lockt schließlich eine gut bezahlte Stelle, für die sich das jahrelange Studieren und die Aufnahme eines Studienkredits gelohnt haben soll. Sollte dieser Fall nicht eintreten und man bekommt als top ausgebildeter Absolvent eine Einstiegsstelle, bei der man um die 1.000 Euro brutto im Monat für eine 40-Stunden-Woche bekommt, so gibt es die Möglichkeit, seinen Niedrigverdienst mit Hartz IV aufzustocken. Das tun laut DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) mehr als 2 Millionen Menschen in Deutschland, darunter meist Familien mit Kindern sowie Alleinerziehende, die im Niedriglohnsektor arbeiten oder in Teilzeit beschäftigt sind. Diese Teilzeitbeschäftigungen reichen finanziell meist nicht aus, um ohne Aufstockung vom Jobcenter über die Runden zu kommen.

Arm trotz Arbeit

Vom Armutsrisiko betroffen sind nach einer Statistik von SOEP neben Alleinerziehenden vor allem Singles unter 30 Jahren, die später ins Berufsleben starten und besonders hoch vertreten sind im Niedriglohnsektor. Jeder vierte Erwerbstätige arbeitet mittlerweile für Bruttostundenlöhne von max. 9,54 Euro (Westdeutschland) bzw. 7,04 Euro (Ostdeutschland). Das entspricht einem Bruttomonatslohn in Höhe von 1526,40 Euro bzw. 1126,40 Euro. Damit ist der Gang zum Jobcenter fast unvermeidbar, denn nach Abzug von Steuern und Versicherungsbeiträgen bleiben beispielsweise einer Alleinerziehenden mit 1 Kind in NRW etwa 11oo,- Euro netto. Von diesem Betrag müssen Miete, Lebensmittel, Kita-Beiträge sowie übliche Lebenshaltungskosten beglichen werden.

Insgesamt waren im Juli 2012 von rund 4,5 Millionen Hartz IV-Beziehern nur 2 Millionen arbeitslos. 1,3 Millionen Hartz IV-Bezieher haben gearbeitet, davon waren 557.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt und rund 350.000 Menschen haben Vollzeit gearbeitet. Besonders hoch ist die Anzahl der Hartz IV-bedürftigen Beschäftigten in Berlin. Mit 6,7 Prozent der beschäftigten Aufstockern liegt Berlin über der bundesweiten Aufstockerquote von 2,7 Prozent.

Mindestlohn würde die Kommunen entlasten

Der DGB schlägt einen gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde vor, denn die Aufstockung durch Hartz IV kommt Bund und Kommunen teuer zu stehen. Rund 4 Milliarden Euro wurden im Jahr 2010 für Aufstockungen von sozialversicherungsrechtlich Beschäftigten ausgegeben. Davon machten die Kosten für Unterkunft und Heizung mit 2,24 Millionen Euro den Großteil aus. 1,7 Milliarden Euro wurden für die Regelleistung zum Lebensunterhalt ausgegeben. Da vorhandenes Einkommen zuerst mit den Aufwendungen des Bundes für die Regelleistung zum Lebensunterhalt verrechnet wird, fallen 250.000 Aufstocker aus der Zuständigkeit des Bundes heraus, für die jedoch die Kommunen die Unterkunftskosten übernehmen. Eine vollständige Entlastung der Kommunen erfolgt erst durch den VOLLSTÄNDIGEN Wegfall der Hartz IV-Bedürftigkeit. Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt der DGB die flächendeckende Einführung von Mindestlöhnen sowie den Ausbau von Kindergeld und Wohngeld vor. Das klingt nach einem realistischen Ansatz für:

Leben statt nur überleben!

von Young-Mi Kuen

 

Kommentare

Dieser Artikel hat 8 Kommentare.

  1. Das grösste Armutsrisiko in Deutschland ist nicht ein fehlender Job nach einer guten Ausbildung. Das grösste Armutsrisiko in Deutschland sind Kinder in diesem kinder- und familenfeindlichen Land!

  2. Hallo Thorsten,
    vor allem Alleinerziehende haben es doppelt und dreifach schwer. Die meisten Kitas bieten Betreuungszeiten bis 16 oder 16:30 Uhr an, das macht das Arbeiten nicht gerade flexibel. Dazu kommt natürlich, dass man als Eltern gerne mehr von seinem Kind haben möchte als nur Guten Morgen und Gute Nacht.

    Wie könnte eine Lösung aussehen, langfristig?

    • @ Young-Mi

      Wie könnte eine Lösung aussehen, langfristig?

      Indem man das Erziehungsgehalt nicht an der Höhe des Einkommens bemisst sondern wie das frühere Erziehungsgeld als Pauschalbetrag je Kind!

      Indem man nicht staatliche Kinderkrippen hoch subventioniert sondern endlich kindererziehende Eltern finanziell besserstellt und es denen überlässt (Stichwort Wahlfreiheit!) ob sie das Geld für eine Kinderkrippe einsetzen oder als Anerkennung für häusliche Erziehungs- und Betreuungsarbeit!

      Zu überlegen wäre grundsätzlich ein Erziehungsgehalt!

      Denn jedes Kind bringt dem Staat und der Gesellschaft nach Abzug aller Kosten einen durchschnittlichen wirtschaftlichen Gewinn von ca. 70.000 Euro! Dieses Geld steht den Eltern zu als Anerkennung für ihre unentleldliche Erziehungsarbeit! In der Realität sieht es aber so aus, dass v.a. Kinderlose von den Kindern anderer Leute wirtschaftlich profitieren während die Eltern dieser Kinder bei der Rente nahezu leer ausgehen!

  3. besonders witzig finde ich, daß man über alleinerziehende väter kaum was hört. es ist besonders amüsant, wenn so ein alleinerziehender trottel auf dem spielplatz inmitten von waschpulver, reinigunsgmittel, figuren, fettverbrennung, kosmetik und mode hechelnden weibern sitzt.

    • Schlimmer finde ich die getrennt lebenden Papis…die die, ihre Kinder am Wochendende sehen…man kann die auf einen Blick erkennen…z.B auf Jahrmärkten im Winter…das Kind läuft schon blau an vor kälte der Schal halten sie fest statt es dem Kind um den Hals zubinden…und kaum einer weiß scheinbar das wenn man mit Kindern unterwegs ist… auch wenn sie etwas älter sind… Kinder durst haben können…auch vor aufregung so das ihnen der Hals Trocken wird…und dann immer sagen… du hast doch eben schon getrunken…